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International: Gründe für die Krise bei Inter Mailand

Drei Pleiten in den ersten drei Pflichtspielen, so desaströs war Inter seit 1921 nicht mehr gestartet. Das Remis gegen die Roma machte ebenfalls wenig Hoffnung auf Besserung. Wer trägt die Schuld? Nur der Trainer oder sollten sich auch andere, allen voran der Präsident, einmal selbst kritisch hinterfragen? Wir analysieren.

Es ist noch nicht lange her, da war Inter frischgebackener Sieger der Champions League und das Maß aller Dinge. Die Italiener spielten nicht schön, dafür effektiv und erfolgreich. Sie beeindruckten mit ihrer perfekten Raumaufteilung auf dem Rasen, einer bärenstarken Defensive und schlugen im entscheidenden Moment eiskalt zu. 15 Monate später ist davon nicht mehr viel übrig.

Das Urteil der Gazzetta dello Sport nach den Pleiten zum Liga-Auftakt in Palermo und der Heimschlappe in der Champions League gegen Trabzonspor traf den Nagel auf den Kopf: "Als hätte man die Wahl zwischen Bauch- und Kopfschmerzen. Sonntag unordentlich, leichtsinnig, offen wie ein Scheunentor und 4:3 geschlagen. Heute geordnet, aber unbeweglich, ideenlos und 1:0 besiegt.“ Die Saison hat gerade erst begonnen, doch bei Inter Mailand brennt  der Baum bereits lichterloh. "Wenn es regnet, dann schüttet es", kommentierte Gasperini laut laola1.tv.

Inklusive des 1:2 im Supercup-Finale gegen Milan gingen die ersten drei Pflichtspiele der Saison verloren – so schlecht waren die Nerazzurri seit 1921 nicht mehr in eine Spielzeit gestartet. Überhaupt drei Pflichtspiele in Folge hatte man seit April 2000 nicht mehr vergeigt. Das 0:0 gegen Roma bedeutete im vierten Auftritt zwar immerhin den ersten Punkt, auf dem Platz gab es trotzdem wenig zu sehen, was an schnelle Besserung glauben lässt.

Die Nervosität der Führungsetage steigt minütlich, patzt Inter auch bei Aufsteiger Novara, wird mit Gian Piero Gasperini der dritte Trainer in zwölf Monaten Geschichte sein. Doch trifft ihn wirklich die Alleinschuld? Oder sollten sich nicht vielleicht eher der Club und Präsident Massimo Moratti einmal selbst und ihre Art der Clubführung hinterfragen? Denn die derzeitige Krise ist auch eine Folge der Fehler, die nach dem Abgang von José Mourinho gemacht wurden. Seitdem mangelt es Inter an einem weitsichtigen Konzept und an Einigkeit in den Gremien. Vor allem Moratti und der technische Direktor Marco Branca funken nicht immer auf einer Wellenlänge.

Bei Trainerkandidaten nie die erste Wahl

Inter holte Rafa Benitez als Mourinho-Nachfolger - einen Trainer, den Moratti eigentlich nie wirklich wollte und dem er dann auch jegliche Unterstützung verweigerte. Geblendet von den Erfolgen der Vorjahre und der festen Überzeugung, dass Inter aus Europas Spitze nicht mehr wegzudenken sei, verzichtete der Präsident auf Neueinkäufe, überließ dem Coach ein sattes, in Teilen überaltertes und zum Saisonstart von Verletzungssorgen geplagtes Team. Die Folgen waren der Absturz in der Liga und die Entlassung von Benitez trotz Weltpokalsieg nach nur sechs Monaten, als dieser öffentlich Verstärkungen anmahnte.

In Ermangelung prominenten Ersatzes holte man den zuvor bei Milan gescheiterten Leonardo, kaufte die zuvor Benitez vorenthaltenen Verstärkungen – u.a. Andrea Rannocchia und Giampaolo Pazzini, der Inter mit seinen Toren 18 Punkte brachte – und führte das Team so zurück auf Platz zwei, verspielte allerdings in nur vier Tagen mit dem peinlichen Champions League-Aus gegen Schalke und der bitteren Derby-Niederlage gegen Milan die Chance auf große Titel. Sofort wurde auch vonseiten des Präsidenten über Leonardos Kopf und potentielle Nachfolger diskutiert. Am Saisonende erklärte er dann seinen Rücktritt und Wechsel nach Paris.

Holen konnte Inter aber nicht einen der vielen heiß diskutierten großen Namen wie Pep Guardiola, Fabio Capello, Carlo Ancelotti oder André Villas-Boas, die alle absagten, sondern musste sich letztlich mit Gasperini als gerade mal vierter oder fünfter Wahl begnügen. Schon vor der Saison hatten viele Experten ihre Zweifel, ob ein Trainer, der trotz seiner 53 Jahre noch nie eine Spitzenmannschaft trainiert hatte und als größte Leistung den Aufstieg mit Genoa in die Serie A vorzuweisen hatte (allerdings mit einer äußerst attraktiven Spielweise) der richtige Mann sei, um Inter zurück an die Spitze zu führen.

Autorität des Trainers untergraben

Er könnte es vielleicht werden, wenn man ihm Zeit gäbe, sein System und seine Spielphilosophie bei Inter zu implementieren. "Ich weiß nicht, ob Moratti ihm die Zeit gibt“, bezweifelte kürzlich der einst bei Inter trotz dreier Meistertitel geschasste Roberto Mancini in der Gazzetta dello Sport.

Diese Zweifel haben viele, denn Moratti steht nun einmal, sobald der Erfolg ausbleibt, für sprunghafte, mitunter fahrige Entscheidungen und auch dafür, die Autorität eines Trainers binnen kürzester Zeit mit öffentlichen Äußerungen zu untergraben. So riet er Gasperini nach dem verpatzten Auftritt gegen Palermo, von der Drei-Mann-Abwehr abzurücken und zu einer Viererkette zurückzukehren, was dieser dann gegen Trabzonspor auch tat.

Das wirft natürlich einige Fragen auf. Warum verpflichtet man überhaupt einen Trainer, dessen Markenzenzeichen seit Jahren die Dreierkette hinten ist, um ihn dann nach nur zwei Spielen zu zwingen, davon abzurücken?

Ex-Milan-Coach Arrigo Sacchi hatte so etwas schon vor der Saison geahnt, als er in der Gazzetta warnte, dass die Fußballphilosophie Gasperinis gar nicht zum aktuellen Inter-Kader passe, ein 3-4-3 ohne entsprechende Spieler daher auf die Schnelle nicht umsetzbar sei. Man bedenke nur, dass vor allem Inters Abwehr langsam in die Jahre kommt und mittlerweile deutliche Schnelligkeitsdefizite aufweist, zudem fehlen schon seit Jahren erstklassige Flügelstürmer, was im 3-4-3 von großem Nachteil ist, wie das Spiel gegen Palermo zeigte.

Transferpolitik richtet sich nicht nach Ansprüchen des Trainers

Inters Transferpolitik steht einem kontinuierlichen Aufbau ohnehin schon seit längerer Zeit im Wege. Junge Talente wie Mario Balotelli und zuletzt David Santon wurden verkauft, stattdessen ältere geholt. Mourinho hatte sich noch bedienen und Spieler holen dürfen, die ihm schnellen Erfolg versprachen. Benitez durfte überhaupt nicht einkaufen und Leonardo bekam dann Rannocchia und den immerhin erfolgreichen Pazzini vor die Nase gesetzt.

Gasperinis Mitspracherecht bei den Sommereinkäufen dürfte ebenfalls gering gewesen sein. Inter will sich langsam auf das Financial Fair Play vorbereiten, um in die Richtung einer ausgeglichen Bilanz zu kommen, der Abgang von Samuel Eto'o war daher nicht zu verhindern.

Die Verpflichtungen von Mauro Zarate und Diego Forlan dürften aber nicht originär die Idee von Gasperini gewesen sein. Er hätte sicher reine Flügelspezialisten präferiert und vielleicht auch anders als Branca darauf geachtet, ob die Spieler auch in der Champions League-Gruppenphase einsetzbar sind. In Bezug auf das neue System wurde die Mannschaft so eher geschwächt als verstärkt.

Auch Gasperini hat Fehler gemacht

Natürlich hat auch Gasperini Fehler gemacht. Die andauernden Systemumstellungen in der Vorbereitung von 3-4-3 auf 4-3-3, 5-3-2 und 4-2-3-1, sogar während des Supercup-Finals und jetzt zu Saisonbeginn haben das Team weiter verunsichert. Auch Wesley Sneijder, in den letzten beiden Jahren noch Inters unumstrittener Spielgestalter, wurde von Gasperini durch die Positionen geschoben. Zunächst durfte der Holländer in der Mittelfeldzentrale ran, letzte Woche machte ihn der Coach plötzlich zur hängenden Spitze, bevor er gegen Roma weiter auf die Außen gezogen wurde. Entsprechend verwirrt rannte Sneijder auch zuletzt über den Platz, war ein Schatten seiner selbst.

Ein wirkliches Konzept ist derzeit im gesamten Club nicht zu erkennen. „Dort geht gerade eine Ära zu Ende“, unkte daher Mancini. Gasperini gab sich laut passioneinter.it noch kämpferisch und erklärte: „Vielleicht beginnen wir auch eine neue.“ Doch so richtig glauben kann man daran nicht. Inter wird in dieser Saison zwar sicher nicht völlig abstürzen, doch um längerfristig wieder ganz oben mitmischen zu können, benötigen die Nerazzurri einen richtigen Neuanfang. Vor allem sollten sich alle Parteien auf ihren Job konzentrieren. Moratti darauf den Club zu repräsentieren, Branca darauf, welche Spieler einsetzbar sind und Gasperini auf die Trainingsarbeit.

Rauswurf kaum noch zu verhindern

Gibt man ihm Zeit und freie Hand, wäre Gasperini durchaus der richtige Mann. Die Spieler stehen hinter ihm, sprechen sich öffentlich für seinen Verbleib aus – bei Benitez war der Rückhalt unter den Kickern deutlich geringer. Doch noch ein Jahr ohne Titel wäre für Moratti ein Graus, von daher wird der oberste Fan und Präsident nichts unversucht lassen, das Ruder so schnell wie möglich herumzureißen und mit einem neuen Trainer sein Glück zu versuchen. Am Erfolg dieses Schrittes darf man Zweifel haben, nicht aber daran, dass er erfolgen wird.

Nach außen erklärt Moratti zwar immer noch, dass Gasperini nicht zur Debatte stehe und er selbst Geduld habe. Doch das erklärte er auch noch Ende November letzten Jahres in Bezug auf Benitez. Drei Wochen später war seine Geduld mit dem Spanier dann beendet. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird sich wohl demnächst der vierte Trainer seit Mourinho daran versuchen, Inter zurück auf den Erfolgsweg des Special One zu bringen und nicht in der „Zentrifuge Inter“, wie Giovanni Trapattoni es einst ausdrückte, herumgewirbelt und ausgespuckt zu werden. Kandidaten werden bereits gehandelt, neben Delio Rossi und Claudio Ranieri auch Roberto Baggio. Letzterer ist ein Volksheld in Italien und persönlicher Liebling von Moratti, verfügt aber über keinerlei Erfahrung als Trainer.

Malte Asmus

sportal.de / sportal

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