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International So geht es für Italiens Fußball wieder aufwärts


Italiens Fußball in der Krise? Unbestreitbar. Aber anstatt immer weiter zu klagen, haben wir ein "Kommando Arrigo Sacchi" gebildet und einen Fünf-Punkte-Plan zu seiner Rettung entworfen. So könnte der Calcio in wenigen Jahren wieder an der Spitze Europas stehen.

"Quo vadis, calcio?" fragten wir vor ziemlich genau fünf Jahren. Damals war Italien Weltmeister, aber viele Aspekte des italienischen Fußballs deuteten auf einen anhaltenden Abwärtstrend dieser großen Fußballnation hin. Inzwischen ist es nicht unbedingt besser geworden. Im Sommer fiel Italien in der UEFA-Fünfjahreswertung auf Platz vier zurück - die schlechteste Platzierung seit fast 30 Jahren.

Nichtsdestoweniger gewannen italienische Teams in der Zwischenzeit zweimal die Champions League (Milan 2007, Inter 2010), und vom Umsatz her befinden sich immer noch drei Serie-A-Clubs unter den Top 10 der Welt (Milan, Inter und Juventus). Doch auch hier zeigt der Trend nach unten: Vor zehn Jahren waren es noch fünf (Lazio und Roma waren zusätzlich in der Liste). Und während aktuell Milan auf Platz sieben der "Football Money League", die alljährlich von der Unternehmensberatung Deloitte herausgegeben wird, der beste Serie A-Club ist, standen die Rossoneri 2001 auf Platz vier, Juventus sogar auf Rang zwei der Welt.

Seither wuchs der Umsatz von Juve um gerade einmal zehn Prozent, der der Roma sank sogar in den letzten zehn Jahren, und das nicht einmal inflationsbereinigt. Zum Vergleich: Der Jahresumsatz von Real Madrid und Barcelona verdreifachte sich im gleichen Zeitraum.

Alarmierend auch die Zuschauerentwicklung: In den letzten 20 Jahren fiel die durchschnittliche Besucherzahl eines Serie A-Spiels um 10.000 (von 34.000 Anfang der 1990er auf 24.000 in der letzten Saison). Im gleichen Zeitraum stieg der Zuschauerschnitt in England um 15.000 an (20.000 auf 35.000), in der Bundesliga verdoppelte sich der Besuch gar von 21.000 auf aktuell 42.000 Fans pro Spiel.

Mit anderen Worten: Etwas muss passieren. Anstatt nur zu lamentieren, wollen wir diesmal aber konkrete Vorschläge machen, was zu tun ist, um den Calcio wieder dahin zu führen, wo er hingehört: an die Spitze.

1) Stadien neu bauen

Das meinen wir so, wie es da steht und wie Juventus es gerade gemacht hat: Keine Renovierung, sondern der Neubau von modernen, reinen Fußballstadien. Nur so lässt sich der Trend der abwandernden Fans stoppen. Denn das Potenzial ist nach wie vor da, wie gerade im sehr guten Artikel "Nur ins Stadion gehn wir nicht" auf dem Blog altravita.com aufgezeigt wurde: Die Pay-TV-Abozahlen in Italien steigen immer weiter an, während die Besucherzahlen in den Stadien zurückgehen.

Ohnehin stellt sich dem modernen Profisport das Problem, dass es immer komfortabler wird, ihn zu Hause über Internet oder HD-TV zu verfolgen, wie der amerikanische Kolumnist Bill Simmons nicht müde wird zu betonen, wenn es um die NBA geht. Das gilt um so mehr für die Serie A mit ihren alten Stadien, die für die WM 1990 gerade in einem Moment umgebaut wurden, bevor der Fußball seinen Boom erlebte und alle Fans Stadien wie in England wollten - ohne Zäune, ohne Laufbahn.

Aber es ist nicht nur die phänotypische Gestalt der italienischen Stadien, die Stadionbesuche unattraktiver macht. Die Tatsache, dass fast alle Spielstätten den Kommunen gehören, verhindert gezielte Investitionen, zumal sich oft auch noch zwei Clubs die gleiche Arena teilen - wie Milan und Inter, Roma und Lazio, Sampdoria und Genoa oder früher auch Juventus und Torino.

Auch hier ist Juventus ein Vorbild, denn das neue Stadion bietet den Fans neben der stimmungsvollen Kulisse auch eine starke Identifikationsmöglichkeit. Das ist ihr Stadion. Wer diese immaterielle Komponente für unbedeutend hält, kann sich ja einmal die Entwicklung der Zuschauerzahlen von 1860 München ansehen, das im gleichen Stadion wie der FC Bayern kickt. Obwohl die Allianz Arena eines der modernsten Stadien Europas ist, hat sich der Zuschauerschnitt der Löwen in kaum mehr als zehn Jahren fast halbiert. Sicher, in der 2. Liga, aber die hindert Fans von Fortuna Düsseldorf oder des FC St. Pauli auch nicht daran, in Rekordzahl ins Stadion zu strömen.

2.) Ein großes Turnier in Italien austragen

Durch die kaum nachvollziehbare Entscheidung, die EM 2012 in Polen und der Ukraine statt in Italien auszutragen, hat die UEFA auf lange Sicht hinaus verhindert, dass der Fußball hier, einem der wichtigsten und traditionellsten Fußball-Märkte der Welt, die dringend nötigen Wachstumsimpulse bekommt, die er braucht. England hatte die EM 1996, Deutschland die WM 2006, Frankreich 1998 und 2016 gleich zwei große Turniere, um seine Infrastruktur aufzurüsten. Neben Spanien, das seit 1982 auf eine WM oder EM wartet, ist Italien unter Europas großen Fußballnationen am längsten schon nicht mehr Gastgeber gewesen.

Da sich die FIFA-Exekutive ohnehin komplett von den traditionellen Fußballnationen abgewendet hat und frühestens 2030 wieder in einer von ihnen eine WM ausrichten kann (eine komplette Farce, 24 Jahre lang keine Weltmeisterschaft in den Kernländern des Sports auszutragen, um lieber ausschließlich neue "Wachstumsmärkte" wie Russland und Katar zu bedienen), bleibt nur noch die EM übrig - und da wäre die nächste Chance erst 2020. Das ist aber immer noch besser als nichts.

Wenn man sieht, welch großen Schub die EM 1996 in England und die WM 2006 in Deutschland in Sachen Stadionarchitektur gebracht haben, kann man aus italienischer Sicht nur hoffen, dass die UEFA die Notwendigkeit erkennt, dem Land bei der Modernisierung seiner Infrastruktur zu helfen. Allerdings haben die Osteuropäer auch in der UEFA mehr Stimmen - was Michel Platini gut zu bedienen weiß.

3.) Der Jugend eine Chance

Traditionell sind viele italienische Clubmannschaften überaltert, junge Spieler bekommen nur äußerst selten die Chance, sich dauerhaft in der ersten Mannschaft zu beweisen. Stattdessen werden Profis oft bis ins Alter von 25 immer wieder an kleinere Clubs verliehen, bis Plätze in den Startelfs der großen Teams frei werden. Verglichen mit England, inzwischen aber auch mit vielen Clubs in Deutschland, ist das ein eklatantes Problem, das die Entwicklung der Nachwuchsspieler hemmt.

Bestes Beispiel ist die AC Milan: Alexander Merkel wurde an Genoa verliehen, Rodney Strasser an Lecce. Beide hatten im Januar ein tolles Spiel beim Auswärtssieg in Cagliari, aber auf Dauer sieht man nicht einmal einen Platz im erweiterten Kader für die beiden. Oder Dominic Adiyiah: Der Topscorer und beste Spieler der U20-WM 2009 bestritt bisher noch nicht ein einziges Spiel für die Rossoneri und ist zurzeit in die zweite türkische Liga verliehen. Derweil ist nur ein einziger aktueller Stammspieler Milans jünger als 27 (Ignazio Abate, 24).

Die Mentalität muss sich hier nicht nur in den Clubs ändern, sondern auch im Verband. Viele Italiener sind allen Ernstes stolz darauf, dass in ihren Nationalteams fast keine Migrantenkinder zum Einsatz kommen. Das ist nicht nur diskriminierend, es ist auch dumm, denn die Beispiele Frankreich, Niederlande und Deutschland (England ohnehin schon länger) zeigen, wie sehr die sportliche Basis der Auswahlmannschaften verbreitert wird, wenn man nicht einen Großteil der Kids einfach links liegen lässt.

4.) Clubführungen professionalisieren

Dass italienische Clubs einen zu hohen Anteil ihres Umsatzes in die Profigehälter stecken und zu wenig in Infrastruktur und Nachwuchsarbeit, ist natürlich nicht zuletzt den Clubbossen anzulasten. Beispiele für Missmanagement gibt es zuhauf, man muss nicht weit zurückblicken: Palermo etwa ist ein potenziell großer Club. In einer fußballbegeisterten Metropole von fast 700.000 Einwohnern beheimatet, sollten die Rosanero eigentlich eine gute Rolle im italienischen, wenn nicht europäischen Fußball spielen.

Wenn da nicht Maurizio Zamparini wäre. Seit 2002 ist der Kaufhausmogul Präsident des Clubs. Er führte Palermo nach mehr als 30 Jahren Unterklassigkeit zurück in die Serie A, aber er verschliss in neun Jahren 21 Trainer. In der vergangenen Saison feuerte er Trainer Delio Rossi und machte Serse Cosmi zum Boss. Nach nur vier Spielen wurde auch Cosmi entlassen, noch am gleichen Abend Rossi zurückgeholt.

Sein Nachfolger für diese Saison, Stefano Pioli, wurde sogar noch vor dem ersten Ligaspiel geschasst. Und wen wollte Zamparini als Nachfolger? Delio Rossi, zum dritten Mal innerhalb eines Jahres. Dem war das nun aber inzwischen auch zu blöd, und so leitet seither der 37-jährige Devis Mangia das Training. Er hat keinen Trainerschein, darf aber als "Interimscoach" fungieren, weil er bereits zum Pro-Lizenz-Kurs der UEFA zugelassen ist.

So kann man eigentlich keinen Fußballclub führen, aber mehr oder minder alle italienischen Clubs funktionieren so. Massimiliano Allegri nutzte kürzlich ein TV-Interview, um Silvio Berlusconi zum Geburtstag zu gratulieren. Inter-Präsident Massimo Moratti verpflichtete zur neuen Saison Gian Piero Gasperini, einen erklärten Verfechter der Dreierabwehrkette. Doch noch bevor die ersten Punktspiele absolviert waren, gab der langjährige Clubboss in Interviews bekannt, er erwarte, dass Inter über kurz oder lang wieder mit Viererkette spielen werde.

Der solchermaßen untergrabene Gasperini verlor die ersten Spiele im 3-4-3, wechselte dann auf 3-4-1-2, um Wesley Sneijder besser einsetzen zu können, gewann immer noch nicht, und wurde schon Mitte September entlassen. An Stelle des Modells "Reicher Patron und seine Familie kümmern sich um Club (Moratti bei Inter, Sensi in Rom) könnte es dem italienischen Fußball nicht schaden, wenn mehr seriöse Investoren wie aktuell der Amerikaner Thomas DiBenedetto bei der Roma sich engagierten. Bezeichnenderweise will er auch gleich ein neues Stadion bauen - ein reines Fußballstadion.

5.) Internationale Trainer verpflichten

 Wen holte Inter als Nachfolger von Gasperini? Claudio Ranieri. Jenen Ranieri, der bereits Cagliari, Napoli, Fiorentina, Parma, Juventus und Roma trainiert hat. Man würde Raneris internationale Bedeutung gering schätzen, wenn man ihn als Peter Neururer Italiens charakterisierte. Gleiches gilt auch für Alberto Zaccheroni (Venezia. Bologna, Cosenza, Udinese, Milan, Lazio, Inter, Torino, Juventus, aktuell Japan).

Aber diese beiden Fälle verweisen auf eine problematische Angewohnheit der Serie A-Clubs, sich aus dem immer gleichen, rein nationalen Trainerpool zu bedienen. Momentan gibt es nur zwei ausländische Coaches in der Liga, und von denen lebt Sinisa Mihajlovic (Fiorentina) schon seit 20 Jahren in Italien. Nur Luis Enrique in Rom ist eine echte Importlösung - vielleicht nicht zufällig beim einzigen Club der Liga, der von ausländischen Investoren geleitet wird (Roma). Bleibt zu hoffen, dass seine anfänglichen Probleme hier mit mehr Augenmaß begleitet werden als sonst in der Serie A üblich.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Italienische Trainer sind nicht schlechter als andere, ganz im Gegenteil. Alles in allem gehören sie zu den taktisch bestausgebildeten Coaches der Welt. Davon zeugen Marcello Lippi, Fabio Capello, Arrigo Sacchi und Giovanni Trapattoni, aber auch neue Namen wie Walter Mazzarri oder Francesco Guidolin.

Aber dennoch haben oft auch internationale Trainer den italienischen Fußball bereichert wie Helenio Herrera in den 1960ern, später Niels Liedholm, Sven-Göran Eriksson bis hin zu José Mourinho, der mit Inter das Treble gewann. Und die Erfolge, die Arsène Wenger, Rafael Benítez und Roberto Mancini in der Premier League hatten und haben, zeigen, dass es absurd ist, die besten Spieler aus aller Welt zu kaufen, den internationalen Trainermarkt aber zu ignorieren. Neue Einflüsse können jedenfalls nicht schaden.

Diese fünf Punkte sind ineinander verflochten: Professionellere Clubführungen müssten her, um die besten Trainer zu verpflichten und bessere Stadien zu bauen. Die Trainer wiederum hätten dann die Aufgabe, junge Spieler besser und früher einzubinden. Die UEFA könnte ihren Teil dazu beitragen, die positive Entwicklung zu unterstützen.

Daniel Raecke

sportal.de sportal

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