Kommentar Untergang im Hinterhof


Es war die schwärzeste Stunde der Bayern seit Jahren. Mit 0:4 ging der Rekordmeister bei Zenit St. Petersburg baden und verabschiedete sich mit einer desolaten Leistung aus Europa. In der Bundesliga konkurrenzlos, international nur zweitklassig. Das ist die Wahrheit - vor allem mit Blick auf die neue Saison.
Von Klaus Bellstedt

Sie hatten gelacht, als sie vom 1:4 der Leverkusener gegen Zenit St. Petersburg hörten, die Bayern. Im Uefa-Cup-Viertelfinale kamen die Westdeutschen im Hinspiel gegen Zenit böse unter die Räder. Ihnen würde so etwas niemals passieren. Dann das Hinspiel letzte Woche, nur 1:1. Auch danach fiel beim designierten Deutschen Meister noch immer nicht der Groschen. Nein, nein, das könne man im Rückspiel locker noch drehen. Geblendet von der eigenen totalen Dominanz in der Bundesliga, in der die Münchener keine Konkurrenz zu fürchten haben, ging man das Halbfinal-Projekt "Zenit St. Petersburg" an. Eine Elf der scheinbar Namenlosen würde man ja wohl locker beherrschen. Und dann das!

Im Hinterhof des europäischen Fußballs erlebte der große FC Bayern die schwärzeste Stunde seit Jahren. Eine brutale Bauchlandung, die die Schwächen des Rekordmeisters schonungslos offenbarten. 0:4 lautete das erschütternde Ergebnis, und spätestens nach den aus deutscher Fußballsicht so schlimmen 90 Minuten von St. Petersburg wird den Bayern das Lachen endgültig vergangen sein. Auch wenn die Mannschaft von Trainer Ottmar Hitzfeld an diesem Wochenende wahrscheinlich das Double aus Pokalsieg und Meisterschaft perfekt machen wird - diese Saison dürfte an der Isar vor allem wegen der Art und Weise, wie diese schreckliche Pleite gegen Zenit zustande kam, alles andere als optimal gewertet werden. Wenn überhaupt.

Wo waren die Superstars an diesem Abend?

Wo waren die Superstars des FCB an diesem Abend? Wo war Luca Toni? Wo Franck Ribery? In der Liga lachen sich der Franzose und sein kongenialer Mitspieler aus Italien Woche für Woche eins ins Fäustchen über ihre Gegner. Auf internationalem Parkett, in einem Uefa-Pokal-Rückspiel, also dann, wenn es wirklich zählt, kassierten sie die Noten 5 bzw. 6. Toni erarbeitete sich wenigstens noch vereinzelte Chancen und steckte nie auf, aber Ribery? Einfach nur desolat. Aber das Desaster von St. Petersburg nur an diesem Duo festzumachen, wäre zu einfach. Alle waren sie miserabel, ausgenommen ein armer Tropf im Tor, Oliver Kahn. In seinem letzten europäischen Einsatz flogen dem Bayern-Keeper die Bälle nur so um die Ohren. An allen Toren war er schuldlos. Schlimm dagegen die Schweinsteiger, Podolski oder auch Klose, die allesamt wie paralysiert auf dem Platz herumliefen. Schweinsteiger krönte seinen Auftritt zu allem Überfluss noch mit einem bösen Ellenbogencheck, für den er Rot hätte sehen müssen.

Schluss, Aus, vorbei. Das war es dann mit den internationalen Ambitionen der Bayern, die beim 0:4 gegen einen keinesfalls übermächtigen Gegner jegliche Wettbewerbsfähigkeit vermissen ließen. Aber wie soll man auch mithalten, wenn nicht mal der Einsatz stimmt, wenn nicht mal die Grundtugenden des Fußballs auf dem Platz ausgepackt werden? Einfach nur unfassbar! Klar ist: Auf Jürgen Klinsmann kommt in der nächsten Saison sehr viel Arbeit zu. In der Champions League - also eine Etage höher - dürften die Bayern mit einer ähnlichen Einstellung wie beim 0:4 in St. Petersburg jedenfalls zur größten Lachnummer Europas werden.


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