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Länderspiel-Absage in Hannover Der Fußball droht vor lauter Bedeutung zu platzen


Die Absage von Hannover kann nicht verwundern: Gesellschaft und Politik überfrachten den Fußball längst mit ihren Botschaften. So wird ein Deutschland-Spiel zum ideologischen Schauplatz für kranke Gesinnungen.
Ein Kommentar von Mathias Schneider

Reinhard Rauball sah bleich aus, wie er da neben Innenminister Thomas de Maizière saß in einer Nacht, die nicht nur dem deutschen Fußball vier Tage nach den Attentaten von Paris gleich das nächste Trauma bescherte. Als kommissarischer DFB-Präsident saß Rauball bei der Pressekonferenz zur Absage des Länderspiels zwischen Deutschland und Frankreich mit am Tisch, er schien selbst dringend Beistand nötig. "Mein Eindruck ist: Der Fußball in Deutschland hat mit dem heutigen Tag in vielen Facetten eine andere Wendung bekommen", unkte er düster.  

Es ist Rauball zwingend gutzuschreiben, dass ihm die Tage von Paris noch in den Knochen steckten, wie jedem, der im Stade de France dabei war. Dabei sein musste. Seit gestern scheint auch in Deutschland der Fußball zu einer der Geiseln eines internationalen Terrorismus geworden zu sein. Das muss man erst einmal verdauen.

Ideologischer Schauplatz für kranke Gesinnungen

Blickt man auf die Entwicklung des Sports in diesem Lande, so verwundert es allerdings nicht, dass ausgerechnet ein Länderspiel zum ideologischen Schauplatz für kranke Gesinnungen zu werden scheint. Nicht nur, weil sich nirgendwo sonst so viele Menschen in solch großer Zahl auf engstem Raum versammeln, das Fernsehen immer live dabei.

Der Fußball in Deutschland ist aufgepumpt worden mit einer gesellschaftspolitischen Bedeutung in der Vergangenheit, dass er heute fast zu platzen droht. Schuld trägt er daran nur bedingt selbst. Die Überhöhung, sie kam von außen, vor allem durch die Medien. Was war diese Elf nicht alles: Muster an Integration. Muster an Teamgeist. Muster an Bescheidenheit. Der Bundestrainer, ein Muster an Coolness. Muster an Toleranz.

Medial erfuhr die Nationalmannschaft eine beinahe poetische Überzeichnung. Auch der stern berichtete 2010 über diese Multi-Kulti-Mannschaft, die dem Land ein Beispiel gibt. Nach dem WM-Titel im Vorjahr titelte er: "Einer für alle, alle für einen? Nein: alle für alle. Das ist der Kerngedanke dieser deutschen Mannschaft. Ein Konzept, das über die WM und den Fußball hinausweist."

Wie politisch darf der Sport sein?

Die Frage bleibt: Wie politisch darf der Sport sein? Wie politisch muss der Sport sein?

Es gibt darauf keine einfachen Antworten. Wer mag den Protagonisten des Spiels schon verbieten, für eine gute Sache einzustehen? Der Weltmeister Benedikt Höwedes wollte etwa als "Fan der Demokratie" nach Hannover anreisen. Ein gutes Zeichen wäre das gewesen. Wahr ist allerdings auch: Dass die Nationalmannschaft über eine Haltung hinaus schon lange ein Tummelplatz der operativen Politik geworden ist, macht sie zum logischen Ziel radikaler Fundamentalisten. In Paris hatte Außenminister Franz-Walter Steinmeier neben Staatspräsident Francois Hollande Platz genommen. Nach Hannover war Angela Merkel unterwegs gewesen. Die Marseillaise sollte vor dem Anpfiff geschmettert werden. Politische Symbole überall. 

Vielleicht hätte es vier Tagen nach diesen so schweren Anschlägen von Paris fürs erste gereicht, eine Veranstaltung, die noch immer in erster Linie der Zerstreuung dient, einfach mal abzusagen. Ganz humorlos. Auch das wäre ein Zeichen der Solidarität gewesen. Mit dem Schmerz und der Trauer der Angehörigen. Welche Solidarität obliegt schließlich einem Ereignis, dessen Kraft sich vor allem in Leichtigkeit und Zerstreuung entfaltet? 

Der Fußball muss sich aus der Umklammerung der Politik lösen

Der Fußball tut gut daran, den eigenen moralischen Überbau um ein paar Etagen abzutragen in den nächsten Monaten. Sich zu lösen aus der Umklammerung der Politik, statt sie zu suchen. Die Stadien wird all das nicht sicherer machen, die Gefahr nicht minimieren. Doch Augenmaß wird bei mancher Entscheidung leichter fallen, wenn nicht immer gleich die Grundfesten der Demokratie auf dem Spiel stehen. Und Augenmaß statt Hysterie werden mehr denn je gefragt sein.

Der Fußball muss sich nicht sorgen. Er bleibt auch dann ein vitaler, wenn nicht zentraler Teil unserer pluralistischen Gesellschaft.

Mit allen Konsequenzen.


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