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Meisterschaft der Bayern: Fluch und Segen für Jürgen K.

Nach dem Meister-Titel wird beim FC Bayern München leidenschaftlich debattiert, was der nationale Titel international wert sein könnte. Trainer Ottmar Hitzfeld sagt, die Mannschaft sei so gut, dass Jürgen Klinsmann weitere Titel holen müsste. Manager Uli Hoeneß fürchtet eine zu hohe Erwartungshaltung.

Von Frank Hellmann

Fans des FC Bayern München, die am Tag nach dem Gewinn der 21. deutschen Meisterschaft die Idee verfolgen, zum Marienplatz zu pilgern, sollten das unterlassen. Denn am Montag präsentiert sich hier keine Meistermannschaft, die auf dem Balkon die Salatschüssel zeigt. Und auch keine Meisterspieler, die mit einem Trimmtrab ihren Rausch vom Sonntag vertreiben. Genau das hatte nämlich Ottmar Hitzfeld in der Stunde des Triumphes noch nach dem öden wie effektiven 0:0 beim VfL Wolfsburg angekündigt: "Wir werden die Nacht ausgiebig feiern und dann am Montag auf dem Marienplatz joggen."

Ersteres hat der edle Tross des deutschen Rekordmeisters nach der Landung in München am späten Sonntagabend im noblen Edelrestaurant Käfer zwar getan, letzteres aber blieb ein kleiner Scherz - die Ausnüchterung erfolgt bei einem leichten Training an der Säbener Straße. Der scheidende 59-jährige Chefcoach hatte nur auf die Generalkritik des omnipräsenten Präsidenten Franz Beckenbauer auf die 0:4-Pleite in St. Petersburg ("Manche Spieler liefen über den russischen Rasen wie Jogger über den Münchner Marienplatz") spaßig reagieren wollen. So wie alle ja beim FCB in Friede, Freude, Eierkuchen machten. Kaum hatte der jecke Bastian Schweinsteiger eines der riesigen Weißbiergläser über Karl-Heinz Rummenigge geleert, schrie der Vorstandsboss drohend: "Den verkaufen wir."

"Die sollten lieber Bier trinken"

Mittelfeldmann Mark van Bommel machte Trainer Hitzfeld nass, Torwart Michael Rensing verging sich an Abwehrspieler Christian Lell, und, und, und. So oft schütteten die Spieler den von adretten Damen herangebrachten Gerstensaft aus, dass Weißbiertrinker Beckenbauer im fernen Münchner Fernsehstudio gar nicht mehr hinsehen mochte: "Die sind wie Kinder und sollten das Bier lieber trinken." Ersatzspieler Jan Schlaudraff hat das immerhin artig getan - aber nur, weil ihn Uli Hoeneß während eines Interviews so strafend mit hochrotem Kopf anschaute, dass der Bald-Hannoveraner nicht wagte, den Manager mit einer Bierdusche zu beglücken.

Das war auch gut so. Denn Hoeneß hatte selbst in der Stunde des Triumphes einige wichtige Botschaften zu übermitteln. Zum einen referierte er über die nationale Bedeutung des Erreichten: Er sei unheimlich stolz, "das war ein besonderer Titel, denn wir standen unter einem enormen Druck und waren nach den Investitionen fast gezwungen, die Meisterschaft zu holen." Hoeneß führte im Zusammenhang des vierten Start-Ziel-Sieges nach 1969, 1973 und 1985 aus, dass er sich vor fast einem Jahr immer noch zu Unrecht kritisiert fühlte, "diese Leute müssten eigentlich mal sagen: 'Tut mir leid!'" Er habe doch eine Fernglas-Meisterschaft vorhergesagt, "und zehn Punkte sind groß genug für ein Fernglas." Zum anderen analysierte der Vordenker auch die internationale Werthaltigkeit - sein FC Bayern sei in seiner aktuellen Besetzung eines der "acht besten Teams in Europa". Standhaft wiederholt der 56-Jährige diese Einschätzung, wann immer er danach gefragt wird.

Jämmerliche Leistung wird ausgeblendet

Die jämmerlichen Leistungen in St. Petersburg und nun Wolfsburg hat der Manager da einfach mal geflissentlich ausgeblendet. Hoeneß wäre nicht Hoeneß, würde er nicht schon über die nächste Spielzeit schwadronieren: "Diese Saison ist nur zu toppen, wenn wir demnächst auch in der Champions League eine gute Rolle spielen. Das ist die Messlatte." Schon jetzt fürchtet er indes eine zu hohe Bürde für Hitzfeld-Nachfolger Jürgen Klinsmann. "Wir dürfen nicht verrückt spielen und müssen die Erwartungshaltung von allen Seiten im Zaum halten."

Während Hoeneß die Bitte im Kabinengang der VW-Arena formulierte, gab eben Hitzfeld drei Stockwerke höher Parolen aus, die Klinsmann als Vorgabe in den Ohren klingen dürften. "Ich freue mich, dass ich Jürgen Klinsmann eine Super-Mannschaft übergeben kann. Bayern muss keine großen Transfers tätigen, um in der Champions League weit zu kommen. Die Substanz ist groß genug." Der 59-Jährige, bald bekanntlich Nationalcoach der Schweiz, beteuerte erneut, wie kräftezehrend sein Job sei: "Ein Jahr FC Bayern ist wie zehn Jahre bei einem anderen Verein." Und er klopfte sich sodann zum Abschied gar selbst auf die Schulter: "Ich bin sehr glücklich, dass ich dafür sorgen konnte, dass der FC Bayern die nächsten fünf, sechs Jahre eine großartige Mannschaft hat."

"Der deutsche Meister ist eine internationale Größe"

Hört, hört. Demnach reichen punktuelle Verstärkungen des vorhandenen Personals - und die Bajuwaren sind auch auf internationaler Bühne wieder ein dominanter Faktor? Das bestätigte sogleich auch Hitzfeld-Vorgänger Felix Magath, der genau diese Debatte als "dumme Diskussion" geißelt. "Im Vorjahr hat eine deutlich schwächer besetzte Münchner Mannschaft noch Real Madrid in der Champions League ausgeschaltet. Und im November vergangenen Jahres hätte der FC Bayern einen Gegner wie St. Petersburg locker geschlagen. Der deutsche Meister ist eine internationale Größe - und auf Augenhöhe mit Milan, Arsenal oder Barcelona." Damit stellt sich der Ex gegen Kritiker wie Stefan Effenberg, der den Bayern vorwarf, sie bräuchten "zur internationalen Spitze inzwischen ein Fernglas".

Interessant wäre es demnächst zu erfahren, was Klinsmann darüber denkt, der aus dem fernen Huntington Beach die katastrophale Wolfsburg-Leistung verfolgte und anschließend an Hitzfeld, Hoeneß und Rummenigge per SMS artig Glückwünsche sendete. Überliefert ist, dass der kalifornische Alleinentscheider bald mit den Bossen eine Checkliste durchgeht. Demnach wünscht sich Klinsmann zuvorderst im zentralen Mittelfeld noch Verstärkung; der Name Matthieu Flamini (Arsenal) kursiert, neuerdings auch der des Portugiesen Deco (Barcelona). Ein erfahrener Torwart (Mark Schwarzer aus Middlesbrough?) soll noch kommen, vielleicht ein neuer Außenverteidiger, weil Marcell Jansen oder Willy Sagnol geradezu zu Saisonschluss Spiel für Spiel demonstrierten, warum sie so oft überfordert wirken. Hitzfeld wie Hoeneß schieben das nonchalant auf eine kollektive Müdigkeit - in Kopf und Beinen. Nach der Enttäuschung in St. Petersburg sei eben keine großartige Leistung mehr zu erwarten.

Spieler dulden keine Qualitätsdebatten

Und auch Spielerkreisen werden keinerlei Qualitätsdebatten mit grundsätzlichem Charakter geduldet. "Diese Diskussion irritiert mich und ärgert mich", beschied Vorkämpfer van Bommel in aggressiver Tonart, "denn diese Mannschaft wird noch weiter zusammenwachsen und besser werden." Hitzfeld habe hervorragende Arbeit geleistet. Der Niederländer gab auch zu Protokoll, "dass es generell ein Trainer bei Bayern nicht einfach hat - er ist manchmal hier mehr ein Manager, um alles zusammenzuhalten." Ahnt da einer, was auf den blonden Novizen ohne Erfahrung als Vereinstrainer zukommt? Aus all den Einlassungen und Unterstellungen, Prophezeiungen und Ratschlägen für die Post-Hitzfeld-Ära ist nur eines abzuleiten: Die künftig unter Klinsmann-Hoheit stehende Säbener Straße wird ein Schauplatz der öffentlichen Diskussion bleiben. Deshalb dürfen die Münchner sich auch am Mittwoch gegen Arminia Bielefeld im Heimspiel nicht hängen lassen, "wir wollen uns doch den Vorwurf nicht gefallen lassen, wir würden den Abstiegskampf verfälschen", verspricht Hoeneß. Übrigens: Die offizielle Münchner Sause - inklusive Übergabe der originalen Schale und Feier mit den Fans - steigt nach dem letzten Heimspiel am 17. Mai gegen Hertha BSC Berlin. Auf einem dann wirklich mit Bayern-Fans proppevollen Marienplatz.

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