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Miroslav Klose: König Torlos

Die Situation von Miroslav Klose wird immer verzweifelter. Nach einer Dauerkrise im Trikot des FC Bayern gelang dem ehemaligen Weltklasse-Torjäger nicht einmal ein Treffer gegen die Fußball-Zwerge aus Liechtenstein. Klose entwickelt sich zum "Zwei-Phasen-Stürmer" - mit starker Tendenz nach unten.

Von Nico Stankewitz

Es ist eine monumentale Krise für einen Stürmer, der schon Bundesliga-Torschützenkönig und WM-Torschützenkönig war. Nur ein Treffer gelang Miroslav Klose in der Bundesliga-Rückrunde der vergangenen Saison, zwei in der Nationalelf bei der EM. In den beiden Länderspielen der neuen Saison stand der 30-Jährige klar im Schatten seines Vereinskameraden Lukas Podolski, dem er bei den Bayern immer noch vorgezogen wird.

Nun gehören torlose Spiele selbst für erfolgreiche Torjäger zur Normalität, auch die besten Stürmer sind Formschwankungen unterworfen und natürlich auch von der Qualität der Vorlagen abhängig. Erfolgreiche Nationalstürmer wie Oliver Bierhoff oder Jürgen Klinsmann bekamen gnadenlos ihre Minuten ohne Torerfolg vorgerechnet. Zehn torlose Spiele am Stück haben beide genauso erlebt, wie etwa Ulf Kirsten oder Rudi Völler (dessen vorübergehende Krise in seiner Zeit bei Werder Bremen sogar mit dem Titel "Was ist bloß mit Rudi los" musikalisch dokumentiert wurde). Das Problem bei Klose ist allerdings, dass er sich leistungsmäßig in einer Abwärtsspirale befindet, in der die guten Phasen gegenüber den schlechten immer kürzer werden.

Schmutzige Gerüchte beim Abschied aus Bremen

Ein kurzer Rückblick: 2006 befindet sich der Nationalstürmer im Zenit seiner Karriere. In der Bundesliga hat er in 26 Spielen 25 Tore erzielt und 13 vorbereitet, in der Nationalelf zeigt er mit 13 Toren und sechs Vorlagen in 17 Länderspielen ebenfalls eine Weltklassequote. Auch die Hinrunde 07/08 gelingt noch ganz gut, erst in der Rückrunde kommt es noch in Bremen zum Absturz, den ein erfrischt scheinender Spieler beim FC Bayern mit neun Treffern in der folgenden Hinrunde wieder zum positiven wenden kann. Der Abschied von Bremen, wo zuletzt Pfiffe zorniger Fans und schmutzige Gerüchte um sein Privatleben den Stürmer begleiteten, scheint tatsächlich die Lösung für Kloses Probleme zu sein. Doch auch in München erfolgt ein Absturz, eine ähnlich desaströse Rückrunde wie im Vorjahr und trotz zweier Treffer eine durchwachsene Europameisterschaft.

Dabei ist Klose als Stürmer natürlich kein typischer Knipser wie etwa sein bayrischer Vereinskamerad Luca Toni, der sich hauptsächlich in und um den Strafraum aufhält. Sein Wert für die Mannschaft drückte sich gerade bei offensiver Spielkonzeption nicht nur in Treffern aus, sondern liegt auch in seiner unermüdlichen Laufarbeit, die den Gegner immer wieder zu Fehlern zwingt. Allerdings spürt man auch hier die Verunsicherung, die sich in unglücklichen Aktionen ausdrückt und auch die Assist-Quote des Torjägers stark absacken lässt. Insgesamt zeigen die Torkrisen bei Miroslav Klose auch Leistungskrisen an, denn auch andere statistische Werte, wie Zweikampf- oder Passquoten, sacken in Zeiten der Torkrisen in den Keller.

Eine sensible Torfabrik

Bei allem Fleiß, den der Bayern-Stürmer immer verkörpert, scheint ihm seine für einen Profi-Fußballer ungewöhnliche Sensibilität im Weg zu stehen. Schon auf den ersten Blick kann man an der Körpersprache erkennen, in welcher Form Klose ist: Hängende Schultern und ein verzweifelter Gesichtsausdruck signalisieren ein Formtief. In guten Phasen erkennt man schnell die Entschlossenheit, hohe Körperspannung und konzentrierter Blick lösen die personifizierte Verzweiflung der schlechten Phasen ab. Die Vermutung, dass auch Einflüsse aus dem außersportlichen Bereich Kloses Krise verstärken, wird immer wieder geäußert, lässt sich aber natürlich nicht belegen. Für fehlende psychische Stabilität scheint nur zu sprechen, dass der 30-Jährige noch nie ein Mann für die "großen" Spiele war, keiner der in wichtigen Finals oder entscheidenden Bundesligaduellen mit Toren den Unterschied ausmacht - mit Ausnahme seines Viertelfinal-Tores bei der WM 2006 gegen Argentinien.

Über fehlendes Vertrauen seitens seiner Trainer in Nationalelf und Verein kann sich Klose nicht beklagen: Ob Thomas Schaaf, Jürgen Klinsmann oder Jogi Löw, sie alle hielten auch nach schwächsten Leistungen an dem Stürmer fest, den Otto Rehhagel einst beim 1. FC Kaiserslautern zum Bundesligaspieler machte. Vielleicht liegt gerade hier ein Lösungsansatz für die Zukunft des 30-Jährigen: Wenn auch Klose dem Leistungsprinzip unterworfen wäre und nach schwächeren Leistungen auf der Bank Platz nehmen müsste, würde auch der Druck auf den sensiblen Stürmer abnehmen, er wäre wieder, was er eigentlich immer war - kein Star, sondern ein Fußballer in einer Mannschaft von Fußballern.

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