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Meinung

Nach Hitzlspergers Coming-out: Entscheidend ist in der Kabine

Thomas Hitzlsperger hat für sein Coming-out Respekt geerntet. Doch jenseits des offiziellen Lobs gibt es auch hasserfüllte Ablehnung. In der Kabine ist jeder schwule Profi weiter auf sich gestellt.

Von Dieter Hoß

Er ist homosexuell - und?" Arjen Robben, niederländischer Nationalspieler in Diensten des FC Bayern hat sehr gelassen auf das Coming-out von Ex-Fußballprofi Thomas Hitzlsperger reagiert. Arne Friedrich, Hitzlspergers früherer Teamkollege in der Nationalmannschaft, glaubt auf "Zeit online" sogar, Hitzlsperger habe "eine Tür aufgestoßen für viele andere". Auch aktive Fußballer könnten angesichts der vielen positiven, öffentlichen Reaktionen nun zu ihrer Sexualität stehen. Werder Bremens früherer Manager Willi Lemke, heute UN-Sonderbeauftragter für den Sport, sieht es ähnlich und meint: "In den nächsten Wochen und Monaten werden sich mehrere outen." Ein Tabu scheint endlich gebrochen.

Doch ist das wirklich so? Der Respekt, den Hitzlsperger erntet, ist ein offizieller. Politiker, Funktionäre, Medien sind voll des Lobes für den "mutigen Schritt". Jedoch: Wer sich die Mühe macht, die Flut an Stellungnahmen auf Twitter oder Facebook zu durchforsten, der gerät relativ schnell an Reaktionen, die zu zitieren sich an dieser Stelle schlicht verbietet. Die rhetorische Frage eines Users, "Was mache ich jetzt mit meinem Hitzlsperger-Trikot?", gehört zu den harmlosen Formen der Ablehnung. Und die verbriefte Äußerung des Verteidigers Alex von Paris St. Germain, "Gott hat Adam und Eva geschaffen, nicht Adam und Yves", zeigt, dass längst nicht jeder Fußballer Hitzlspergers Coming-out begrüßt oder gelassen hinnimmt.

"So tolerant kann die Welt nicht sein ..."

Stichwort Gelassenheit: Nicht wenige Kommentatoren ergehen sich nach den üblichen Respektsbekundungen darin, zu betonen, dass die sexuellen Neigungen eines einzelnen Sportlers ja nun wirklich kein großes Thema mehr seien. Doch so durch und durch aufgeklärt ist unsere Gesellschaft nicht. Eine Twitter-Userin trifft den Nagel auf den Kopf, wenn sie sagt: "So tolerant kann die Welt doch nicht sein, wenn Hitzlsperger so ein großes Thema ist, obwohl doch jeder lieben darf, wen wer will."


Trotz aller positiver Entwicklungen - "Das ist eines der wenigen Vorurteile, bei denen es ständig besser wird", sagt der Bielefelder Sozialpsychologe Andreas Zick über Homophobie - müssen wir eben doch darüber reden, und es ist eben (noch) nicht selbstverständlich. Im Jahr 2011 gab jeder fünfte Deutsche an, Homosexualität sei "unmoralisch".

Zick unterscheidet dabei zwischen Gesamttrend und Nischen. "Grundsätzlich in der Bevölkerung werden die Einstellungen besser. Das können wir deutlich sehen. Aber in Nischen erhält sich die Feindseligkeit doch sehr deutlich. Diese Nischen sind lokale, dörfliche Strukturen, die sagen: "Homosexualität ist widernatürlich." Dort hält sich das sehr lang." Es sei sehr schwierig, ein Vorurteil aufzugeben. Auch die Welt des Fußballs sei bisher so eine Nische. Strengreligiöse Menschen oder solche mit einem Hang zu Ordnung und Traditionen seien homophober als andere, Männer intoleranter als Frauen, sagt der Sozialpsychologe.

"Schwule Fußballer sind unsichtbar"

Der Fußball, das deutet auch Zick an, ist zudem offensichtlich ein Extremfall. Während es kaum ein Thema war, dass der letzten Bundesregierung mit Guido Westerwelle ein schwuler Außenminister angehörte, hält der professionelle Männerfußball seit Jahrzehnten die (statistisch) absurde Fassade aufrecht, er sei eine schwulenfreie Zone. Bezeichnend war am Tag von Hitzlspergers Coming-out der Auftritt von Ex-Bundesliga- und Nationalspieler Stefan Kuntz im "heute-journal" des ZDF. Auf Nachfrage musste der derzeitige Präsident des Zweitligisten 1.FC Kaiserslautern eingestehen, dass er es in seiner gesamten aktiven Zeit nie erlebt hat, dass sich auch nur andeutungsweise ein Spieler einem Mannschaftskameraden anvertraut habe. Die Angst vor Lästereien und Mobbing der Mitspieler, aber auch vor Pöbeleien und Anfeindungen der vermeintlichen Fans ist offensichtlich einfach zu groß.

"Der moderne Fußball" scheint - anders als Thomas Hitzlsperger es jetzt formuliert hat - eben doch immer noch "ein Lebensraum für Gestrige und Leute mit angestaubten Vorurteilen" zu sein. In der BBC sagte er auf die Frage, warum er sich erst nach Ende seiner Karriere geoutet habe: "Ich kann mir nicht vorstellen, Fußball zu spielen und das zur selben Zeit zu machen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, weil wir eine Reaktion fürchten und nicht wissen, was passieren wird. Schwule Fußballer sind unsichtbar." Letztlich ist jeder schwule Profifußballer also weiterhin mit seiner Situation allein. In Anlehnung an einen alten Fußballerspruch gilt: Entscheidend ist in der Kabine.

mit DPA

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