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Nachwuchs-Kicker: Zwischen National-Elf und Größenwahn

Kevin Kuranyi und Andreas Hinkel: Rudi Völler setzt auch beim Prestigeduell gegen Frankreich am Samstag auf die Jungstars der Liga. Die Qualifikation der "U21-Auswahl" für Olympia hat keine Priorität mehr.

Rudi Völler verzichtet im Prestige-Duell der Fußball-Nationalmannschaft gegen Europameister Frankreich nicht zu Gunsten einer möglichen Olympia-Teilnahme der "U 21"-Auswahl auf die Stuttgarter Jungstars Kevin Kuranyi und Andreas Hinkel. Dafür muss der DFB-Teamchef im letzten Länderspiel des Jahres am kommenden Samstag in Gelsenkirchen einmal mehr ohne Sebastian Deisler auskommen. Der Münchner sagte Völler am Montag wegen "leichter muskulärer Probleme" ab.

Abschied für immer

Im Interessenskonflikt zwischen A-Team, "U 21" und dem VfB Stuttgart um die Verwendung der Jungstars Kuranyi und Hinkel fällte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) eine Grundsatzentscheidung. Danach hat eine Qualifikation der "U 21"-Auswahl für die EM-Endrunde und eine mögliche Olympia-Teilnahme in Athen 2004 nicht mehr Priorität. Denn Trainer Uli Stielike muss nicht nur im Achtelfinale gegen die Türkei am Freitag in Leverkusen und vier Tage später in Istanbul auf die beiden Stuttgarter Aufsteiger verzichten, sondern für immer.

"Klare Linie"

"Wir haben uns auf eine klare Linie festgelegt. Kevin Kuranyi und Andreas Hinkel haben sich in den vergangenen Monaten in den Kader der A-Nationalmannschaft gespielt. Im Blick auf ihre weitere Entwicklung und die EM-Planungen 2004 haben wir deshalb entschieden, sie künftig nicht mehr in der U 21 einzusetzen und ihnen damit eine mögliche Doppelbelastung zu ersparen", erläuterte Stielike den Kompromiss. Immerhin verzichtet Völler gegen Frankreich auf Benjamin Lauth. Der Stürmer von 1860 München soll erneut die "U 21" verstärken.

Stielike musste nach intensiven Diskussionen zurück stecken. "Ich betrachte es als äußerst positiv, eine sachliche und für alle Beteiligten vertretbare Lösung gefunden zu haben", erklärte Völler. Wichtiger als der Erfolg der "U 21" als Mannschaft sei der Auftrag des Nachwuchsteams, Spieler für das A-Team hervorzubringen. "Das gehört zu ihrer Zielsetzung."

Bereicherung für die Bundesliga

In sind die "Jungen Wilden" nicht nur für die Nationalmannschaft unverzichtbar. Auch aus dem Bundesliga-Alltag sind Nachwuchs-Kicker wie Benjamin Lauth, Kevin Kuranyi, Arne Friedrich und Sebastian Schweinsteiger nicht mehr wegzudenken. Vor allem im Hinblick auf die Weltmeisterschaften 2006 im eigenen Land sind sie die Hoffnungsträger. Deshalb buhlen die großen Clubs um die Jungstars, doch das Quartett bemüht sich um Bodenhaftung. "Ich muss auf dem Teppich bleiben und weiter an mir arbeiten, denn ich muss noch viel lernen", sagt Bochums Nationalspieler Freier. Und "Löwe" Lauth widerspricht allen Schlagzeilen: "Ein Star bin ich mit Sicherheit keiner."

"Ich staune noch jedes Mal, wenn ich treffe"

"Mit Benjamin Lauth und Kevin Kuranyi gibt es zwei Hoffnungsträger, die mich begeistert haben", schwärmte Günter Netzer unlängst in der "Sportbild". "Ich bin erleichtert, dass uns mit diesen zwei Angreifern die große Sorge genommen wird, keinen Stürmernachwuchs mehr zu haben." Wenn der Stuttgarter Kuranyi an seine Tore denkt, strahlen immer wieder seine Augen. "Ich staune noch jedes Mal, wenn ich treffe", sagt Kuranyi. "Und jedes Tor macht mich sehr glücklich."

Wenn es nach Dieter Hoeneß, Manager von Hertha BSC, ginge, würde Kuranyi bald nach Berlin gehören. "Ich würde gerne hier bleiben. Im Moment gibt es keinen besseren Verein für mich als den VfB", sagt jedoch der Stürmer. Sein Vertrag läuft bis 2004, die Stuttgarter haben zudem die Option auf ein weiteres Jahr.

Bis 2005 steht "Slawo" Freier in Bochum unter Vertrag: "Bis dahin bleibe ich beim VfL. Hier will ich Erfolg haben." Der 23-Jährige zieht seine Stärke vor allem "aus den gesunden Verhältnissen zu Hause". Obwohl sein Marktwert mittlerweile auf sechs Millionen Euro taxiert wird, gehen seine Eltern Eugen und Christina unverdrossen ihrer gewohnten Arbeit nach: Der Vater in einer Papierfabrik, die Mutter als Reinigungskraft in einer Schule.

"Vernünftig trainieren und sich weiter entwickeln"

Bis 2006 gar hat sich Lauth seinem derzeitigen Arbeitgeber verpflichtet. In vertrauter Umgebung "vernünftig trainieren und sich weiter entwickeln" will sich auch Herthas Aufsteiger Friedrich. Hoeneß würde den Newcomer, der aus der zweiten Liga (Arminia Bielefeld) bis in die Nationalelf durchstartete, am liebsten über 2005 hinaus an den Verein binden, doch der Abwehrspieler hat derzeit keine Lust auf Vertragsverhandlungen: "Ich brauche meinen Kopf jetzt für andere Dinge." Fürs Fußballspielen nämlich.

DPA

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