Nationalmannschaft Der Tonfall wird rauher

Es ist das wichtigste Spiel seit der Europameisterschaft: Vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen die starken Russen hat Joachim Löw den Tonfall verschärft und einige Stammkräfte unter Druck gesetzt - Michael Ballack sieht sich dennoch als unangefochtener "Capitano".
Von Hartmut Graschke, Düsseldorf

Die Sonne hat sich bereits hinter den Laubbäumen mit den prächtigen herbstlichen Farben versteckt. Auf der anderen Seite steht wie ein stählerner Gigant die LTU Arena Düsseldorf, die eigentlich viel zu groß und viel zu schade dafür ist, dass hier nur der Drittligist Fortuna seine Heimspiele bestreitet. Doch Bundestrainer Joachim Löw und seine vertrauten Kicker gehen trotzdem nicht in die große Arena hinein. Kleine Kampfbahn heißt der tadellos gepflegte Rasenplatz mit einer Kunststofflaubahn und einer kleinen putzigen Tribüne direkt daneben auf dem weitläufigen Messegelände der Rhein-Metropole, wo die deutsche Nationalmannschaft für den Ernstfall probt.

Das Flutlicht ist am frühen Abend eingeschaltet, immer wieder verschiebt sich eine Viererkette mit den Verteidigern Per Mertesacker und Heiko Westermann in der rechten Hälfte des Platzes. Mario Gomez und Kevin Kuranyi - so hat es den Anschein - mimen den Gegner. Taktiktraining nennt man das, und Co-Trainer Hansi Flick leitet an. Auf der anderen Seite weist der Chef persönlich an. Löw überwacht, wie Piotr Trochowski und Thomas Hitzlsperger von links eine scharfe Flanke nach der anderen in die Mitte feuern und Lukas Podolski, Miroslav Klose und Patrick Helmes den Ball im Tor versenken. René Adler, nach der Verletzung von Robert Enke (Kahnbeinbruch) die neue Nummer eins, ist meist machtlos.

Scharfe Tonalge bei Löw

Doch Löw macht es Mut, weil seine Kicker so konzentriert sind. "Ich will von jedem Spieler sehen, dass er körperlich und mental für dieses Spiel bereit ist, sonst wird er nicht spielen", warnt Löw unaufhörlich. Höchste Konzentration will er sehen, und der badische Dialekt fällt bei dieser scharfen Tonlage gar nicht mehr auf.

Der Ernstfall naht. Das ist am Samstag das dritte WM-Qualifikationsspiel der Gruppe 4 in Dortmund gegen Russland (20.45 Uhr/live ARD). Bekanntlich lässt der Weltverband Fifa nur 13 europäische Vertreter an einer Weltmeisterschaft mitspielen, was den Nachteil hat, dass nur Gruppenerste das Ticket nach Südafrika sicher haben. Und welch ein Stress solche Relegationsspiele auslösen, dass wissen viele von Löws Protagonisten noch aus den Zitterspielen gegen die Ukraine im Herbst 2001. Damals war Dortmund der Brustlöser - am 14. November 2001 war das 4:1 der Befreiungsschlag für Teamchef Rudi Völler. Und nicht das erste Mal: Nach Völlers legendärer Wutrede auf Island ging es danach am 10. September 2003 gegen die von Berti Vogts trainierten Schotten - das 2:1 verschaffte ihm wieder die benötigte Erleichterung. Die Spielstätte Dortmund mit seiner mächtigen Tortribüne half auch Jürgen Klinsmann - am 22. März 2006 beim 4:1 gegen die USA, nachdem zuvor ein italienisches Desaster das ganze Reformprojekt des Wahl-Kaliforniers in Frage gestellt hatte.

Dortmund wurde bewusst ausgewählt

Nun also wieder die Westfalenstadt als Austragungsort eines vermeintlich richtungsweisenden Länderspiels. "Wir haben dieses Stadion bewusst ausgewählt", sagt Manager Oliver Bierhoff. Der Wahl-Münchner weiß, dass ein Stadion oder 70 000 Zuschauer kein Spiel gewinnen. "Aber wir brauchen die gute Stimmung, um diese schwierige Aufgabe positiv zu gestalten", betont Bierhoff. "Das ist auf dem Papier der stärkste Gegner. Und hier in Dortmund sind die Russen vielleicht noch gefährlicher als in Moskau." Und was sagt Löw nicht alles über den EM-Halbfinalisten? "Ich habe selten eine Mannschaft gesehen, die so schnell umschalten kann. Die Russen haben eine unglaubliche Stärke im Spiel nach vorn. Sie imponieren mir individuell und als Mannschaft." Mehr Respekt geht nicht.

Seit Wochen studiert deshalb DFB-Chefscout Urs Siegenthaler die Russen. Mit Erfolg. Der rechte deutsche Verteidiger Arne Friedrich kann wie auf Knopfdruck die Stärken des russischen Linksverteidigers Juri Schirkow aufzählen. So als wäre der 25-jährige Lockenkopf von ZSKA Moskau ein Spieler von Weltruf. "Der spielt wie ein verkappter Linksaußen. Da muss man aufpassen." Friedrich vor allem.

Adler empfindet Freude

Angesichts dieser Gemengelage kann sich das deutsche Team gar nicht leisten, sich in Nebenkriegsschauplätzen aufzureiben. Ist Adler gut genug, in seinem ersten Länderspiel allen Druck auszuhalten? "Nervosität ist nicht der Fall, man kann von Anspannung sprechen", beteuert der 23-jährige Novize aus Leverkusen, "ich fiebere dem Tag entgegen und empfinde Freude, ja absolute Vorfreude. Das wird ein absoluter Höhepunkt meiner Karriere." Torwarttrainer Andreas Köpke, der am Freitagmorgen im Düsseldorfer Hilton-Hotel dem Bremer Tim Wiese die Botschaft überbrachte, in Dortmund Bankdrücker zu sein, ist überzeugt, dass Überflieger Adler "ein Superspiel" macht. Vielleicht muss der gebürtige Leipziger das auch, wenn die Russen ähnlich sicher und schnell kombinieren wie bei der Euro.

"Das wird ein ganz harter Test und ein richtungsweisendes Spiel", sagt Michael Ballack. Ist der Kapitän nach der Abstinenz von drei Länderspielen wieder der Anführer? "Für mich persönlich hat sich nicht so viel geändert. Die vergangenen Jahre hat die Nationalmannschaft doch eine gute Entwicklung genommen." Mit Ballack als zentraler Figur. Der Streit mit Manager Bierhoff, Anfang der Woche vom 32-Jährigen selbst via Interview wieder angeheizt, ist kein Thema mehr. "Ich kann diese Diskussion nicht ganz nachvollziehen. Das hat wenig Nahrung." Er sei auch kein isolierter Kapitän, beteuerte der Wahl-Londoner. Und das darf man in diesen Stunden durchaus glauben.

Lange wie selten werden die Kaderkräfte übrigens vom Bundestrainer im Ungewissen gelassen, wer spielt. Wer glaubt, dass der Bremer Wortführer Torsten Frings gleich wieder zu den Gesetzen zählt, der irrt. Der bald 32-jährige Mittelfeldmann ahnt, dass ein schärferer Wind weht. Thomas Hitzlsperger und Simon Rolfes scharren mit den Hufen, und im Trainingsspiel agieren beide erstaunlich oft Seite an Seite mit Ballack. Befragt nach seinen Einsatzchancen, gibt sich der oft laute Frings kleinlaut: "Ich rechne nicht unbedingt mit meiner Aufstellung. Wenn ich spiele, werde ich wie immer alles geben. Sollte ich nicht spielen, ist das die Entscheidung des Trainers." Und geht es nach den Eindrücken im rheinischen Altweibersommer, dann könnte Löw durchaus so entscheiden. Als kann es vor dem Russland-Spiel nicht genug Reizpunkte geben.


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