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Nationalmannschaft: Kratzen, beißen, grätschen

Kämpfen bis zum Umfallen: Wenn spielerisch nichts mehr geht, müssen bei der WM mal wieder die deutschen Tugenden ran. Das setzt körperliche Fitness voraus. Deshalb wird Jürgen Klinsmann jetzt zum gnadenlosen Schleifer.

Wenigstens in punkto Fitness will Jürgen Klinsmann seine Spieler schon beim Eröffnungsspiel am 9. Juni gegen Costa Rica zu Weltmeistern gemacht haben. Nach Abschluss des zweitägigen Fitnesstests in Düsseldorf zeigte sich der Bundestrainer zuversichtlich, seinen Kader in der Vorbereitung auf die WM auf ein internationales Topniveau trimmen zu können.

"Wir sind sehr optimistisch, dass wir die Mannschaft in einen sehr guten körperlichen Zustand bekommen werden, weil wir dreieinhalb Wochen Zeit bis zur Partie in München gegen Costa Rica haben", sagte der Bundestrainer. Die 14 Tage im Trainingslager werden für die Mannen um Kapitän Michael Ballack alles andere als ein Zuckerschlecken. Denn mit den typisch deutschen Tugenden soll die stark verjüngte und unerfahrene deutsche Mannschaft ihre fußballerischen Defizite ausgleichen. Schon in der knappen Woche auf der Mittelmeerinsel Sardinien sollen die 23 WM-Kicker nicht nur am Strand in der Sonne liegen und sich von einer strapaziösen Bundesliga-Saison regenerieren, wie Klinsmann verriet: "Wir werden von Sardinien an zwei Mal täglich trainieren." Einzeln und in Gruppen sollen mögliche Defizite aufgearbeitet werden.

Abwesende WM-Kandidaten sollen Test nachholen

Vom 21. bis 30. Mai geht es dann am Genfer See richtig zur Sache. Denn es gilt, wie Klinsmann einräumte, den eingebüßten konditionellen Vorsprung gegenüber anderen Nationen wieder wettzumachen. "Wir haben in der Bundesliga gegenüber den anderen großen Ligen an Boden verloren", sagte er und kündigte an: "Wir müssen in diesem Bereich wieder viel mehr arbeiten, wir müssen uns wieder an die anderen Nationen heranarbeiten. Das werden wir tun."

Der vierte und letzte WM-Fitnesstest in Düsseldorf soll dabei für die praktische Arbeit wichtige Erkenntnisse liefern. Alle Probanden hätten die Leistungsüberprüfung komplett absolvieren können, hieß es am Dienstagmittag nach Abschluss der Tests. Auch der Leverkusener Jens Nowotny hat nach eigenen Angaben die Ausdauer-, Sprint- und Kraftübungen komplett und ohne Probleme hinter sich gebracht. "Das Knie hält", berichtete der Abwehrspieler, dem Bundestrainer Jürgen Klinsmann Hoffnung auf eine kaum noch erhoffte WM-Nominierung gemacht hatte. Der Test sollte Aufschluss bringen, ob Nowotnys rechtes Knie nach vier Kreuzbandrissen den WM-Belastungen standhalten kann. Nowotny berichtete von einem längeren Gespräch mit Klinsmann in Düsseldorf, bei dem es "um Gott und die Welt" gegangen sei.

Auch wenn am vierten und letzten Fitnesstest nur 17 Akteure teilnehmen konnten, hatte Klinsmann auf dem Nachholtermin beharrt. Aus gutem Grund, wie Mannschaftsarzt Tim Meyer erläuterte: "Das Aktuellste, was wir ohne den jetzigen Test an objektiven Daten zur Verfügung hätten, wäre von Oktober 2005. Mit diesen Daten könnten wir nicht mehr ohne gewisse Einschränkungen arbeiten." Darum sollen auch die WM-Kandidaten, die in Düsseldorf fehlten, die Tests unbedingt noch vor Saisonende nachholen.

"Mannschaft zusammenschweißen"

Der aktuelle Test liefere nämlich auch wichtige Daten für die Trainingssteuerung, betonte Meyer. Der Internist ist überzeugt davon, dass Klinsmanns Titel-Mission zumindest nicht an der körperlichen Leistungsfähigkeit der deutschen Elf scheitern wird. "Ich erwarte, dass unsere Spieler mit einer angemessenen Fitness in das Turnier gehen werden", sagte er. Der Arzt von der Uni Saarbrücken, der schon bei der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea dabei war, zerstreute zugleich Befürchtungen, dass die deutschen Nationalspieler nach der Bundesliga-Saison körperlich ausgelaugt sein könnten. "Ich möchte nicht behaupten, dass wir im Moment aus medizinischer Sicht eine Überbelastung der Spieler befürchten müssen", sagte Meyer.

Klinsmann kann also in der Vorbereitung in die Vollen gehen. Allerdings steht im Trainingslager nicht nur die Fitness auf dem Programm, die Gruppe soll auch zu einer verschworenen Gemeinschaft geformt werden. "Die Zeit in Sardinien und Genf wird die Mannschaft zusammenschweißen", meinte Teammanager Oliver Bierhoff.

DPA

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