Nationalmannschaft Trauerspiel erfordert Nervenstärke


Tim Wiese und Manuel Neuer bekommen heute Abend gegen die Elfenbeinküste (ab 20.45 im stern.de-Liveticker) ihre Chance im Tor der Nationalmannschaft. Ausgerechnet im Spiel eins nach Robert Enkes Selbstmord müssen sie sich beweisen. Da braucht es Nervenstärke.
Von Stefan Osterhaus

Ganz gleich, welcher Torhüter am Mittwochabend beim Länderspiel gegen die Elfenbeinküste mehr überzeugen wird - sowohl Tim Wiese als auch Manuel Neuer hätten ganz sicher lieber unter anderen Umständen ihren Konkurrenzkampf um die Nummer eins ausgetragen. Nur eine Woche nach dem Suizid Robert Enkes fokussiert sich die sportliche Diskussion auf die Keeper. So bitter es ist: Neuer, Wiese und René Adler dürften nun konkurrenzlos in Südafrika zum Kader zählen, sofern sie von Verletzungen verschont bleiben. Wer aber hat nun die besten Karten auf die Nummer 1 bei der WM?

Adler auf der Pole Position

Rene Adler dürfte nach seiner starken Leistung beim entscheidenden Qualifikationsspiel in Moskau der Favorit auf die Nummer eins sein. Gefragt, was den Torhüter von Bayer Leverkusen auszeichne, sagt sein Torwart-Trainer Rüdiger Vollborn: "Der ist rundum gelungen." Schwächen habe Adler keine, und seine Entwicklung zum Klassetorhüter sei noch gar nicht abgeschlossen. 2007, nach dem furiosen Bundesliga-Debüt Adlers als 22-jähriger, formulierte Vollborn gemeinsam mit Adler die Ziele für die kommenden Jahre: Nationaltorhüter werden und die Position bei der WM in Südafrika behaupten. Vollborn trainierte Adler schon als Jugendlichen.

Trotz der guten Leistungen Adlers ist die Situation allerdings nicht vollends geklärt. Dies liegt vor allem an der starken Konkurrenz. Auch wenn Oliver Kahn unlängst davon sprach, es befände sich kein Weltklasse-Torhüter in der Bundesliga, so spielen alle Kandidaten zumindest doch auf einem sehr guten Niveau – auch im internationalen Vergleich.

Letzte Chance für Wiese und Neuer?


Im heutigen Spiel der Nationalmannschaft gegen die Elfenbeinküste bekommen Tim Wiese und Manuel Neuer ihre Chance, sich zu beweisen. Es könnte die letzte Möglichkeit für die beiden werden, in der Nationalmannschaft Punkte zu sammeln. Im nächsten Jahr bleiben den Torhütern nur wenige Vorbereitungsspiele, um sich zu beweisen. Schon im März gegen Argentinien könnte sich Löw auf die Nummer 1 festlegen.

Der 23-Jährige Schalker Manuel Neuer mag in seinen Leistungen nicht ganz so konstant sein wie Adler, sein Talent und seine Fähigkeiten aber sind ebenso überragend. Keiner ist besser im spielerischen Bereich: Abwürfe bis zur Mittellinie eröffnen zielsicher das Spiel. Getunnelt wird er so gut wie nie, und während Adler das Lied der höchsten Konzentration singt und damit ein Löw'sches Mantra wiedergibt, sagt Neuer eher lapidar: "Es hängt ja immer davon ab, wie du in so ein Spiel reinkommst."

Gelassenheit an der Grenze zur Tiefen-Entspannung ist der wesentliche Charakterzug Neuers, der den Schalkern schon etliche Spiele in allen Wettbewerben gerettet hat. Andere mussten sich diese mentale Entspannung hart erarbeiten. Toni Schumacher, Deutschlands Nationalkeeper in den achtziger Jahren, betrieb autogenes Training und konsultierte schon damals eine Psychologin. Die Kollegen hätten den Aufwand mit einer knappen Bemerkung kommentiert: "Typisch Torhüter."

Neuer und Wiese gleichauf

Seine beste Partie absolvierte Neuer in Porto in der Champions League im März 2008, als er Portos Angreifer im Spiel und auch im Elfmeterschießen mit unfassbaren Reaktionen entnervte. Seine Ausstrahlung ist für einen Spieler seines Alters beachtlich. Auch er hat kaum Schwächen wie sein Konkurrent aus Leverkusen, beim Gewinn des U21-Titels zählte er zudem zu den Schlüsselspielern. "Er hat eine gute Körpersprache", sagt Toni Schumacher.

Doch wenn es um Präsenz geht, gefallen ihm sowohl Neuer als auch Adler gut: "Ihre Körpersprache signalisiert Sicherheit. Jeder von ihnen wirkt auf mich sehr selbstbewusst." Und es wäre ihm gleichgültig, wer von den beiden in Südafrika im Tor steht: "Das macht keine Unterschied. Beide sind sehr gute Torhüter, bei denen ich mir keine Gedanken machen würde."

Das gelte auch für Tim Wiese, der vermutlich den größten Leistungssprung gemacht hat. Wiese ist der Älteste im Trio. Und er ist ganz sicher der Außenseiter auf die Nummer eins. Doch keiner der drei dürfte so hart an sich gearbeitet haben. Dank einer Diät verlor er mehr als 13 Kilo, seither verfügt er über deutlich mehr Beweglichkeit. Auch die Sprungkraft scheint zugenommen zu haben. Geradezu unheimlich ist die Elfmeterbilanz. Galt Wiese früher als einer, dem das Duell vom Punkt nicht liegt, so hat sich das Verhältnis ins Gegenteil verkehrt: Von den letzten 14 Strafstößen parierte Wiese zehn - eine unglaubliche Quote. Schumacher, der als Spieler auch geradezu trainingsbesessen war, imponiert die Entwicklung Wieses in den vergangen Jahren.

Doch letztlich werden nicht allein die sportlichen Fähigkeiten den Ausschlag geben, sondern die Nervenstärke der drei Kandidaten. Rene Adler hat sie gegen Russland schon bewiesen. Wiese und Neuer haben heute Abend die Chance, ihre mentale Stärke zu beweisen. An dieser Stelle kommen Fluch und Segen des Torhüterlebens wieder zum Vorschein: Selbst in dem emotionalen Spiel nach Robert Enkes Selbstmord dürfen Wiese und Neuer möglichst keine Nerven zeigen. Es könnte den Posten im Tor der Nationalmannschaft kosten.


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