NATIONALMANNSCHAFT Und jetzt, Retter?


Schlafen, ohne zu träumen, ist eine Art Waffenstillstand mit sich selbst. Das Gezerre der Gedanken hört auf. Die Bilder des Tages flüchten aus dem Kopf. Leere. Innere Ruhe. Endlich. Rudi Völler erreicht diesen Zustand nur noch selten.

Schlafen, ohne zu träumen, ist eine Art Waffenstillstand mit sich selbst. Das Gezerre der Gedanken hört auf. Die Bilder des Tages flüchten aus dem Kopf. Leere. Innere Ruhe. Endlich.

Rudi Völler erreicht diesen Zustand nur noch selten. Sieg oder Niederlage - das ist für ihn mittlerweile egal. Völler durchlebt das typische Trainerleiden: Der Job raubt ihm die Nächte.

Er sitzt in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes im Frankfurter Riederwald. Dunkler Anzug, hellblaues Hemd, keine Krawatte. Ein Schnauzbart, wie nur er ihn trägt. Früh ergraute Wuschel-Dauerwelle. Der ewige Rudi.

»Das ist normal in diesem Job.«

Erst seit 16 Monaten ist er Teamchef der deutschen Nationalmannschaft. Oder schon. Je nachdem. Er erzählt von seinem neuen Leben unaufgeregt, wie es seine Art ist. Man soll sich um ihn bloß keine Sorgen machen, deshalb streut er immer wieder Sätze in das Gespräch ein wie: »Damit muss ich leben«, oder: »Das ist normal in diesem Job.«

Ehrgeiz als Krankmacher

Normal in diesem Job ist auch eine Berichterstattung, die jedes gesunde Maß verloren hat; die einen Trainer nahezu nach jedem Misserfolg an den Pranger stellt, als habe er ein Verbrechen begangen. Mit einem Team voller eitler Millionäre, zwischen deren Egoismen ein Coach aufgerieben wird.

Aber den wahren Stress macht sich ein Trainer selbst. Der persönliche Ehrgeiz ist es, der ihn zersetzen kann. Vor den Spielen liegt er wach. Bastelt sich siegversprechende Formationen zusammen, denkt Situationen durch, die doch niemals eintreten.

Und nach dem Spiel ist vor dem Spiel. An diesem Druck, der von innen kommt, darf sich nie etwas ändern - ohne ihn ist kein Trainer ein guter Trainer.

Ungewohnt gereizt

Begrüßt hat Rudi Völler seinen Gast wie immer: Die Rechte streckt er zum Handschlag aus, mit der Linken deutet er eine herzliche Umarmung an, dazu zwinkert er mit dem rechten Auge. Er bemüht sich, nett und verbindlich zu sein. Aber das gelingt in diesen Tagen nicht immer.

Seine Nase sieht so spitz aus wie die eines Igels, seine Augen liegen tief, und bei bohrenden Fragen stellt er ungewohnte Stacheln auf. Selbst beim Reporter vom Fernsehen, der ihm seit Jahren wohlgesonnen ist.

»Auf manche Fragen reagiert er sogar gereizt«, sagt dieser verblüfft nach dem Interview. »Wenn der Rudi von früher sich so sehen würde, er würde wohl vor sich selbst ein wenig erschrecken.«

Risiko Relegation

Die beiden Relegationsspiele gegen die Ukraine. Sie könnten für Rudi Völler, der als Spieler Weltmeister war, in seiner bisher so glanzvollen Vita zum Debakel werden.

Die Deutschen haben sich immer für eine WM qualifiziert. Irgendwie hingebeckenbauert, durchgederwallt, reingevogtst. Und ausgerechnet Rudi Völler könnte es vermasseln.

Er, der nie Trainer sein wollte, der nach der Drogenaffäre um Christoph Daum für die Nationalelf sein angenehmes Leben als Sportdirektor bei Bayer 04 Leverkusen aufgab, den sie in den Job reingedrängt haben, der gleich nach seinem ersten Länderspiel als Retter gefeiert wurde.

Unerwartete Wende

In nur zwei Spielen hat sich alles gewendet. Das fürchterliche 1:5 gegen die Engländer, der unverhoffte, aber vergebene Matchball beim 0:0 gegen Finnland. Nun das Nachsitzen mit der Angst im Nacken, zu scheitern. Und an den Pranger gestellt zu werden.

Lange war seine Beliebtheit ein Schutzschild. Für ihn. Für den rumpelnden deutschen Fußball. Für die blamierten Macher beim DFB. Natürlich ahnte er, was auf ihn als Ersten Mann im Land der Millionen Bundestrainer zukommen würde.

Rudi Völler spürte im Laufe der Zeit aber immer stärker, dass er einen Anspruch erfüllen soll, dem er nicht standhalten kann. Retten ja, aber er kann die Nationalelf nicht verzaubern. Keiner könnte das.

Wiederbelebte Tugenden

Rudi Völler hat als Realist, der er ist, mit denselben Spielern, die unter Erich Ribbeck bei der Europameisterschaft versagten, das geändert, was zu ändern war: Er hat die viel belächelten, aber zweckmäßigen deutschen Tugenden wiederbelebt.

Jetzt rennen und grätschen sie wenigstens wieder. Wer aber gleich die Rückkehr des schönen Fußballs zum Programm erhebt, ohne die Spieler dafür zu haben, kann nur scheitern.

Alle stehen hinter Völler

Die einflussreichsten Macher im deutschen Fußball, Franz Beckenbauer und Uli Hoeneß vom FC Bayern, sind auf Völlers Seite. Weil sie ihn mögen, weil sie die Probleme des deutschen Fußballs kennen - und auch, weil sonst die Diskussion um Völlers Nachfolge automatisch auf ihren Meistertrainer Ottmar Hitzfeld hinauslaufen würde.

Alle anderen in der Branche reden Völler gut zu, weil sie froh sind, dass es einer macht. Den Job, bei dem heute fast alle gestandenen Trainer wie Jupp Heynckes abwinken.

Schleudersitz Bundestrainer

Früher bedeutete der Platz auf der Bank der Nationalelf so etwas wie eine Garantie auf Erfolg und ein langes Berufsleben.

Jetzt ist er ein Schleudersitz. Und derjenige, der draufhockt, wird mit viel Häme und Spott übergossen. Siehe Vogts, siehe Ribbeck.

Bild will ein »Schwein«

Und jetzt: Siehe Völler? Sein Schutzschild ist bereits durchlöchert. Selbst die sonst so zurückhaltende »FAZ« attackiert ihn: Er sei zwar ein »netter Kerl, aber noch lange kein Trainer von Rang«, »sein Charisma nach den zwei Schockerlebnissen« dahin.

Und, ach ja, die Zeilen- und Stimmungsmacher von »Bild«, sie fordern in gewohnter Stammtischmanier das übliche Haudrauf-Gehabe: »Rudi, jetzt musst du ein Schwein sein«.

Über solche Kritik lacht Völler etwas spöttisch. Aber wieder sagt er nur: »Damit muss ich leben, damit kann ich leben.« Was er tatsächlich empfindet, behält er für sich.

Auf Völlers Art und Weise

Er hat sich nie an den euphorischen Freudenfeuern gewärmt, die von der Boulevardpresse nach den ersten Erfolgen mit dem Blasebalg geschürt wurden.

Er war niemals Rudi Riese. Genauso wenig ist er Rudi Ratlos, und er wird erst recht kein Rudi Rambo sein. Rudi will Rudi sein.

Völler kämpft um die WM-Teilnahme - und auch darum, so zu bleiben, wie er ist. »Ich bin davon überzeugt, dass wir es schaffen - aber auf meine Art und Weise«, sagt er.

Keine Alibi-Aktionen

Es ist einer der wenigen Sätze, bei denen Trotz aus seiner Stimme rausstürmt. So klingt es wenig später auch, als er sich gegen den Vorwurf wehrt, sein Führungsstil sei zu weich: »Da lache ich mich doch kaputt. Hast du gewonnen, war das Training okay, verlierst du, war's lasch. Natürlich werde ich aus den Erfahrungen lernen, aber ich bleibe meiner Linie treu. Wer mich kennt, der weiß, dass ich niemals irgendwelche Alibi-Aktionen mache, nur damit die Leute denken, ich hätte auf den Tisch gehauen.«

Das Klischee, er sei ein Schlitzohr, aber viel zu anständig, sei »absoluter Käse«. Er sagt es so, als sei er von diesem Image fast angewidert.

Wenn Rudi ausrastet

Denn Völler ist tatsächlich nicht nur der Kumpeltyp, der seine Umgebung bei Laune hält. Wer ihm tiefer in die Augen schaut, entdeckt dort nicht nur dieses kurz angedeutete Lächeln, dort tanzen auch viele kleine Teufel.

Pflegeleicht ist er nur, solange es nach seinen Vorstellungen läuft. Er kann bestimmend gucken, richtig böse.

»Wenn der Rudi ausrastet, hat er alles drauf. In seinem Jähzorn schlägt er dann richtig um sich«, beschreibt ihn Reiner Calmund. Der Manager von Bayer Leverkusen hat Völler in den vergangenen Jahren so nah und intensiv wie kaum ein anderer erlebt.

Calmund hat den Spieler nach Leverkusen geholt, ihn anschließend zum Sportdirektor ausgebildet. Calmund spricht oft mit »dem Rudi und seiner Frau privat«.

Rudis Eigenart

Mit seiner Art, nur intern die Klappe aufzureißen, kam Völler als Spieler durch. Auch als Sportdirektor. Jetzt aber, als Coach, könnte er damit scheitern. Er macht keine Show für die Medien, aber gerade die gehört heute in diesem Job dazu.

Und er ist auch keiner wie Ottmar Hitzfeld vom FC Bayern. Der Guru der deutschen Trainerzunft ist darin ein Meister, alle Tricks zu benutzen, um den Erfolg zu erzwingen. Disziplinlosigkeit straft er öffentlich ab, stärkt oder schwächt Spieler, je nachdem, was er erreichen will. Dieses Taktieren ist Völler suspekt. So tickt er nicht, das passt nicht zu »Ruuuuudi«.

Keine Show

Dieser Schlachtruf klang seit der EM 1988 durch die Stadien, wenn er als Stürmer antrat. Ein Ruf wie ein vertrautes Schulterklopfen. Weil Völler nie vorgegeben hat, etwas anderes zu sein als der ehrliche, geradlinige Kicker.

»Ruuuuudi« verkörpert die gute alte Zeit des Fußballs. Völler musste sich nie vom gleißenden Licht des Showbusiness anstrahlen lassen, um sich anerkannt zu fühlen. Er mag nicht mal gern fotografiert werden, weil er das schon als Inszenierung ansieht.

Rücktritt auch bei bestandener Qualifikation?

Dieser Mann ist nicht eitel. Nicht versessen auf einen Posten. Verpasst er gegen die Ukraine die WM-Teilnahme, wird er wohl sofort das Amt aufgeben. Aber auch bei einer Qualifikation könnte er zurücktreten. Nach dem Turnier in Japan und Südkorea im kommenden Sommer.

Calmund will Rudi zurück

Immer, wenn es um Völlers Zukunft geht, wird Reiner Calmund befragt. Er weiß, dass Völler sich vor den beiden Spielen gegen die Ukraine entscheiden wird.

Aber als deutscher Fußballfan und als Rudis Freund habe er einen Wunsch, sagt er in seinem rheinischen Singsang. »Dass der Rudi die Qualifikation zur WM schafft, dass er mit der Mannschaft eine gute WM spielt ...« Calmund zögert kurz, fährt dann fort: »Und dass er nach der WM nach Leverkusen zurückkommt.«

»In Leverkusen fühlt er sich wohl«

Auch Michael Kutzop glaubt an einen baldigen Abschied seines Kumpels von der Nationalelf. Seit 22 Jahren sind Völler und er befreundet. Sie spielten gemeinsam bei Kickers Offenbach und bei Werder Bremen.

Heute betreiben sie gemeinsam eine Fußballschule auf Mallorca. Dieses Jahr war Völler nur kurz an Ostern da.

Seit er Teamchef ist, sind selbst die Abende rar, an denen sie an der Bar ein paar Bierchen und Rotwein trinken und über schöne Zeiten reden. »Ich gehe davon aus, dass er 2002 noch dabei ist, dass er bei der WM sehr gut abschneidet, und danach sagt: So, Jungs, das war's, danke, und sich schön zurückzieht als Sport-direktor in Leverkusen. Das ist dort eine große Familie, da fühlt er sich wohl.«

Gedanken an die Zukunft

Völler reagiert auf das Thema routiniert. »Dazu habe ich bisher nie etwas gesagt. Es ist doch klar, dass ich mir, unabhängig von den letzten beiden Spielen, schon Gedanken mache, was danach kommt. Ich weiß, wohin meine Tendenz geht, worauf es hinausläuft.«

»Tante Käthe« bleibt er selbst

Und wenn die Entscheidung gefallen ist, kann kein Mensch der Welt ihn umstimmen. Wie stur er sein kann, zeigt sich bei seiner Frisur. Völler war und bleibt »Tante Käthe«, die Königin des Kräuselhaars. Auch wenn viele über den »obskursten Haarschnitt der Fußballgeschichte« (»The Observer«) spotten.

Selbst seine italienische Frau Sabrina hat ihm eine Belohnung versprochen, wenn er endlich die Haare anders richten ließe.

Er macht es allein deswegen nicht, weil die Leute dann glauben könnten, »ich hätte mich einem Trend angepasst«.

Er will, verdammt noch mal, er selbst bleiben.

Von Giuseppe Di Grazia


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