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Analyse

Neuer Uefa-Wettbewerb: Nations League: Wer braucht denn sowas? Oder?

WM, EM, Qualifikationsspiele ohne Ende - wer braucht da noch einen Wettbewerb? Die Liga für Nationalteams ist das neue Baby der Uefa. Die Skepsis ist groß, spricht überhaupt etwas für die Nations League?

Toni Kroos attackiert Kylian Mbappé - zum Duell Deutschland Frankreich kommt es auch in der Nations League

Gipfeltreffen: Toni Kroos attackiert den französischen Topstürmer Kylian Mbappé. Das Duell Deutschland gegen Frankreich ist eines der Topspiele der neuen Nations League.

DPA

"Wenn es keine Nations League geben würde, dann würde sie wohl auch niemand vermissen." Gesagt hat das Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge - und man kann ihm da kaum widersprechen. Die Spieler klagen eh seit langem schon über zu viele Spiele, als Fan kann man sowieso praktisch täglich irgendwo Spitzenfußball sehen. Die Faszination, die eigentlich für Millionen vom "Spiel der Welt" ausgeht, wird arg strapaziert; sie nutzt sich ab. Die Funktionäre wollen das nicht sehen und melken die Kuh inzwischen bis zur Schmerzgrenze - zuletzt mit dem Aufblähen der beiden großen Turniere EM und WM, und jetzt sogar mit einem neuen Wettbewerb.

So weit, so bekannt. Der allgemeinen Skepsis und Ablehnung in Bundesliga-Vereinen wie im Fan-Lager kann man entgegen halten: Den vergangenen Confed Cup in Russland wollte angeblich auch keiner sehen, und dann war das Interesse doch sehr ordentlich und die Begeisterung groß, als die deutsche Mannschaft den Cup holte. Ob das mit der Nations League genauso sein wird, weiß natürlich im Moment niemand. Und da es ja nur um Fußball geht, wischen wir uns am besten den Schaum vom Mund und machen eine kleine Bestandsaufnahme: Was spricht für und was gegen den neuen Cup für Nationalteams?


Das spricht für die Nations League

Wettbewerb statt Test: Dass die Testkicks der Nationalelf keinen vom Hocker reißen, selbst wenn es gegen die großen Fußball-Nationen geht, darüber gibt es wohl keine zwei Meinungen. Allein die halbleeren Stadien bei solchen Spielen sprechen eine eindeutige Sprache. An die Stelle dieser blutleeren Begegnungen treten nun Klassiker wie Deutschland - Italien oder Deutschland - England; und zwar unter Wettbewerbsbedingungen.

Sportlich reizvoll für alle: Die neue Liga ist praktisch für alle Uefa-Verbände sportlich reizvoll. Man misst sich regelmäßig mit Teams auf Augenhöhe - das gilt für Schwergewichte wie Deutschland und Spanien ebenso wie für San Marino und Liechtenstein. Damit winken auch den Kleinen künftig Siege und Aufstiege, während auch Deutschland oder Spanien sich unversehens in der ungewohnten Herausforderung Abstiegskampf wiederfinden könnten.

Chance für Außenseiter: 20 Startplätze für die EM werden auch künftig über die bekannte Qualifikation ermittelt. Die letzten vier Plätze sollen, so sich die Nations League etabliert, auf Grundlage der Ergebnisse des neuen Wettbewerbs vergeben werden. Die vier Gruppensieger einer jeden Liga spielen dabei in Playoffs einen Startplatz aus. Sollten die Gruppensieger bereits qualifiziert sein, rutschen die schlechter Platzierten nach. Auf diese Weise steigen die Chancen für die schwächeren Nationen, auch einmal an einer großen Endrunde teilzunehmen.

Rangfolge statt Koeffizient: Bisher wurden bei Auslosungen die Teams nach dem mathematisch ermittelten Uefa-Koeffizienten gesetzt. Künftig sollen die Ergebnisse der Nations League dazu verwendet werden. Die Setzliste - auch bei der Auslosung der nächsten EM-Qualifikation - soll sich künftig also nach einem sportlichen Ranking richten. Gut so.

Das spricht gegen die Nations League

Alles viel zu viel: Es ist ja nicht so, dass der Fußballkalender nicht sowieso schon prall gefüllt wäre. Auch wenn die Funktionäre betonen, dass es durch den Wegfall von Freundschaftsspielen unterm Strich nicht mehr Spiele werden, so wird mit der Nations League aber doch ein weiterer Wettbewerb in den Kalender gequetscht. Sie soll in den Jahren zwischen EM und WM laufen, in denen aber auch die Qualifikationen gespielt werden. Und: Dieser Cup soll ernst genommen werden, die Belastung für die Spieler wird dadurch also trotzdem höher. Eigentlich bräuchte der Fußball-Kalender weniger statt mehr. Doch dagegen sprechen wohl die finanziellen Interessen der Uefa.

Abnutzung: Erinnert sich noch jemand an die ersten Jahre der Champions League? Damals freute man sich noch auf Superduelle Real Madrid gegen Manchester United oder Bayern München gegen FC Barcelona. Wer ehrlich ist, gibt zu: Solche Spiele sind inzwischen zur Routine geworden, die Faszination ist kleiner geworden. Das droht nun auch den europäischen Länderspiel-Klassikern. Das schadet nicht nur diesen Duellen an sich, sondern auch der Attraktivität von EM und WM.

Verwässerung von EM und WM: Die elektrisierende Wirkung von Welt- und Europameisterschaften ging stets davon aus, dass hier wirklich die Besten der Besten gegeneinander antreten. Das konnte auch Menschen begeistern, die den Fußball sonst wenig beachten. Die großen Turniere haben Uefa und Fifa nun aber schon durch die Ausweitung der Teilnehmerfelder verwässert. Jetzt geht es auch noch an die Qualifikationen. Die vier EM-Plätze, die auf Grundlage der Nations League ausgespielt werden, werden voraussichtlich an Nationalteams gehen, die im direkten Vergleich kaum ein Endrunde erreichen würden. Das mag man ihnen gönnen, der Qualität einer EM schadet das. Wie sich die Nations League auf die europäische Qualifikation für die WM auswirken wird, ist noch nicht einmal diskutiert worden.

Durch die Hintertür zur EM: Apropos Verwässerung! Bisher führt der Weg zu einer EM oder WM strikt über gute Ergebnisse. Mit den Playoffs der Nations League öffnet sich aber eine Hintertür. Scheitert ein prominentes Team aus Liga A oder B in der regulären Qualifikation - wie aktuell die Niederlande - kann es sich künftig über die Nations-League-Playoffs doch noch ein Endrundenticket ergattern - zumal gleichwertige Gegner zumeist schon qualifiziert sein werden und dann schwächere Mannschaften nachrücken. Außerdem: Da in jeder der vier Ligen, also auch in Liga C und D je ein Platz für die EM erspielt werden soll, könnte es sich für manche Teams lohnen, einen Abstieg in Kauf zu nehmen, um sich anschließend gegen schwächere Gegner leichter qualifizieren zu können. Das kann natürlich in die Hose gehen; würde aber in jedem Fall weder der EM noch der Nationenliga gut tun.

Und was ist mit dem Confed Cup, dem WM-Vorbereitungsturnier, das die deutsche Elf zuletzt gewonnen hat? Für 2021 in Katar ist derzeit nichts vorgesehen, abgeschafft hat die Fifa das Turnier aber (noch) nicht. Europäische Mannschaften haben mit der Nations League für diesen Cup allerdings keine Zeit mehr.

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