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Kommentar

Rücktritt aus der Nationalmannschaft: Özil hat die Medienwelt verstanden – aber ein wichtiges Detail entgeht ihm

Mesut Özil ist zurück in der Offensive und schießt gegen alle – auch gegen die Presse, von der er sich falsch behandelt fühlt. Dabei unterläuft ihm aber ein entscheidender Denkfehler.

Mesut Özil winkt im DFB-Trikot den Fans zu

Mesut Özil verabschiedet sich aus der Nationalmannschaft – mit Knalleffekt

DPA

Als Mesut Özil am Sonntag um 12.52 Uhr über seine Social-Media-Kanäle die lang erwartete Stellungnahme zum Treffen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan (unter dem Titel "I/III") in die Welt schickte, war klar, welches Thema die Schlagzeilen in den nächsten Tagen bestimmen würde. Da war noch nicht einmal bekannt, wie weit Özil tatsächlich zum Rundumschlag ausholen würde: Es folgten II/III, eine Abrechnung mit Medien und Sponsoren, sowie als furioser Schlussakkord III/III die harte Kritik an DFB-Präsident Reinhard Grindel inklusive dem Rücktritt aus der Nationalmannschaft.

Wochenlang befand sich Özil in der Defensive, allerorten wurde über ihn geredet, nicht selten auf sehr despektierliche Art und Weise. Özil selbst blieb eine Erklärung lange schuldig, auch die Antwort auf dem Platz, die sich DFB-Chef Grindel vor der WM so sehr von ihm gewünscht hatte, blieb aus. Das Ausscheiden in der Vorrunde verschärfte die Lage noch einmal. Nun hat sich das Blatt gewendet, Özil ist wieder da, wo er sich auch im Spiel am wohlsten fühlt: in der Offensive.

Beinahe jeder, der an der Causa Özil (oder sollte man mittlerweile "Affäre Özil" sagen?) beteiligt war, bekam in den drei Posts sein Fett weg. 

Die Art und Weise, wie sich Özil nach langem Schweigen zu Wort meldete, überrascht. Sie war auch seine kleine, subtile Rache an den Journalisten, von denen er sich so oft missverstanden oder sogar falsch behandelt gefühlt hatte.

Twitter statt Interview: Özil will keine Fragen

Um seine Sicht der Dinge zu erklären, nutzte Özil keineswegs ein Interview mit einem großen Medium oder eine Pressekonferenz, wie es beispielsweise Grindel und Oliver Bierhoff bei ihrer Kritik getan hatten. Der Weg über die eigenen Seiten in den sozialen Netzwerken ist mittlerweile nicht ungewöhnlich, Özil hat allein auf Twitter mehr als 23 Millionen Follower. Es ist aber auch der bequemste Weg, eine Erklärung abzugeben. Denn kritische Nachfragen, die mindestens bei Özils Ausführungen zum Erdogan-Bild angebracht gewesen wären, sind so nicht möglich. Özil setzt seine Meinung in die Welt und zieht sich anschließend wieder zurück. Früher nannte man das "nach Diktat verreist". Heute vielleicht "Mic drop".

Mit grünem Cap und weißen Kopfhörern um den Hals geht Mesut Özil im roten T-Shirt mit Arsenal-Wappen an einem Bus vorbei

Das Statement ausgerechnet an einem Sonntag zu posten (ja, auch Journalisten haben gern ein freies Wochenende), in der Urlaubszeit (vor allem die WM-Reporter freuen sich gerade über ein paar Urlaubstage) und das letzte, entscheidende Posting erst nach 20 Uhr zu senden (auch Redakteure machen gern mal pünktlich Feierabend), wenn viele Print-Ausgaben schon den Redaktionsschluss erreicht haben oder stramm darauf zuarbeiten, das lange Warten auf das fulminante Schlussstatement – all das können kleine Zufälle sein. Die Kombination allerdings lässt vermuten, dass Özil und sein Team die Presse ein wenig trollen wollten. Es sei ihnen gegönnt.

Zumindest spricht dieses Vorgehen dafür, dass Mesut Özil in der Öffentlichkeit endlich wieder strategisch und überlegt agiert. Das war beim Treffen mit Erdogan und der anschließenden (praktisch nicht existenten) Krisenkommunikation ganz offensichtlich nicht der Fall. Immer noch stellt sich die Frage, warum es im Umfeld eines Fußballers auf diesem Niveau und mit diesem Promistatus, der rund um die Uhr beraten und betreut wird, niemanden gegeben hat, der ihn darauf hinwies, dass das Foto mit Erdogan vielleicht keine so großartige Idee ist.

"Die Medien" gibt es nicht

Am Sonntag haben Özil und seine Berater gezeigt, dass sie doch verstanden haben, wie Medienarbeit funktioniert. Schade nur, dass sie dabei ein sehr wichtiges Detail übersehen haben: "Die Medien" gibt es nicht – zumindest nicht so, wie es Özil in seinem zweiten Statement suggeriert. Dort warf er der Presse vor, ihn aufgrund seiner türkischen Herkunft mit anderen Maßstäben zu behandeln als beispielsweise Lothar Matthäus, der sich während der WM mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen hatte. Die Zeitungen hätten versucht, "das deutsche Volk" gegen ihn aufzubringen, damit sei eine Grenze überschritten worden.

Özil meint damit wohl unter anderem die sogenannten Experten Mario Basler, Stefan Effenberg oder Lothar Matthäus, die ihn während der WM hart und mit teils fragwürdiger Wortwohl angegangen hatten. Ganz unrecht hat Özil also nicht, es gab diese Stimmen. Es waren nicht viele, sie waren nur sehr laut. So funktioniert Populismus leider.

Was der nun ehemalige Nationalspieler aber verkennt: Die Reaktionen auf sein Erdogan-Foto, seine WM-Leistungen und den Umgang des DFB mit ihm waren in der deutschen Medienlandschaft durchaus vielfältig. Wie unterschiedlich die Meinungen zum Themenkomplex Özil sind, lässt sich auch exemplarisch an den Kommentaren zu seinen aktuellen Äußerungen nachverfolgen. Viele Medienhäuser nehmen Özils Rassismus-Spin wohlwollend und nachdenklich auf, andere – wie die "Bild" – werfen ihm eine "Jammer-Abrechnung" vor.

Eine Debatte, die wehtut – aber sie muss sein

Und so waren es auch in den Wochen des Schweigens einige der von Özil so verteufelten Medien, die ihm letztendlich den Weg für seine Agenda bereiteten. Lange bevor Özil sich zu dem Thema zu Wort meldete, kritisierten Redakteure großer Medienangebote die Äußerungen Grindels, setzten die Debatte in den Kontext von Integration und Rassismus und verteidigten auch Özils sportliche Leistungen, als dieser zum Sündenbock für die WM-Blamage gemacht werden sollte. Dabei gingen sie in ihrer Kritik sogar noch weiter als Özil selbst – bei dem kommt DFB-Manager Bierhoff, der Özil ebenfalls öffentlich angezählt hatte, noch gut weg. Auch beim stern erschien schon vor zwei Wochen ein Artikel, in dem ein Redakteur Position pro Özil und contra Grindel bezog – mit sehr ähnlichen Argumenten, wie es der Fußballer nun selbst tut. Er springt auf einen Zug auf, den andere ins Rollen gebracht haben.

Der Sache kann das allerdings nur gut tun. Mesut Özil hat Fehler gemacht, auch seine Erklärungen bieten Angriffsfläche. Das Tischtuch zwischen dem Fußballer Özil und dem Fußball in Deutschland scheint bis auf weiteres zerschnitten. Viel wichtiger ist: Der Migrantensohn Özil könnte der deutschen Gesellschaft eine Debatte beschert haben, die längst überfällig ist. Mit seinen Worten hat er vielen eine Stimme geben, die im Alltag ähnliches erleben. Die ehrliche Auseinandersetzung über den Stand der Integration in unserem Land wird weh tun, aber sie ist unerlässlich. Mit Verallgemeinerungen kommt man dabei allerdings nicht weiter.

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