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Nach BVB-Köln-Aufregung: Schafft den Videobeweis ab!

Unausgegorene Technik, überforderte Referees, genervte Anänger. Die Bundesliga ist kein Versuchskaninchen. Findet stern-Stimme Philipp Köster.

Hat sich ein Mensch schwer geärgert, empfiehlt ihm der Volksmund, doch erst einmal eine Nacht darüber zu schlafen. , Manager des 1.FC Köln, hätte genau das tun und bis dahin alle Mikrofone meiden sollen. Womöglich wäre ihm nämlich in der milden Morgensonne gedämmert, dass es keine gute Idee war, sich am Sonntagabend zornbebend vor die Mikrofone zu stellen und zu fordern, dass das Spiel seiner Kölner bei Borussia Dortmund wiederholt werden müsse.

Natürlich, dem 1.FC Köln ist in diesem Spiel Unrecht geschehen. Das 2:0 der Dortmunder kurz vor der Halbzeit hätte nicht gelten dürfen. Der Schiedsrichter hatte die Partie kurz vorher nach einem Handgemenge im Kölner Strafraum durch einen Pfiff unterbrochen. Dass anschließend der Videoschiedsrichter auf Tor erkannte und dabei ignorierte, dass der Referee bereits gepfiffen hatte, ist eine klare Fehlentscheidung. Und dabei ist ganz unerheblich, wer da im Strafraum rangelte und schubste – der Pfiff schuf Tatsachen. Alles, was danach passierte, durfte nicht mehr zu einem Tor führen.

Kölner hätten lieber förmlich protestieren sollen

Das Spiel nun allerdings zu wiederholen, hilft dem 1.FC Köln leider nicht besonders: Der Terminplan der Kölner ist durch die eh prallvoll. Die Mannschaft liegt mit null Punkten am Tabellenende. Die Aussicht in einem Wiederholungsspiel deutlich besser abzuschneiden als am Sonntag ist nicht besonders groß.

Ein förmlicher Protest hätte allerdings einen Vorteil. Es würde noch einmal dokumentiert, wie wenig der derzeit dazu führt, das Spiel signifikant gerechter und die Entscheidungen der Referees transparenter zu machen. Stattdessen kommt es Spieltag für Spieltag zu völlig berechtigten Diskussionen. Allein an diesem Wochenende fragten sich die Zuschauer: Warum griff der Videoschiedsrichter nicht ein, als der Wolfsburger Keeper Koen Casteels dem Stuttgarter Kapitän Gentner das Gesicht zerstrümmerte? Und warum wurde der Pfiff des Referees in Dortmund ignoriert?

Befürworter des Videobeweies entschuldigen all das gern als Kinderkrankheiten eines funktionierendes Systems. Davon kann jedoch nicht die Rede sein. Es scheint derzeit in allzu vielen Situationen nicht möglich zu sein, innerhalb vertretbarer Zeitspannen ein verlässliches und gerichtsfestes Urteil zu fällen. Hinzu kommt, dass der Videobeweis auch abseits kruder Entscheidungen vieles zum Unguten verändert. Der Videoschiedsrichter wird nicht, wie zuvor behauptet, als Hilfe des Referees wahrgenommen, sondern als unsichtbarer Aufseher. Das untergräbt die Autorität und die Entscheidungssicherheit der Unparteiischen. Mittelfristig werden Schiedsrichter selbst offensichtliche Fouls nahe dem Tor und zweifelhafte Abseitspositionen nicht mehr pfeifen – soll der Videoschiedsrichter doch die Situation beurteilen.

Der Videobeweis und die emotionale Handbremse

Hinzu kommen all die offenkundigen Nachteile, die der Videobeweis ohnehin hat. Die emotionale Handbremse etwa – selten ist wohl ein Tor weniger enthusiastisch bejubelt worden als in nach der Entscheidung des Videoschiedsrichters zum 2:0. Und die zusätzliche Unterbrechungen, die die Zuschauer im Stadion zudem vollständig im Unklaren lassen, was da eigentlich gerade verhandelt wird All das kann nur zu einem Schluss führen: Die Testphase sollte abgebrochen werden. Die Technik ist unausgereift, die Regularien sind offenbar unpräzise formuliert und die Referees vor den Bildschirmen überfordert. Und angesichts all dessen kann der Videobeweis gerne auf Trainingsplätzen ausprobiert werden, die Bundesliga eignet sich nicht als Versuchskaninchen.

Das bedeutet keine grundlegende Absage an den Videobeweis. Dank der galoppierenden Technik wird es in naher Zukunft sicher möglich sein, die Positionen der Spieler auf dem Spielfeld genauer zu bestimmen. Bis dahin aber sollte die Bundesliga uns mit derlei Experimenten verschonen.

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