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P. Köster: Kabinenpredigt: Kranke Diskussion um den BVB? Wirklich?

Wird das Team von Borussia Dortmund schlechter gemacht, als es ist? Aki Watzke attackiert die Presse, will damit aber nur eine Diskussion beenden, die auch ihm gefährlich werden könnte. Sagt stern-Stimme Philipp Köster

BVB-Trainer Peter Bosz und sein Boss Hans-Joachim Watzke sitzen lachend nebeneinander auf der Dortmunder Bank

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke (r.) will die Diskussion um Dortmund beenden. Aber wie lange geht das gut?

Es gab in den letzten Monaten nicht allzu viele Anlässe, dem -Boss Aki Watzke beizupflichten. Seine desaströse Aufarbeitung des Anschlages auf den BVB-Mannschaftsbus, der peinliche Rosenkrieg mit Trainer Thomas Tuchel - stets hatte Watzke eine unglückliche Figur gemacht und mit erratischen Wortmeldungen für Irritationen gesorgt.

Wenn nun aber die mediale Hysterie um den BVB kritisiert, die die Dortmunder erst zum Meisterschaftsfavoriten hochgejazzt und dann zum gefühlten Abstiegskandidaten hinuntergestuft hat, dann gibt man dem BVB-Boss gefühlt erst einmal Recht. Nicht unbedingt, was die harschen Worte angeht ("Für die Berichterstattung fehlt mir teilweise das Verständnis. Das ist krank"), aber in der Tendenz. Denn die Wahrnehmung des BVB changiert seit zwei Wochen mit beeindruckender Rasanz zwischen Euphorie und Depression.

Zahllose Lobeshymnen auf den BVB

Wer heute noch einmal die Presseberichte und TV-Kommentare nach den rauschhaften ersten Partien sichtet, findet dort Lobeshymnen en gros, unisono wird der Offensivfuror gelobt, den Trainer mit seinem auf Attacke ausgelegten System entfesselt habe. Und stets schwang in den Berichten die große Hoffnung mit, dass der BVB die bohrende Langeweile im Bundesliga-Titelkampf beenden würde. Eine Hoffnung, die sich auch deshalb so auf den BVB fokussierte, weil anfangs der zweite Hoffnungsträger, RB Leipzig, schwächelte.

Gerne wurde dabei übersehen, dass sich der BVB auch in den ersten Spielen durchaus die eine oder andere Unsicherheit in der Defensive geleistet hatte. Und, dass jedes System, das so ostentativ auf Aggression setzt, natürlich in der Rückwärtsbewegung seine Schwächen hat - die spieltaktische Wollmilchsau einer Kombination aus offensivem Hurra-Fußball und massierter Deckung hat noch niemand erfunden.

Watzkes Argumentation ist dünn

Es war aber, und da wird Watzkes Argumentation ein bisschen dünn, keinesfalls eine Fehlinterpretation der Presse allein. Denn natürlich blieben auch die Akteure beim BVB nicht unbeeindruckt von den ersten Spielen, insbesondere das Schützenfest gegen Borussia Mönchengladbach hinterließ seine Spuren. Bei den Fans auf der Südtribüne, die gegen Gladbach in der zweiten Halbzeit kein Lied so häufig sangen wie die Versicherung, dass "Deutscher Meister nur der BVB" wird. Und bei den Funktionären, die ihrerseits durchaus verständlich, erleichtert waren, dass die taktische Transformation von Tuchel zu Bosz so reibungslos vonstatten zu gehen schien.

Ging sie nicht - soviel kann man nach neun Spieltagen feststellen. Noch hat der Kader die Automatismen, auf denen das Bosz-System fußt, nicht so verinnerlicht wie es sein müsste. Noch stürzt die Abwehr gegen starke Gegner von einer Verlegenheit in die nächste. Und will die Borussia nicht in größere Schwierigkeiten geraten, muss sie diese möglichst rasch abstellen und damit auch jene Kritiker verstummen lassen, die diese defensiven Schwächeanfälle für systemimmanent hält.

Diskussion um Peter Bosz könnte mit Wucht kommen

Watzke weiß das alles. Dass er dennoch die Presse anklagt, ist deshalb ein Ablenkungsmanöver. Schon um gar nicht erst die Diskussion darüber aufkommen zu lassen, ob nach der unsanften Trennung der neue Trainer und seine Philosophie wirklich der richtige für die Borussia ist. Und ob der Kader für eben diese Philosophie richtig zusammengestellt ist. Diese Diskussion jetzt zu führen, ist zu früh. Sollten sich die Eindrücke der letzten Wochen jedoch verfestigen, wird sie später mit umso größerer Wucht geführt werden, ob es Watzke passt oder nicht.

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