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P. Köster: Kabinenpredigt: Tuchel verbockt - und eine riesengroße Baustelle im Hintergrund offenbart

Die Doppelspitze des FC Bayern sorgt für Stillstand beim größten deutschen Klub. An der Spitze kann nur einer das Sagen haben. Sagt stern-Stimme Philipp Köster.

Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge: Das Theater um Thomas Tuchel sagt viel aus über die unklare Zuteilung im Verein

Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge: Das Theater um Thomas Tuchel sagt viel aus über die unklare Zuteilung im Verein

DPA

Kalle Rummenigge und Uli Hoeneß hatten sich das so schön vorgestellt. Dass sie in der Länderspielpause mal bei durchklingeln. Dass der Coach den lang ersehnten Anruf freudig entgegen nimmt. Und dass die Bayern noch in dieser Woche ihren neuen Coach präsentieren können.

In der Realität steht der Ende März ohne einen neuen Trainer da. Weil Thomas Tuchel natürlich nicht neben dem Telefon gewartet hat wie ein Backfisch vor dem Highschool-Ball, sondern mit einem anderen Spitzenklub bis zur Vertragsreife verhandelt hat. Und weil zugleich der aktuelle Coach Jupp Heynckes eben doch nicht mehr weitermachen will – woran der altgediente Coach auch nie einen ernsthaften Zweifel gelassen hatte.

Kein Plan B

Jeder, der es einigermaßen gut mit den Münchnern meinte, ging deshalb auch davon aus, dass das penetrante Werben um der letzten Monate lediglich ein gut orchestriertes PR-Manöver war, um zugleich diskret dessen Nachfolge zu regeln. Und dass es sich bei diesem Nachfolger um Thomas Tuchel handeln würde – der im Gegensatz zu den anderen gehandelten Kandidaten wie Julian Nagelsmann oder Niko Kovac im globalen Spitzenfußball als satisfaktionsfähig gilt.

Stattdessen fragt man sich nun entgeistert, was die Münchner eigentlich in den letzten Monaten so in Sachen Trainersuche so getrieben haben? Bestand das gesamte Engagement der Funktionäre wirklich darin, dass Uli Hoeneß immer mal wieder den Wunsch, Heynckes möge verlängern, in den Medien platzierte? Und dachten sie an der Säbener Straße wirklich, ein mit ausreichend Selbstbewusstsein ausgestatteter Coach wie Tuchel würde nicht registrieren, dass Uli Hoeneß noch zum Jahresanfang lauthals verkündete, es gebe zur erwünschten Vertragsverlängerung von Heynckes keinen Plan B?

Uli Hoeneß oder Karl-Heinz Rummenigge: Wer prägt den FC Bayern jetzt?

Natürlich fällt die vorerst gescheiterte Trainersuche zunächst auf zurück. Der konnte, glaubt man all den Geschichten, die von der ersten Zusammenkunft der Bayern-Bosse mit dem Coach kursieren, von Beginn an nicht allzu viel mit Tuchel anfangen – zu fordernd, zu professionell, zu kühl, zu wenig Demut gegenüber dem großartigen FC Bayern. Einfach absagen konnte Hoeneß die Personalie Tuchel allerdings nicht, das verbot die Architektur der Doppelspitze mit Kalle Rummenigge, der eben jenes Auftreten offenbar durchaus erfrischend fand. Anstatt aber eingedenk des Dissens die Suche zu intensivieren und weitere ernsthafte Kandidaten ins Visier zu nehmen, wurde der Konflikt wie so häufig verschleppt. Monate wurden vergeudet mit fruchtlosem Werben um Heynckes, teils grotesk anmutenden Spekulationen wie die um Freiburgs Coach Christian Streich und der realitätsfernen Hybris, Tuchel werde am Ende schon freudig einwilligen.     

Sich dieses Theater angeschaut zu haben, fällt jedoch genauso auf und die anderen Bayern-Granden zurück. Hätte der Vorstandsvorsitzende Tuchel wirklich als Coach gewollt, hätte er sich sowohl öffentlich als auch hinter den Kulissen sehr viel intensiver für die Verpflichtung einsetzen müssen. Wenn die Kolportage aus dem Tuchel-Lager stimmt, es habe nur sporadischen Kontakt gegeben, kann man es Tuchel nicht übel nehmen, sich für einen anderen Klub entschieden zu haben.

Und so bleibt festzuhalten, dass der größte deutsche Klub in entscheidenden Fragen des Unternehmens derzeit nicht handlungsfähig ist. Das machtpolitische Gleichgewicht aus Hoeneß und Rummenigge lähmt den Klub, weil beide ihn in völlig unterschiedliche Richtungen führen wollen. Diese Blockade aufzulösen, personell und inhaltlich, wird die größte Herausforderung für die Bayern in den nächsten Monaten sein. Die Personalie Tuchel ist da erst der Anfang.


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