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P. Köster: Kabinenpredigt: Trotz des Gemeckers: Hoch die Tassen, FC Bayern!

Kein Autokorso, keine Ekstase beim FC Bayern. Warum es der Rekordmeister trotzdem mal richtig krachen lassen sollte, erklärt stern-Stimme Philipp Köster.

Spieler des FC Bayern München feiern ihren fünften Meistertitel in Serie

Spieler des FC Bayern München feiern ihren fünften Meistertitel in Serie

Das Spiel am Samstagabend in Wolfsburg war kaum abgepfiffen und der Jubel der Spieler des über die vorzeitige Meisterschaft hatte gerade erst begonnen, da höhnte schon die halbe Republik über den Feierlichkeiten der Münchner. Weil sich nach zehn Minuten noch kein Autokorso auf der Maximilianstraße gebildet hatte und Carlo Ancelotti noch nicht oberkörperfrei am Zaun des Münchner Fanblocks hing, fühlte sich das Fanvolk zwischen Bremen und Augsburg an die alte Frage von Paul Breitner erinnert, der 1973 nach einer souveränen Meisterschaft der Bayern indigniert in die Runde gefragt hatte: "Kann denn in diesem Scheißverein keiner feiern?"

Natürlich knallten am Samstagabend keine Sicherungen durch und ziemlich sicher wird die traditionelle Feier auf dem Marienplatz keine Orgie und kein Freudenfest, sondern ein ordinärer Jahrmarkt mit Kirmestechno und übersteuerten Boxen. Aber das ist erstens überall in der Republik so, wenn ein Fußballverein etwas zu feiern hat. Und zweitens mindert es nicht die Leistung der Mannschaft und des Klubs in dieser Saison.

Meister drei Spieltage vor Schluss: eine starke Leistung

Drei Spieltage vor Ende der Saison souverän deutscher Meister zu werden, ist ohne Abstriche eine beeindruckende Leistung. Zumal in einer Spielzeit, in der es nicht nur galt, sich an einen neuen Trainer zu gewöhnen und nach drei Jahren Pep-Drill ein neues Spielsystem zu erarbeiten, sondern in der sich auch die Gegner längst nicht mehr so angstvoll in der eigenen Hälfte verschanzten wie in den Jahren zuvor. Das wird gerne vergessen, angesichts des teils bizarren Scherbengerichts der letzten Woche.

Da wurde anhand eines nach großem Kampf verlorenen Viertelfinales in Madrid und einer reichlich unglücklichen Niederlage gegen Dortmund so ziemlich alles für obsolet und stümperhaft erklärt, was in den letzten zwölf Monaten in München passiert ist. Die Mannschaft? Nicht fit genug! Die zweite Reihe? Sträflich von Ancelotti vernachlässigt! Die Taktik? Viel zu ausrechenbar! Beißende Kritik las man überall, gern von genau denjenigen, die ein paar Wochen zuvor Genialität gerühmt hatten, das Team nicht wie Guardiola im Spätherbst, sondern pünktlich zu den großen Endspielen im Frühjahr fit zu machen.

Sicher, Ancelottis erstes Jahr bei den FC Bayern war nicht ohne Fehler. Dass er etwa Spieler wie Joshua Kimmich oder Renato Sanchez nicht eingebunden bekam, rächte sich angesichts der Verletzungen in der Schlussphase. Und allzu oft war die Mannschaft mit den Freiheiten, die Ancelottis System ihnen lässt, überfordert. Aber die Spiele des FC Bayern in den letzten Wochen sind vor allem ein Beleg dafür, dass Fußball ein Spiel ist, in dem es durchaus passieren kann, dass auch mal der andere gewinnt. Das ist angesichts der erdrückenden Überlegenheit der Münchner in den letzten Jahren etwas in Vergessenheit geraten.

Mia san "beschissen worden"

Es täte auch den Münchner Verantwortlichen gut, das als positive Nachricht zu verbuchen. Nach dem Aus in Madrid gebärdeten sich die Münchner Funktionäre nämlich wie richtig schlechte Verlierer. Das ebenso ulkige wie missratene Rummenigge-Diktum auf dem Klubbankett, man sei "beschissen worden, im wahrsten Sinne des Wortes“ war dabei noch der humorigste Moment einer ansonsten desolaten Performance.

Dass auch mal andere gewinnen können, war eine tröstliche Erfahrung. Nicht, weil ein Finale zwischen Dortmund und Frankfurt die Massen mehr elektrisiert als ein Endspiel der Bayern. Oder wir uns die Fingernägel abkauen, weil wir mal gespannt sind, ob der AS Monaco womöglich die Champions League gewinnt. Aber es erinnert uns daran, dass bisweilen, hin und wieder, selten aber doch, der Fußball auch Überraschungen bereit hält. Es wäre zu schön, wenn das endlich auch mal wieder für die Bundesliga gelten würde. Durch einen fairen Wettbewerb der Klubs um Pokale und Gelder, durch eine Liga, in der nicht Welten zwischen zwei, drei Spitzenklubs und dem Rest liegen, durch die Erkenntnis, dass mehr Chancengleichheit allen Klubs nutzt, weil es den Sport stärkt.

Darauf zu hoffen, wäre naiv. Die Zeiten sind nicht danach. Aber das ist eher ein strukturelles Problem und soll die Freude der Münchner Spieler und Anhänger über den Titel nicht mindern. Sie haben nun die Gelegenheit, zu widerlegen und zu zeigen, dass man eben doch feiern kann, in diesem Scheißverein.

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