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Philipp Köster: Kabinenpredigt: Dürfen Schalker Fans ihre Mannschaft auspfeifen? Immer doch!

Die Anhänger dürfen ihren Unmut kund tun, wenn die Mannschaft das vermissen lässt, was im Fußball entscheiden ist: Leidenschaft! Meint jedenfalls Philipp Köster.

FC Schalke 04 Fans

Die Spieler des FC Schalke 04 lassen die Pfiffe der Fans nach der Niederlage gegen Frankfurt über sich ergehen

Das hatten sie sich beim FC Schalke wirklich anders vorgestellt. Der Plan war, schwungvoll mit einem Sieg gegen Frankfurt in die Rückrunde zu starten und dann mal wieder kräftig mit beiden Augen in Richtung oberes Tabellendrittel zu schielen. In der Realität hingegen verloren die Königsblauen 0:1 gegen die Eintracht, obendrein erweckte die Mannschaft nie den Eindruck, als habe sie einen ausgeklügelten Plan, nach Alex Meiers Führungstreffer noch ein Tor oder gar mehrere zu erzielen. Der Kick war derart unansehnlich, dass am Ende gar die Schalker Anhänger die Geduld verloren. Tausende verließen schon vor dem Schlusspfiff beinahe fluchtartig die Arena, die anderen pfiffen ohrenbetäubend, als sich die Mannschaft nach dem Spiel vor die Nordkurve begab.

Das jedoch wollte Schalkes Kapitän Benedikt Höwedes nicht so einfach stehen lassen, kritisierte zunächst brav sich selbst ("Natürlich spielen wir einen Scheiß zusammen"), nahm sich dann aber auch die Anhänger zur Brust: "Dass man sich so auspfeifen lassen muss, ist schon schade!" Höwedes konnte sich dabei des allgemeinen Bedauerns sicher sein. Weil ja, so der Konsens, sogenannte echte Fans ihre Mannschaft auch in schweren Stunden unterstützen und anfeuern und sich nicht die Seele aus dem Leib pfeifen.

Leidensfähigkeit muss der Schalker Fan mitbringen

Klarer Fall, es gehört sich für Anhänger in der Kurve tatsächlich nicht, beim ersten Fehlpass, beim ersten Gegentor oder bei der ersten Heimniederlage gleich herumzumeckern. Das sollte das Privileg jener Gelegenheitszuschauer bleiben, die mit fabrikneuem Schal auf ihrem Schalensitz hocken und tatsächlich glauben, sie hätten mit der Eintrittskarte auch das Recht auf attraktiven Fußball erworben. Nein, eine gewisse Leidensfähigkeit muss der Fan mitbringen - gerade auf Schalke.

Wer jedoch den Anhängern das Recht auf Pfiffe abspricht, wird den Fans nicht gerecht. Sie sind genauso Teil des Klubs wie die Spieler und Funktionäre. "Was wäre der Fußball ohne Zuschauer?" hat der englische Fanforscher Rogan Taylor mal gefragt und sich selbst die Antwort gegeben: "Nur ein Kick von zweiundzwanzig Kurzbehosten im Park!" Und damit hat er recht: Stimmungsvolle Kurven gehören zum Fußball wie die Tricks und Torschüsse auf dem Rasen. Doch diese Stimmung gibt es nicht umsonst. Die Fans erwarten eine Gegenleistung. Die besteht nicht in Toren und Siegen und großer Show, sondern in der Identifikation mit dem Klub und damit verbundenen Einsatzbereitschaft auf dem Rasen.

Das gilt insbesondere für das Gelsenkirchener Publikum, wo eine gepflegte Grätsche immer noch erfreuter zur Kenntnis genommen wird als jedes technische Kabinettstückchen. Es ist noch nie eine königsblaue Mannschaft ausgepfiffen worden, die auf dem Rasen glaubwürdig den Eindruck erweckte, bis zum Schlusspfiff alles gegeben zu haben. Am Freitag jedoch stand eine Mannschaft auf dem Platz, die offenbar nicht begriffen hatte, welche Tugenden in diesem Spiel gefragt waren. Es war "ein schönes Kampfspiel", wie Frankfurts Torschütze Alex Meier frohlockte. Nur leider nahmen es die Königsblauen nicht so an, wie es sich gehört. Stattdessen wurden ideenlos lange Bälle nach vorn geknüppelt, ansonsten dominierten unergiebige Zweikämpfe und Fehlpässe das Spiel, die Körperhaltung vieler Schalker Spieler demonstrierte die allgemeine Ratlosigkeit und den fehlenden Kampfesmut.

FC Schalke 04: Die königsblauen Aussichten sind trübe

Die königsblauen Aussichten sind nun ausgesprochen trübe. Neun Punkte Rückstand auf die europäischen Ränge, sieben schwere Spiele auf dem Terminplan, dazu der Kick bei den Bayern am nächsten Samstag. Hinzu kommt, dass die 40 Millionen schwere Transferoffensive von Manager Christian Heidel, der auch im Winter nochmal kräftig eingekauft hat, die Mannschaft weder kreativer noch torgefährlicher gemacht hat.

Auch den Anhängern war all das klar, als am Freitag die Partie abgepfiffen wurde. Und deshalb pfiffen sie. Völlig zu Recht.

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