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Philipp Köster: Kabinenpredigt: Die Tuchel-Demontage: Aki Watzke verrät die Prinzipien von Borussia Dortmund

Herzlich Willkommen, Philipp Köster. Der Chefredakteur von "11 Freunde" schreibt ab sofort über die große, bunte Fußball-Welt. Zum Auftakt fordert er: BVB-Boss Aki Watzke soll aufhören, Thomas Tuchel zu demontieren. Einen besseren Trainer findet er nicht.

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Aki Watzke (r.) kommuniziert neuerdings via Zeitungskiosk mit Mannschaft und Trainer Thomas Tuchel

Dortmunds Geschäftsführer Aki Watzke wird am Samstagabend ziemlich erleichtert gewesen sein. Erleichtert über einen arg mühsamen Sieg seiner Borussia in Bremen und erleichtert über die kurz aufflackernde Diskussion, ob Roman Weidenfeller womöglich neuer Stammkeeper beim BVB wird. Beides sorgte nämlich dafür, dass eine Reihe fataler Interviews, die Watzke in den letzten Wochen gegeben hat, ein wenig in Vergessenheit gerieten. Gespräche, in denen der BVB-Boss nur mühsam verklausuliert seinem Trainer das Misstrauen aussprach. Gespräche, nach denen die "Bild" unwidersprochen spekulieren durfte, dass auch ein Aus für Tuchel nach dieser Saison, trotz Vertrags bis 2018, kein Tabu mehr sei. 

Wie war das mit Vertrauen und Kontinuität?

All diese Interviews müssten Watzke eigentlich von der Klubführung um Präsident Reinhard Rauball links und rechts um die Ohren gehauen werden. Denn sie bedeuten einen eklatanten Verstoß gegen alle Prinzipien, die die Borussia im letzten Jahrzehnt so erfolgreich gemacht haben. Der BVB-Geschäftsführer hat sie selbst immer wieder mit stolzgeschwellter Brust benannt: Vertrauen und Kontinuität. Vertrauen meint, dass Konflikte in Dortmund intern geklärt und Entscheidungen in den Führungsgremien gemeinsam getroffen werden. Kontinuität wiederum bedeutet, dass bei der Borussia langfristig geplant und gedacht wird, abseits der kurzatmigen Hektik des Tagesgeschäfts.

Und was macht nun Watzke? Kommuniziert neuerdings via Zeitungskiosk mit Mannschaft und Trainer. "Ich erwarte von allen Beteiligten, dass wir uns direkt für die Champions League qualifizieren" forderte er im Krawallblatt "Bild", zuvor hatte er bereits im stern nonchalant verkündet, dass man erst abwarten müsse, wie diese Saison für den BVB so verläuft. "Anschließend werden wir das Gefühl entwickeln, ob das für beide Seiten auch über die drei Jahre hinaus Sinn ergibt." Deutlicher kann man als Vorgesetzter seine Zweifel an Strategie und Methoden seines Trainers kaum formulieren, ohne dem Coach sofort die Demission nahezulegen. Denn klar ist: Nur eine vorzeitige Vertragsverlängerung über 2018 hinaus und das damit signalisierte Vertrauen der Geschäftsführung, würde Tuchel mit jener Autorität ausstatten, die er für seine Arbeit benötigt. Die Vorstellung, dass der Coach in die kommende Saison startet, mit dem Wissen, das danach Schluss für ihn ist, spottet Tuchels Ambitionen und karikiert Dortmunds Klubphilosophie.

Sicher, man könnte abwiegeln und einwenden, dass Watzke zur Dampfplauderei neigt. Kaum eine Woche, in der der Sauerländer mal nicht die Fußballwelt erklärt, und dabei auch in Kauf nimmt, dass er sich in Interviews auf humorige Weise selbst widerlegt. So wie neulich in der "Welt am Sonntag", als er zunächst bärenstolz verkündete: "Die einzigen Vereine, die immer oben mit dabei waren, sind die Bayern und wir!" und ein paar Fragen später eine Loblied auf die Durchlässigkeit an der Bundesliga-Spitze zu singen: "Es stimmt so nicht, dass immer die gleichen Verein oben stehen!" Ja, was denn nun?

Tuchel mit Abstand der Beste für den BVB

Aber Watzkes Kritik an Thomas Tuchel hatte eine neue, alarmierende Qualität, weil sie geplant und kalkuliert wirkte. Sie untergräbt die Autorität des Trainers, sie lässt Risse zwischen den Funktionären erkennen. So etwas gab es beim BVB seit vielen Jahren nicht mehr. Dabei wäre Watzke gut beraten, seinem Übungsleiter alsbald das Vertrauen auszusprechen, weil Tuchel mit weitem Abstand der beste Trainer ist, den der BVB als Nachfolger für Jürgen Klopp gewinnen konnte. Die Vizemeisterschaft in der letzten Saison mit fabulösen 78 Punkten war dafür nur ein Beleg, die diesjährigen Auftritte in der Champions League ein anderer. 

Nicht falsch verstehen: Kritik darf und muss Watzke üben. Daran, dass die Abwehr einfach nicht stabiler wird. Daran, dass Heimkehrer Mario Götze bei jedem Einsatz so wirkt, als sehe er seine Mannschaftskameraden gerade zum allerersten Mal. Und daran, dass Teile der Mannschaft offenbar nur in der Champions League so richtig engagiert zu Werke gehen. Aber das muss er intern machen und nicht Vereinspolitik auf den Boulevard verlagern. Sonst hält beim BVB jene Hektik und Kurzsichtigkeit Einzug, die bei vielen Bundesligaklubs langfristige Arbeit nahezu unmöglich macht.  Niemand sollte das besser wissen als Aki Watzke.

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