VG-Wort Pixel

P. Köster: Kabinenpredigt Fans in Frust und Feierlaune – fatale Bilder aus Dresden und Bielefeld

Bielefeld Fans feiern vor dem Stadion die Meisterschaft und den Aufstieg
Bielefeld Fans feiern vor dem Stadion die Meisterschaft und den Aufstieg
© Friso Gentsch / DPA
Fußballfans feierten und trauerten am Wochenende ohne Abstand zu halten. Das darf sich nicht wiederholen, findet stern-Stimme Philipp Köster

Aufstiege und Abstieg gehören zu den intensivsten Erlebnissen im Leben von Fußballfans. Eruptive Freude, brunnentiefe Trauer, Jubel und Tränen – all das bricht aus Anhängern heraus, wenn die Saison zu Ende geht. Und so konnte nicht verwundern, dass am Wochenende viele Fans der Aufsteiger aus Bielefeld und Stuttgart und der Absteiger aus Dresden einen Weg suchten, um ihren Gefühlen Ausdruck zu geben.

Die Szenen, die sich dann aber vor den Stadien und in den Städten abspielten, verstörten dann aber. Als sei Corona nur ein finsterer Spuk gewesen, drängelten sich Fans auf engem Raum, sangen Lieder und jubelten enthusiastisch, wenn sich die Spieler zeigten. In Bielefeld wirkten diese Szenen besonders grotesk, weil in den Nachbarkreisen Gütersloh und Warendorf gerade Corona wütet wie nirgendwo sonst in Europa. Auch von dort waren Anhänger nach Bielefeld gekommen, das Virus ist eben oft nur eine Fahrt auf der Bundesstraße entfernt. 

Alle Mahnungen wurden Makulatur  

Nun will man nicht als Spaßverderber dastehen. So lange haben sich die Anhänger in Abstinenz geübt, so lange waren sie vernünftig. Sie haben sich nicht wie befürchtet während der Spiele vor den Stadiontoren versammelt, sondern stattdessen daheim vor dem Fernseher gehockt und dort mitgefiebert. Sie waren disziplinierter als mancher Spieler, mancher Funktionär. Die Fans waren großartig in diesen Wochen und Monaten. Aber sie haben eben auch gelitten. Es war auch der Liebesentzug, der sich an diesem Wochenende Bahn brach. Wer will es den Fans also verdenken, wenigstens einmal kurz die Sau rauszulassen, einmal den großen Gefühlen Raum zu geben. Jeder, der sah, wie ein glücklicher Coach Uwe Neuhaus den Bielefelder Fans die Schale präsentierte, oder wie die Dresdner Anhänger den abgestiegenen Dynamo-Spielern einen Blankoscheck an Treue und Unterstützung ausstellten – der muss begriffen haben, wie sehr Spieler und Fans sich einander vermisst haben.

Und trotzdem waren es fatale Bilder aus den Stadien und Städten. Weil sie all das konterkarierten, was die Klubs zuvor über die sozialen Medien verlauten ließen. All die Mahnungen, sich bitte nicht auf engem Raum zu drängen, nicht zum Stadion zu kommen, sich und andere nicht zu gefährden – sie waren um kurz nach fünf Uhr am Sonntag Makulatur. Auf Twitter, Facebook und anderswo dokumentierten die Klubs die Feierlichkeiten so routiniert enthusiastisch, als sei der vorherige Ausschluss der Fans nur eine Art Schikane der DFL gewesen, die es nun clever zu umgehen gelte. In solchen Momenten zweifelt man wirklich und nachhaltig an den Social-Media-Abteilungen der Klubs. 

Werder im Rausch, Düsseldorfer Tränen – Twitter-Reaktion zum Bundesliga-Finale

Solche Feiern müssen absolute Ausnahme sein

Denn Covid-19 ist nun mal leider kein gestrenger Herbergsvater, der an diesem einen Abend dann doch mal ein Auge zudrückt. Dem Virus ist es ziemlich egal, ob es sich unter singenden Gottesdienstbesuchern oder feiernden Fußballfans verbreitet. Man muss kein Apokalyptiker sein, um in solchen Festivitäten einen guten Nährboden für die Weiterverbreitung zu erkennen. Und selbst wenn die Feierlichkeiten ohne Folge bleiben, dürften die Bilder noch lange nachwirken. Denn klar ist ja, dass sich die Pandemie mit all ihren gravierenden Folgen für unser Zusammenleben nur dann eindämmen lassen wird, wenn alle ein Mindestmaß an Vernunft walten lassen, alle sich an ein paar grundsätzliche Regeln halten. Jeder, der sie achselzuckend ignoriert, trägt dazu bei, dass am Ende sie niemand mehr ernst nimmt. Ein Effekt, der schon am Wochenende klar wurde: Denn besonders düpiert fühlten sich gerade all jene Fans, die die Mahnungen der Klubs ernst nahmen und schweren Herzens zuhause blieben.

Die Klubs werden rasch klar machen müssen, dass diese Feiern eine absolute Ausnahme bleiben müssen. Denn auch in der neuen Saison wird die Bundesliga wohl ohne Zuschauer sein. Es ist zu hoffen, dass diese Mahnungen dann noch ernst genommen werden.

rw

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker