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P. Köster: Kabinenpredigt Gefeiert, gefeuert, gekauft: Was für ein Bundesliga-Jahr!

Bundesliga Rückblick
Philipp Köster lässt das Bundesliga-Jahr Revue passieren
Münchner Wellensittiche, Gladbacher Frisuren und eine Shopping Queen aus Berlin. Ein Rückblick auf das turbulente Bundesliga-Jahr 2019.

Wenn Niko Kovac in diesen Tagen gemütlich im Fernsehsessel sitzt, ein paar Erdnüsschen futtert und sich durch die Jahresrückblicke zappt, wird er sich auch selbst sehen. Wie er im Mai freudestrahlend die Meisterschale hochreckt und den DFB-Pokal in den Händen hält. Und dann wird sich Kovac ratlos fragen, warum er als amtierender Double-Sieger eigentlich am Ende des Jahres kein Bayern-Trainer mehr ist.

Der Rauswurf des Coachs im November war eine der skurrilsten Entscheidungen des Fußballjahres. Ein paar Niederlagen in der Hinserie hatten die Klubspitze derart nervös gemacht, dass sie nur eine Gelegenheit zu suchen schienen, um den Coach endlich zu expedieren. Und es passte ins Bild, dass die Münchner Granden erst nach der Entlassung feststellten, dass von den vorher ausgeguckten Nachfolgern exakt keiner sofort verfügbar war, insbesondere nicht der hochgehandelte Amsterdamer Erfolgstrainer Erik ten Hag. Also musste Assistenztrainer Flick ran, dessen Rufname tatsächlich alle Wellensittiche im Raum hochschrecken lässt, der aber gleich in den ersten Tagen ein kleines Wunder vollbrachte, nämlich dem zuvor stinkstiefelig auf der Bank hockenden Thomas Müller den Anflug eines Lächelns zu entlocken. Schon allein das rechtfertigte, dass Hansi Flick bis zum Saisonende weitermachen darf. 

Ruhm ist vergänglich

Die Glasvitrine für die Meisterschale sollten allerdings andere putzen. Die Leipziger beispielsweise, die erstmals Herbstmeister wurden, der vorläufige Höhepunkt einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Wir erinnern uns ja alle noch, wie alles im Jahre 2009 am Leipziger Cottaweg anfing, mit nichts als einem alten Lederball, einem Eimer Kreide und ein paar Getränkedosen. Noch ein bisschen bemerkenswerter war lediglich die Borussia aus Mönchengladbach. Dort hatte Manager Max Eberl Coach Dieter Hecking durch Marco Rose ersetzt, was nicht nur Gladbachs Coiffeure erleichtert aufatmen ließ. Rose brachte nicht nur frisurentechnisch neuen Schwung an den Niederrhein, sondern auch Dynamik ins etwas lethargische Team, just in der Jubiläumssaison. Vor 50 Jahren wurde die Borussia nämlich zum allerersten Mal deutscher Meister. Und wer weiß, vielleicht werden in 50 Jahren junge Leute genauso ehrfürchtig das Trikot von Stürmer Marcus Thuram im Gladbacher Klubmuseum  betrachten, wie heute die Leibchen der Weisweiler-Elf von 1970.

Ruhm ist allerdings vergänglich. Das merkt gerade die Frankfurter Eintracht, die zwei Jahre lang jeden Gegner zu Klump schoss und deren Anhänger sich alle zwei Minuten gegenseitig in den Arm kniffen, um sich zu vergewissern, dass sie nicht in einem Fiebertraum von Charly Körbel gefangen sind, sondern dass das alles Realität ist, der Pokalsieg und die rauschhaften europäischen Nächte. Tempi passati, nun muss die Eintracht plötzlich aufpassen, dass sie nicht in Abstiegsgefahr gerät, weil sie einerseits alle treffsicheren Vierkantstürmer verhökert hat, und weil andererseits alle anderen im Tabellenkeller plötzlich anfangen, zu gewinnen. Der 1. FC Köln, der erst einmal seine komplette sportliche Führung rausekelte, bevor ihm auffiel, dass die Bundesliga-Saison schon losgegangen ist. Und natürlich die Hertha aus Berlin, die mit einem neuen Investor auf der Tribüne und Jürgen Klinsmann als dynamischem Reformcoach wieder Punkte holt und in der Winterpause offenbar so viele neue Spieler verpflichten will, dass dabei eine eigene Staffel "Shopping Queen" rausspringen wird

Freude macht auch ein Bundesliga-Aufsteiger

Wie man spektakulär einkauft, können sich die Herthaner bei Borussia Dortmund abschauen. Der BVB hatte schon vor der Saison das Sparbuch ausgeräumt und die Konkurrenz geplündert, in der Hoffnung, endlich wieder den großen Bayern-Konkurrenten geben zu können. Weil das eher suboptimal lief und sich der BVB mühsam durch die Hinserie würgte, wurde nun nochmal nachgelegt und der bullige Jungstürmer Erling Haaland aus Salzburg verpflichtet. Der schaut auf Fotos schon mal entschlossener drein als Coach Lucien Favre. 

Freude macht uns derweil ein Überraschungsaufsteiger aus dem Osten. Begeisterungsfähiger Trainer, tolle Anhänger, eine verschworene Mannschaft — Sie haben gleich gemerkt, ich rede vom SC Paderborn aus Ostwestfalen. Der holt zwar wenig Punkte, spielt aber unverdrossen ansehnlichen und offensiven Fußball. Beides trennt ihn vom anderen Aufsteiger, dem 1.FC Union aus Berlin, der ebenfalls als sicherer Absteiger gehandelt wurde, aber mit einer perfekten Mischung aus angerührtem Abwehrbeton und präzisen Standards einen Gegner nach dem anderen zur Verzweiflung brachte.

Wie alles endet? Wenn alles mit rechten Dingen zugeht und Thomas Müller weiter gute Laune hat, werden die Bayern trotzdem Meister und Pokalsieger. Falls Hansi Flick jedoch die Kontrolle über die Truppe verliert, wird schon bald ein neuer Bayern-Trainer gesucht. Niko Kovac hätte sicher Interesse.

rös

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