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Presseschau zum Hoeneß-Urteil: "Über den Bürger geurteilt, den Heuchler gerichtet"

Das Urteil gegen Uli Hoeneß findet einen gewaltigen Widerhall in der deutschen und internationalen Presse. Hier die wichtigsten Aussagen und Kommentare.

Thüringische Landeszeitung

Vor dem Prozess hatten viele noch daran gezweifelt, dass Hoeneß hinter Gitter muss. Doch die vom Landgericht München verhängte Strafe ist richtig. Wer mit so vielen Millionen zockt, die fälligen Steuern hinterzieht und sich dann noch als Samariter hinstellt, hat kein Mitleid verdient.

Süddeutsche Zeitung

Persönlich kann einem Hoeneß leidtun. Sein Kalkül, die schwere Straftat mit Worten zu bedauern, seine Steuerschuld zu begleichen und nach der Verurteilung auf Bewährung weiterzumachen wie bisher, war irrig. Er wird jetzt die beiden Ämter verlieren, die er in jedem Falle behalten wollte. Und irgendeiner aus dem Verein der Claqueure (zum Beispiel im Aufsichtsrat), die bislang zu feige dazu waren, dem Steuerhinterzieher zu sagen, dass er nicht mehr tragbar ist, wird ihm das beibringen müssen - falls es Hoeneß nach seiner Verurteilung noch immer nicht selbst einsieht.

Frankfurter Rundschau

Das Landgericht hat über den Bürger Ulrich Hoeneß geurteilt, aber zugleich den Heuchler gerichtet, der er mit kaltschnäuziger Entschlossenheit gewesen ist. ... Nicht nur seine Karriere als weltweit erfolgreichster Fußballmanager ist am gestrigen Donnerstag zu Ende gegangen, vorbei ist es auch mit seiner Rolle als öffentlicher Mahner, als vermeintliches Leit- und Vorbild.

Nürnberger Nachrichten

Der Absturz ist brutal, gewiss. Doch Hoeneß war nicht naiv oder unwissend oder nur dumm. Er wusste, was er tat. Er hatte in der Schweiz sein schwarzes Konto und in München sein weißes. Er hat seine Geschäfte parallel abgewickelt, hier alles sauber über die Bühne gebracht und dort hinterzogen. Wer das tut, verspottet den Staat und jene, die ehrlich ihre Steuern zahlen. Hoeneß hat, auch dies sei erwähnt, alle Amnestieangebote des Staates ausgeschlagen und selbst dann nicht reagiert, als dieser Staat die ersten Steuer-CDs gekauft hat. Er handelte erst, als er glaubte, er sei entdeckt.

NRZ

Auch alle Versuche, den im Umgang mit Konkurrenten gnadenlosen Machtmenschen als Opfer einer krankhaften Sucht zu stilisieren, mussten ins Leere gehen. Steckt doch hinter seiner irrwitzigen Börsen-Zockerei, in deren Zusammenhang er mit kaum zu überbietendem Zynismus von "Spielgeld" sprach, die pure Gier. Was nichts daran ändert, dass es tragische Züge hat, wie hier jemand das Leben, das er bisher geführt hat, durch asoziales Verhalten zerstörte.

Westfälische Nachrichten

Als der impulsive Hoeneß über Nacht die Selbstanzeige zusammenstellen ließ, stand er offensichtlich schon mit dem Rücken zur Wand. Hilflos, schlecht beraten - jemand, der ganz entgegen seiner Rolle die Übersicht verloren hatte. Ein unbeschwertes Leben im Scheinwerferlicht der Liga wird es für Uli Hoeneß nach diesem Platzverweis nicht mehr geben. Der hohe Sockel, auf dem er dank vieler Verdienste zu Hause war, hat im Prozess, bei dem die Steuerschuld jeden Tag höher beziffert wurde, dicke Risse bekommen.

Waz

Der Fall Hoeneß lässt sich also verallgemeinern: Betrüger werden bestraft, auch wenn sie prominent sind und ansonsten nützliche oder geschätzte Mitglieder ihres Gemeinwesens. Die Höhe einer Strafe lässt sich nicht verrechnen mit sozialem Engagement. Und eingefahrene Verluste rechtfertigen nicht unversteuerte Gewinne. Auf die Befindlichkeit des Publikums, Fans wie Nicht-Fans, kommt es vor Gericht nicht an.

Berliner Morgenpost

Ausgerechnet im Freistaat, wo nahezu jede Strippe beim FC Bayern endet, ist nicht in straußscher Amigo-Tradition gerichtet worden, sondern wohltuend schnell, gerade, klar. Vier Tage, kein Gedöns, fertig. Der Nächste bitte.

Allgemeine Zeitung Mainz

Aus ist es nicht für Uli Hoeneß nach diesem Urteil. Es hätte für ihn schlimmer kommen können. Der Richterspruch ist ordentlich gewichtet. Hoeneß hat eine Straftat begangen, kein Kavaliersdelikt. Offenbar war er wie im Rausch, was nicht strafmildernd wirkt, vielmehr für ihn Anlass sein muss, tief in sich hineinzuhorchen und sich mit Leuten zu beraten, die von Psyche viel verstehen.

Neue Westfälische

Vielleicht hätte man noch daran denken können, den einstmals moralisierenden "Bayern"-Chef einer psychia-trischen Untersuchung zuzuführen. Denn der Zockerirrsinn, dem sich Hoeneß jahrelang hingegeben hat, legt eine ausgeprägte klassische Spielsucht nahe. Aber wäre Hoeneß mit einem Verfahren à la Gustl Mollath mehr gedient gewesen? Wohl kaum.

Stuttgarter Zeitung

An einem Tag versenkte er Beträge, die reichen würden, das jährliche Überleben aller Einwohner eines afrikanischen Landes zu garantieren. Zur innerlichen Stabilisierung trat Uli Hoeneß in Deutschland im Gegenzug gerne als sozialer Weihnachtsmann auf. Das war - alles in allem - Frevelei. Oder zumindest "ein Fehler", wie Hoeneß nach der Aufdeckung seines Doppel- bis Triple-Lebens, das er längst nicht mehr im Griff hatte, einräumte.

Lausitzer Rundschau

Sollte Hoeneß seine Strafe trotzdem absitzen müssen, hat er es aber verdient, danach wieder von der Gesellschaft mit offenen Armen empfangen zu werden. Nicht nur vom FC Bayern, nicht nur von Fußball-Deutschland. Der Mann ist kein Unhold. Er hat eine enorme Lebensleistung erbracht, von der viele andere Menschen in Not profitiert haben. Das gehört zu einem vollständigen Blick auf den Sachverhalt, der in München beurteilt worden ist. Genauso wie der Aspekt, dass Hoeneß überzeugend Reue gezeigt hat. Jeder verdient eine zweite Chance.

Börsen-Zeitung

Hinterfragen müssen sich auch jene, die den Medienhype kritisieren bzw. sich - wie der Chef des Bayern-München-Sponsors HypoVereinsbank, Theodor Weimer - künstlich darüber erregen, mit welcher "Sensationslust" diese Causa "bespielt" werde. Wer wenn nicht die Fußballbranche und ihr Umfeld lebt denn von dem geradezu bis zum Exzess gesteigerten Rummel und der Sensationslust und fördert beides zum eigenen Nutzen? Und dann wundert man sich, wenn das Publikum auch nach Sensationen wie einem beispiellosen Kriminalfall eines der Hauptakteure giert? Auch das hat etwas von Realitätsverlust.

Westfalen-Blatt

Über Jahre hinweg galt Hoeneß als Wohltäter und moralische Instanz. Wahr ist: Uli Hoeneß hat betrogen. Und er hat gelogen. In einer Talkshow behauptete er vor einem Millionenpublikum, stets korrekt seine Steuern gezahlt zu haben. Nun wissen wir: Das Gegenteil ist der Fall.

Schwäbische Zeitung

Glaubwürdigkeit ist ein hohes Gut. Weit über den Fußball hinaus haben die Aufsichtsräte eine Verantwortung, der sie jetzt gerecht werden müssen, sonst versteht der gesetzestreue Steuerzahler die Welt nicht mehr. Der Bayern-Aufsichtsrat muss seinem Chef Hoeneß das Vertrauen entziehen.

Stuttgarter Nachrichten

Der Prozess bleibt unbefriedigend, man hätte sich eine genauere Aufklärung des Sachverhalts gewünscht. Mit dem hastigen Verfahren macht sich das Gericht angreifbar, und so kann es durchaus sein, dass der Bundesgerichtshof das Urteil kippt.

Internationale Stimmen

Auch international macht das Schicksal von Uli Hoeneß Schlagzeilen, wie ein Blick in die europäischen Zeitungen zeigt.

Guardian (England)

Der deutsche Meister und Champions-League-Sieger hat trotz der vorhersehbaren Verurteilung keinen Notfallplan aufgestellt, wie der Präsident zu ersetzen ist und steht ohne ihn vor einer heiklen Ära.

Mirror (England)

Der Mann, der aus dem deutschen Giganten einen der größten Clubs der Welt gemacht hat, ist auf dramatische Weise in Ungnade gefallen.

De Volkskrant (Niederlande)

Bayern-Boss leitete eigenen Untergang ein

El Mundo (Spanien)

Hoeneß, der gejagte Jäger. ... Deutschland kennt kein Pardon mit dem Steuerbetrüger. Hoeneß galt als ein Sinnbild des deutschen Erfolgs.

El Pais (Spanien)

Hoeneß hatte nicht nur einen unstillbaren Durst nach Siegen. Er war auch habgierig. ... Uli Hoeneß war in Deutschland jahrelang eine moralische Instanz. Er wurde der seltenen Spezies von ehrenhaften Managern zugerechnet. Er war großzügig gegenüber den Mittellosen und scheute nicht davor zurück, soziale Ungerechtigkeiten in seinem Land zu verurteilen. Dieser Mann wurde nun wegen Steuerbetrugs zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt

Marca (Spanien)

Uli, Du hast ein Problem! Es ist kaum zu glauben: Einer der angesehensten Männer im deutschen Fußball wird wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Corriere della Sera (Italien)

Es ist nicht leicht, in Deutschland bei den Steuern zu betrügen, man muss aber sagen, dass Hoeneß in der Sache sein Bestes gegeben hat. Uli war ein Modell, jetzt wird er als Negativbeispiel bloßgestellt. Jedenfalls schien der, der in München aus dem Gerichtssaal trat, ein zerstörter Mann zu sein. Wobei die Unverbesserlichen ihm noch applaudierten.

La Republica (Italien)

Von den Triumphen zur Verurteilung. Hier in Deutschland sind vor dem Gesetz wirklich alle gleich. Da reicht es nicht mehr aus, der Präsident der stärksten und beliebtesten Elf zu sein, eine Vergangenheit als Super-Fußballer mit Torerfolgen und Titeln zu haben oder sich freundschaftlicher Beziehungen zur Kanzlerin zu rühmen. Die sportlichen Erfolge und Erinnerungen retteten ihn nicht

Libération (Frankreich)

Im Land von Hartz IV spielte Uli Hoeneß an der Börse, wie man Monopoly spielt. (...) Steuerflucht scheint der Lieblingssport von deutschen Millionären geworden zu sein. Aber was lange Zeit als Bagatelle angesehen wurde, geht in der Meinung der Öffentlichkeit nicht mehr durch.

Der Standard (Österreich)

Das für viele Undenkbare ist passiert: Uli Hoeneß ist auf dem Weg ins Gefängnis. Es ist ein Absturz, wie man ihn in Deutschland in dieser Form noch nicht gesehen hat. (...) Dass dieser Fall auf so großes Interesse stößt, lag nicht in der Verantwortung des Gerichts. Hoeneß hat jahrelang den besserwisserischen Moralapostel gegeben, hat ausgeteilt und dabei immer vermittelt, seine Sichtweise sei das Maß aller Dinge. Dass gerade dann ein Fehlverhalten Beachtung findet, ist quasi Naturgesetz.

Kronen Zeitung (Österreich)

Der Zwiespalt, hier lupenreiner Präsident, dort kriminell gewordener Aktienspekulant, hat viel mit der zerrissenen Seele des Menschen Uli zu tun. Das Urteil eines Richters kann sich aber immer nur auf die gesamte Persönlichkeit des Beschuldigten beziehen: Daher ist es in diesem Fall gerecht.

Neue Zürcher Zeitung (Schweiz)

Die Strafsache Hoeneß wird als Cause célèbre eingehen in die wahrhaft umfangreichen Annalen prominenter deutscher Steuerfälle, in denen zuletzt Namen wie Alice Schwarzer verzeichnet wurden.

kng

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