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Sammer wird neuer Bayern-Sportvorstand: Sehnsucht nach der Siegermentalität

Der FC Bayern trennt sich von Nerlinger und holt Sammer vom DFB. Vom neuen Sportvorstand erhoffen sich die Münchner Inspirationen von außen - und die Wiederherstellung ihres eigenen Selbstbildes.

Von Maik Rosner, München

Auf Dauer, hat Uli Hoeneß nach dem verlorenen Finale in der Champions League gegen den FC Chelsea gesagt, habe er keine Lust auf zweite Plätze. Da waren schon einige zweite Plätze zusammengekommen, und die Republik lästerte ein bisschen über die "Vize-Bayern". Auch in der Meisterschaft und im DFB-Pokal mussten sich die Münchner ja hinten anstellen, hinter Borussia Dortmund. Und wenn die Bayern und vor allem Hoeneß eines nicht mögen, dann ist es wohl das, worin sie seit zwei Spielzeiten ungewohnt viel Übung erlangt haben: anderen die Titel zu überlassen.

Seit Montag weiß man nun, dass zumindest die Reflexe des Vereins noch sehr gut funktionieren. Der bisherige DFB-Sportdirektor Matthias Sammer (44) löst den bisherigen Bayern-Sportdirektor Christian Nerlinger (39) ab. Das war die Fußballnachricht des Montags, des Tags nach dem EM-Finale. Nerlingers Vertrag, im November noch um zwei Jahre bis 2014 verlängert, wird aufgelöst. Gleiches gilt für Sammers DFB-Papier, das noch bis 2016 gelaufen wäre.

Sündenbock Nerlinger

Nerlinger steht nun ein bisschen als Sündenbock da für eine Zeit, in der Jürgen Klopps Dortmunder zum sportlichen Branchenführer aufgestiegen sind. Und für eine Zeit, in der der BVB-Trainer Nerlingers nicht besonders gut platzierte Attacken im Titelendspurt unterhaltsam konterte. "Wenn Christian Nerlinger demnächst an der Fachhochschule ein Seminar anbietet, ‚wie komme ich sympathisch und authentisch rüber?', dann würde ich mich auch einmal in den Hörsaal setzen", spöttelte Klopp. "Hochsympathisch", hatte Nerlinger zuvor nach den Tumulten im Pokal gegen Fürth gesagt, seien die Dortmunder. Er hatte nicht nur in München einen schweren Stand.

Nun soll dort eine neue Mentalität Einzug halten, die die Bayern bisher eigentlich immer als ihre Kernkompetenz begriffen haben. Der ehrgeizige Sammer, der sich in der Branche auch als "Motzki" einen Spitznamen gemacht hat, soll diese nun wieder vermitteln. Denn zuletzt erkannte Hoeneß genau das Gegenteil von bedingungslosem Erfolgsdenken, von der Siegermentalität, die sie früher in München immer als Bayern-Gen verklärt haben. Der Präsident hatte nach dem verlorenen Finale in der Champions League Typen wie Jens Jeremies und Stefan Effenberg vermisst.

Sammer teilt diese Linie - und nicht jene der flachen Hierarchie von Bundestrainer Joachim Löw. "Es muss auch Anführer geben", hat Sammer einmal gesagt, eine Mannschaft sei "ohne Struktur und Hierarchie" nichts wert. Sammer wird in seinem neuen Job als "Sport-Vorstand" des FC Bayern - oder wie das offiziell und etwas sperrig heißt: als "Vorstand für Lizenzspielerangelegenheiten" - bereits am Dienstagnachmittag vorgestellt, direkt nach dem Trainingsauftakt der Mannschaft. Der Präsident und Aufsichtsratsvorsitzende Hoeneß wird sich dabei gemeinsam mit Sammer den Medien stellen, nicht der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge. Auch darin lässt sich eine kleine Botschaft erkennen.

Neue Streitkultur hält Einzug

Es ist aber auch die Sehnsucht nach Inspiration, die zu der Münchner Entscheidung geführt hat. Denn beim wirtschaftlichen Branchenführer ist die Sorge nach zwei Spielzeiten ohne Titel groß, dass der rasch wachsende Konkurrent aus Dortmund den Bayern künftig noch mehr den Rang abläuft.

Zugleich geht der FC Bayern mit dem Modell Sammer ein Risiko ein. Mit Hoeneß versteht sich der Europameister von 1996 zwar gut. Doch Sammer ist dafür bekannt, eigene Positionen mit Vehemenz zu vertreten.

Kompetenzgerangel hatte es auch beim DFB gegeben. Dort setzte sich Löw durch, als es um die Zuständigkeit für die U21 ging. Der neue DFB-Präsident Wolfgang Niersbach beklagt nun: "Wir lassen Matthias Sammer nur sehr schweren Herzens gehen." Denn der ehemalige Dortmunder Profi sei ein "Querdenker, ein unbequemer Geist im positiven Sinne, den wir sehr vermissen werden".

Neue Ideen von außen und ein ganzheitliches Konzept von der Jugend bis zu den Profis erhoffen sich die Bayern nun von ihrem neuen starken Mann, der auch in der Außendarstellung das eigene Selbstbild des Branchenführers wiederherstellen soll. Doch mit Sammer dürfte auch eine Streitkultur Einzug halten, von der man noch nicht weiß, wie sie sich im Tagesgeschäft mit dem Machtanspruch der Vereinsführung verträgt. Mit den Trainern Jürgen Klinsmann und Louis van Gaal, mit denen man sich ebenfalls an neuen Wegen versucht hatte, ging das schief. Sammer sei in seiner neuen Funktion "zuständig für alle Dinge der Lizenzspieler-Mannschaft außerhalb des Trainingsplatzes und für das gesamte Nachwuchs-Konzept und das Scouting", sagte Hoeneß im vereinseigenen Internet-TV.

Heynckes vor komplizierter Saison

Bei den Bayern trifft Sammer nun auch auf Trainer Jupp Heynckes. Zwar keine neue Situation, denn die Sammers wohnen in Grünwald bei München, und der Papa bringt seinen Sohn Marvin zuweilen zum Jugendtraining an die Säbener Straße. Da tauscht man sich schon mal aus. Doch nun werden sich Sammer und Heynckes unter neuen Voraussetzungen treffen. Der Trainer steht nicht für Aufbruch und Streitkultur, sondern gilt als Bewahrer und verständnisvoller Moderator. Wie sich das mit dem neuen Modell verträgt, ist eine weitere offene Frage.

Heynckes wird ahnen, dass die Saison noch ein bisschen komplizierter werden könnte, als er es nach den drei jüngst verpassten Zielen und dem ebenfalls nicht erreichten EM-Titel für viele Profis aus seiner Stammelf ohnehin erwartet. Auch über seine Nachfolge im kommenden Sommer nach Vertragsende wird ja bereits spekuliert. Der Name des prominentesten Kandidaten: Josep Guardiola, langjähriger Erfolgstrainer des FC Barcelona. In München wird jetzt auch geraunt, dass eine andere Variante denkbar sei, wenn die Saison nicht wie gewünscht verläuft. Falls nötig, heißt es, könne vorübergehend auch Matthias Sammer übernehmen.

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