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WM 2006 gekauft?: ... dann bleibt Niersbach nur der Rücktritt

Deutschland als einziger sauberer WM-Ausrichter der letzten Jahrzehnte? Daran haben höchstens Romantiker geglaubt. Schlimmer ist die Scheinheiligkeit aller Beteiligten. Ist dem DFB-Boss überhaupt noch zu glauben?

Ein Kommentar von Tim Sohr

Wolfgang Niersbach beim EM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Georgien in Leipzig

Ein Blick wie eine Vorahnung: Wolfgang Niersbach beim EM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Georgien am vergangenen Wochenende in Leipzig

Es erinnert ein bisschen an Christoph Daum, damals, als er seine Haarprobe abgab, um sich vom Verdacht des Kokainkonsums freizusprechen. "Ich habe ein absolut reines Gewissen", sagte der Trainer von Bayer Leverkusen, der zu jenem Zeitpunkt im Jahr 2000 auch als zukünftiger Nationaltrainer im Gespräch war. Das Ende der Geschichte ist bekannt: Daum wurde nachgewiesen, dass er gekokst hatte. Er wurde entlassen.

15 Jahre später hat auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ein "absolut reines Gewissen". Die Deutschen sollen ihre WM 2006 gekauft haben, der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus ihnen eine schwarze Kasse mit über zehn Millionen Schweizer Franken gefüllt haben. Stimmt nicht, sagt Niersbach, man habe nicht mit unlauteren Methoden agiert. Als Vizepräsident des Bewerbungskomitees sei er doch vom ersten Tag bis zur Vergabe dabei gewesen. Er müsse es doch wissen.


Das Verhalten der Beschuldigten wirkt aufreizend

Genau das ist längst das Problem im Fußball, weltweit und offenbar auch in Deutschland: Die Diskrepanz zwischen dem, was die Beteiligten wissen, und dem, was sie (öffentlich) sagen. Seit das ungeheuerliche Ausmaß des Fifa-Skandals aufgedeckt wurde, wirkt das Verhalten der Beschuldigten bisweilen aufreizend - man erinnere sich nur an Sepp Blatters Auftritt nach seiner Wiederwahl als Fifa-Boss. Auch unbeteiligte Funktionäre äußern sich abenteuerlich. Gerade erst sprach Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge den suspendierten Michel Platini von allen Korruptionsvorwürfen frei und bezeichnete ihn als "großartigen Uefa-Präsidenten". 

Großartig? Eher größenwahnsinnig. Und dieser Größenwahn hat das Unrechtsbewusstsein von Blatter, Platini und Konsorten längst vernebelt. Die Granden versuchten, die mafiösen Gepflogenheiten ihrer Parallelwelt einfach auf die Wirklichkeit zu übertragen. Daran sind sie schließlich gescheitert.

Eine Parallelwelt im undurchsichtigen Universum der Fußballverbände zu sein, diesen Eindruck erweckte auch der DFB immer. Die Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt, die Zentrale des DFB, als edler Ort der Rechtschaffenheit. Schmutzige Geschäfte? Nicht mit uns! Präsident Niersbach persönlich verlor keine Zeit, sich im langen Schatten des Fifa-Skandals als Moralapostel zu positionieren: Fassungslos sei er über die Korruptionsvorwürfe gegen den Fußball-Weltverband, und traurig darüber, dass wegen der "fehlenden Moral einiger weniger" alles unter Generalverdacht falle.

Große Worte, an denen Niersbach sich jetzt messen lassen muss. Dass auch dem jovialen Rheinländer im Machtrausch mitunter das richtige Maß abhanden kommt, davon zeugten schon seine seltsamen Äußerungen nach dem 7:1 der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale der WM 2014 über Brasilien.

Die bittere Erkenntnis der Enthüllungen

Auf die Enthüllungen der letzten Monate folgt für alle Fußball-Romantiker vor allem eine bittere Erkenntnis: Die Fifa funktioniert wie eine kriminelle Organisation, als die US-amerikanische Ermittler sie längst einstufen - und innerhalb ihrer Strukturen hat keiner eine weiße Weste. War Deutschland trotzdem der einzige WM-Ausrichter der jüngeren Vergangenheit, der den Zuschlag ohne Bestechung erhalten hat? Wenn nicht, dann bleibt Wolfgang Niersbach nur der Rücktritt. Alles andere wäre mit seinem absolut reinen Gewissen nicht vereinbar.

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