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Stefan Effenberg exklusiv: Das wird brutal für Lahm

Nach seiner öffentlichen Kritik an Verein und Mitspielern sieht stern.de-Kolumnist Stefan Effenberg harte Zeiten auf Bayerns Philipp Lahm zukommen. Dabei gibt Effe dem Verteidiger in manchen Punkten sogar recht.

Als ich das Interview von Philipp Lahm hier in Florida gelesen habe, wusste ich sofort, dass er dafür vom Club eine saftige Strafe aufgebrummt bekommt. In so einer angespannten Situation nach der Niederlage in der Champions League gegen Bordeaux und vor dem wichtigen Spiel in der Bundesliga gegen Schalke…. unpassender geht es nicht. Dabei muss ich Lahm in zwei Punkten sogar recht geben: 1.) Wenn Bayern München einen Mario Gomez verpflichtet, dann sollte das Spielsystem selbstverständlich auf zwei Stürmer ausgerichtet sein. Und 2.) Natürlich war die Einkaufspolitik der Bayern in den letzten Jahren nicht immer erfolgreich. Und sie war auch nicht immer gezielt. Dennoch: Den Weg, den der kleine Verteidiger gewählt hat, nämlich den über die Presse, halte ich für falsch. Lahm weiß genau, dass die Tür von Uli Hoeneß immer offen steht - für ihn als Vizekapitän sowieso.

Jetzt wird es also eine angemessene Strafe für den Nationalspieler geben, angeblich die Höchste, die ein Bayern-Spieler je bekommen hat. Uli Hoeneß versteht da überhaupt keinen Spaß, dafür kenn ich ihn zu gut. Wie gesagt: Auch wenn ich die Kritik in manchen Punkten sogar nachvollziehen kann, intelligenter wäre der direkte Weg in Hoeneß' Büro gewesen. Dass Lahm in dem Interview eigene Mannschaftskameraden kritisiert, nämlich die Kollegen aus dem Mittelfeld, halte ich darüber hinaus für sehr bedenklich. Das geht gar nicht! Damit hat er gegen einen Ehrenkodex verstoßen. Bei uns damals wäre das nie passiert. Wir haben uns gegenseitig beim Weißbier ordentlich die Meinung geblasen, aber nach draußen ist davon nie etwas gedrungen.

Öffentliche Kritik bringt nichts

Lahm verändert nichts mit seiner Kritik. Im Gegenteil: Die Mitspieler werden ihm jetzt eher distanziert gegenübertreten. Sein Ansehen im Team wird dadurch leiden. Der Druck von außen nimmt nach so einem Interview auch eher zu. Das wird brutal für Lahm. Seine Leistung wird nach jedem Spiel geradezu seziert werden. Er kann sich jetzt nichts mehr erlauben. Völlig klar: Wer sich so weit aus dem Fenster lehnt, der muss Leistung zeigen. Und zwar keine durchschnittliche. So wie Lahm sie Woche für Woche abliefert. Das wird nicht mehr reichen. Mal sehen, wie Lahm auf dem Platz reagieren wird.

Noch einmal kurz zu der momentanen Situation meines Ex-Clubs: Der gesamte FC Bayern muss sich jetzt zusammenreißen. Man muss versuchen, die Köpfe frei zu bekommen. Da ist mehr denn je Trainer Louis van Gaal gefordert. Ich bin sehr gespannt, ob der Mann dazu in der Lage ist, das Ruder rumzureißen. Noch ist es zumindest in der Bundesliga ja nicht zu spät. Die Situation ist dort nicht aussichtslos. Zumal die Konkurrenten oben in der Tabelle, mal ausgenommen Bayer Leverkusen, es versäumt haben, sich ein beruhigendes Punktpolster gegenüber den Bayern anzueignen. Apropos Bayer Leverkusen: Das nächste Spiel der Münchener gegen den Tabellenführer wird für die Bayern das wichtigste Spiel der gesamten Saison. Sollten sie gewinnen, wovon ich ausgehe, geht der Weg in der Meisterschaft nur über meinen Ex-Verein. Verlieren sie aber, kann man die Saison wahrscheinlich schon abhaken. In Sachen Champions League habe ich den Haken übrigens schon letzte Woche gemacht.

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