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Stevens-Abschied: Zwischen Schock und Zuversicht

Die Verantwortlichen des Hamburger SV hatten es befürchtet, jetzt ist es Gewissheit: Trainer Huub Stevens verlässt den Bundesligisten zum Saisonende aus familiären Gründen in Richtung Eindhoven. Der Suche nach einem Nachfolger für den Erfolgscoach sieht man bei den Hamburgern trotzdem gelassen entgegen.

Von Kai Behrmann

Huub Stevens war bemüht, Lockerheit zu demonstrieren. "Ist hier irgendwas los", fragte der Trainer des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV, als er heute Nachmittag den vollbesetzten Presseraum der HSH Nordbank Arena unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen betrat. Den Anlass für den großen Medienauflauf hatte der 53-jährige Niederländer allerdings selbst geliefert: Stevens gab bekannt, den HSV am Ende der laufenden Saison zu verlassen.

Die Entscheidung fiel am vergangenen Wochenende im Kreise der Familie. Stundenlang hatte Stevens zu Hause in Eindhoven mit seiner Frau Toos und seinen beiden Kindern Laura und Maikel diskutiert, bis am Sonntagmorgen feststand: Er wird seinen am 30. Juni 2008 auslaufenden Vertrag beim Hamburger Traditionsverein nicht verlängern und ab Sommer kommenden Jahres Trainer der PSV Eindhoven werden.

"Noch etwas zu erledigen"

Schon seit langem hatten es die Spatzen vom Dach der HSV-Spielstätte im Volkspark gepfiffen, jetzt ist es Gewissheit. Zwar betonte Stevens, wie viel Spaß ihm die Arbeit in der Hansestadt bereite. "Aber wenn man von zu Hause aus arbeiten kann, dann ist das Familiäre das Allerwichtigste", begründete er seinen Schritt. Der Erfolgscoach hatte stets erklärt, dass er seine berufliche Zukunft beim HSV vom Gesundheitszustand seiner an einer chronischen Darmkrankheit leidenden Frau, die in Kürze ein weiteres Mal operiert werden muss, abhängig machen würde.

Als Trainer Ronald Koeman dann vor kurzem die PSV Eindhoven in Richtung FC Valencia verließ, war für Stevens plötzlich die Möglichkeit da, in unmittelbarer Nähe zu seinem Wohnort arbeiten und sich gleichzeitig intensiv um seine kranke Frau kümmern zu können. Eigentlich wollte er sich erst in der Winterpause mit den HSV-Verantwortlichen zusammensetzen. Doch nachdem die Aktualität Stevens eingeholt hatte, fällte er eine schnelle Entscheidung. Dabei blieb der als geradlinig geltende Erfolgscoach seinen Prinzipien jedoch treu. Statt sich sofort zu verabschieden, wie es der Wunsch seines zukünftigen Arbeitgebers gewesen war, wird Stevens seinen Kontrakt beim HSV erfüllen. "Wir haben hier noch etwas zu erledigen. Alle wollen die Saison erfolgreich weiterarbeiten", stellte Stevens klar.

"Das ist ein Schock"

HSV-Vorstandschef Bernd Hoffmann bedauerte zwar den letztlich erfolglosen Versuch, Stevens nicht längerfristig an den Verein binden zu können ("Wir hätten gerne bis zu seiner Pensionierung mit ihm weitergearbeitet"). Allerdings zollte er dem Entschluss des 53-Jähirgen Respekt. "Es gibt Wichtigeres als Punkte zu sammeln, und das ist die Familie. Ich habe große Anerkennung für die Entscheidung und hätte sie genauso getroffen." Die Suche nach einem geeigneten Nachfolger wolle man jetzt "zügig, aber ohne Hast" vorantreiben. Hoffmann sieht seinen Verein dabei in einer günstigen Lage. "Als Tabellendritter ist der HSV eine noch schönere Braut, als auf Platz 17." An der wiedererblühten "Attraktivität" des Bundesliga-Dinos hatte der scheidende Coach entscheidenden Anteil. Nach seinem Amtsantritt im Februar dieses Jahres hatte Stevens das einzige noch nie abgestiegene Gründungsmitglied der deutschen Eliteklasse vor dem Gang in die zweite Liga bewahrt und am Ende über den UI-Cup sogar noch in den Uefa-Pokal geführt.

Bedenken, dass seine Spieler sich in den kommenden Monaten hängen lassen könnten, hat Stevens nicht. "Ich möchte mich hier gut verabschieden", kündigte er an. Und auch seine Schützlinge sind gewillt, ihrem Trainer einen würdigen Abschied zu bereiten. Zwar sei er von der Nachricht geschockt gewesen, sagte Romeo Castelen. "Aber alle müssen jetzt noch mehr Gas geben, um in dieser Saison etwas zu gewinnen." Sein Teamkollege Collin Benjamin äußerte ebenfalls Verständnis für Stevens' Entscheidung. "Das ist zwar ein Schock, aber man muss das akzeptieren." Stevens selbst sprach von einer großen Herausforderung, den eingeschlagenen Weg mit seiner Mannschaft in den verbleibenden gut sechs Monaten erfolgreich weiterzugehen.

Dass der Niederländer einer solchen Herausforderung gewachsen ist, hat er bereits zwei Mal in ähnlicher Situation bewiesen. In seinem letzten Spiel als Trainer des FC Schalke 04 holte er 2002 den DFB-Pokal, mit dem 1. FC Köln gelang ihm 2005 der Wiederaufstieg in die erste Fußball-Bundesliga. Auf ein ähnliches "Abschiedsgeschenk" hofft auch Collin Benjamin. "Wir haben noch sechs Monate mit ihm, um am Ende etwas in den Händen zu halten."

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