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Transfer-Poker: Alarmstimmung beim HSV

Es lief alles nach Plan beim Hamburger SV: Auf dem Sprung in den Uefa-Cup, Auftaktsieg in Hannover, glänzende Perspektiven. Doch jetzt droht ein sportlicher Aderlass, der nur schwer zu verkraften wäre - Superstar Rafael van der Vaart will den Verein verlassen.

Von Nico Stankewitz

Noch am Samstag schien beim Hamburger SV Friede, Freude, Eierkuchen vorzuherrschen: Nach einer überzeugenden Leistung gewann die Hanseaten das "kleine Nordderby" in Hannover mit 1:0, angeführt von einem überragenden Kapitän van der Vaart. Doch die Vorboten des Unheils lauerten bereits in Hannover. Sören Lerby, Berater des Holländers, traf sich gleichzeitig mit Vertretern des spanischen Champions-League-Teilnehmers Valencia CF, um die Rahmenbedingungen eines sofortigen Transfers auszuloten.

Seitdem brennt in Hamburg der Baum, denn nach einem über zweistündigen Gesprächen zwischen van der Vaart und Sportchef Dietmar Beiersdorfer und der kategorischen Ablehnung eines Transfers durch den Club-Vorstand machte der Spieler seinem Unmut mit deutlichen Worten Luft: "Ich will unbedingt zum FC Valencia wechseln - jetzt!"

"Der kleine Engel" fand deutliche Worte

Das Rafael van der Vaart, dessen Großeltern in Spanien leben, schon immer mit einem Wechsel in sein "Traumland" geliebäugelt hat, ist kein Geheimnis. Überraschend ist allerdings, mit welcher Konsequenz der einzige Superstar der Hamburger offenbar einen Wechsel anstrebt. In Interviews fand der "kleine Engel" deutliche Worte: "Ich will weg" und "Ich hätte Schmerzen zu bleiben". Der Medienprofi van der Vaart versucht, den Club-Vorstand unter Druck zu setzen. Dazu gehört, dass er bei der Begründung seiner Wechselabsichten auf sentimentale Faktoren setzt: "Es war immer mein Traum", sagt der 24-Jährige. Sein Großeltern "sind schon über 80" und die sollen ihn noch mal spielen sehen. Damit versucht van der Vaart zumindest Teile der Hamburger Öffentlichkeit auf seine Seite zu ziehen. Das ist nicht ungeschickt und kaschiert die Dreistigkeit seiner Wechselabsichten.

Der Hamburger SV, sein Vorsitzender Bernd Hoffmann und Manager Dietmar Beisersdorfer befinden sich in einem bedrohlichen Dilemma. Kein Verein der Bundesliga ist so stark um einen einzigen Spieler aufgebaut wie der HSV. Als Kapitän, Anführer, Torschütze und Star der Mannschaft ist der Holländer unverzichtbar, eine Bilanz der Spiele seit 2005 mit und ohne van der Vaart macht den Wert des Ausnahmespielers deutlich. Außerdem will man in Hamburg unbedingt die Fehler des vergangenen Jahres vermeiden, als man Daniel van Buyten und Khalid Boulahrouz vorschnell ziehen ließ.

Nach außen hin wird zwar Stärke demonstriert, aber die "Unverkäuflichkeit" des Spielers ist natürlich nur ein Vorwand, um eine starke Verhandlungsposition aufzubauen. Aus Hamburger Sicht ist es vollkommen verständlich, dass ein Angebot von 14 Millionen Euro nicht ausreicht, wenn am gleichen Tag van der Vaarts Nationalmannschaftskollege Wesley Sneijder für 27 Millionen von Ajax Amsterdam zu Real Madrid transferiert wird - ein Spieler mit ähnlichem Leistungsniveau wie van der Vaart. Valencia hat selbst durch die Ablöse von 15 Millionen für den serbischen Stürmer Nikola Zigic in der vergangenen Woche die Maßstäbe hochgesetzt.

Mehr Geld für van der Vaart

Erwarten dürfte der HSV also ein deutlich - marktgerecht - verbessertes Angebot von Valencia von vielleicht 20 Millionen Euro. In diesem Fall wird es extrem schwierig sein, den Topstar gegen seinen Willen zu halten. Aus der Sicht van der Vaarts stellt sich die Lage so da: Nach dem Sneijder-Transfer dürfte seine Position bei Real Madrid auf Jahre hinaus besetzt sein, bei Barcelona haben sie die "Fantastischen Vier" (Ronaldinho, Messi, Eto'o, Henry), auch hier gibt es keinen Bedarf. Valencia als der drittgrößte Club in Spanien ist demnach die erste Wahl für van der Vaart, der natürlich befürchten muss, dass möglicherweise im kommenden Jahr auch diese Option nicht mehr existiert. Wenn man so festgelegt auf einen spanischen Spitzenclub ist wie van der Vaart, sind selbst für Superstars dieser Kategorie die Arbeitsplätze nicht im Überfluss vorhanden.

Unverkäuflich oder nicht - mittelgroße Vereine wie der HSV sind mehr denn je in der Hand ihrer Topspieler. Werder Bremen musste in der vergangenen Saison und in der Sommerpause im Fall Miroslav Klose erleben, dass gegen die Wechselabsichten eines Topspielers und - vor allem - gegen den Willen des Spielerberaters kein Kraut gewachsen ist. Wenn wirklich große Vereine an die Tür klopfen, sind Clubs wie Werder Bremen oder der Hamburger SV fast völlig machtlos. Sie bleiben in erster Linie Durchgangsstationen für Spieler von internationalem Format. Im Falle van der Vaarts sind es schließlich nicht nur sentimentale Gründe und das gute Wetter, was die Spitzenspieler nach Valencia lockt. Auch die Aussicht mit Könnern wie Vicente, Joaquin oder David Villa in der Champions League spielen zu können, dürfte kaum das entscheidende Argument für einen Wechsel sein. Branchenkreise vermuten, dass van der Vaart in Valencia mehr als das Doppelte seine jetzigen HSV-Gehalts beziehen könnte.

Die zweitbeste Rückrundenmannschat schien auf einem guten Weg zu sein. Mit wenigen gezielten Neueinkäufen und einer Verschlankung des in der Vorsaison vollkommen durcheinander gewürfelten Kaders sind die Voraussetzungen für eine starke Spielzeit gegeben und mit dem lösbaren Gegner Honved Budapest ist die Qualifikation für den Uefa-Cup nur noch eine Pflichtaufgabe. Zu hoffen bleibt, dass der HSV - im Gegensatz zu Werder - einen Plan B in der Schublade hat, sollte man van der Vaart nicht halten können. Hier könnten Hoffmann/Beiersdorfer/Stevens ihr Meisterstück machen und die Grundlage für ein erfolgreiches Jahr erneuern. Ohne den Holländer aber wären die Rothosen in Not, sportlich würde Mittelmaß drohen.

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