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Überraschungsteam SC Freiburg: Ohne Streich ist alles nichts

Bayern, der BVB und dann? Nix! Von wegen: Der SC Freiburg ist die Mannschaft der Stunde. Nicht nur das Pokalfinale, sogar die Königsklasse ist in Reichweite. Der Star ist der Trainer - wider Willen.

Von Klaus Bellstedt

Manchmal hat man als Fußballfan das Gefühl, dass die Bundesliga-Saison schon durch ist - weil die wichtigsten Entscheidungen schon gefallen sind: Die Bayern sind Turbo-Meister. Der BVB wird sich schon sehr dumm anstellen müssen, um Platz zwei noch zu verzocken. Unten ist Fürth im Grunde abgestiegen. Hoffenheim wird den Franken wohl folgen. Gähn. So ein bisschen Spannung verspricht wenigstens noch der Kampf um die restlichen Plätze für Europa. Aber mal ehrlich: Die, die da um die Plätze drei bis sechs rangeln, hauen einen - was den Entertainmentfaktor betrifft - derzeit auch nicht gerade vom Hocker. Mit einer Ausnahme: Freiburg. Der Sportclub ist die Überraschungsmannschaft der Saison.

Die Mannschaft von Trainer Christian Streich liegt mit nun 45 Punkten nach 29 Spieltagen voll auf Kurs Europa. Sie schnuppert, und das allein ist eine Sensation, im Moment sogar mit nur einem Zähler Rückstand auf die viertplatzierten Schalker am Champions-League-Qualifikationsplatz. Im Pokal-Halbfinale gegen den VfB Stuttgart am Abend (ab 20.30 Uhr im stern.de-Liveticker) kann Freiburg womöglich noch eine Abkürzung nehmen.

Der DFB-Pokalsieger darf im Unterbau der Champions League starten. Weil der FC Bayern, als Meister bereits für die Königsklasse qualifiziert, seine Partie gegen den VfL Wolfsburg gewinnen konnte, reicht auch das Pokalfinale für das internationale Geschäft. Für Freiburg wäre es ein Comeback - nach zwölf Jahren Pause. Und der gerechte Lohn für eine außergewöhnliche Saison, in der der SC seinen Gegnern oft genug vor allem auch spielerisch überlegen war. Auch das ist bemerkenswert.

Ausverkauf der Offensive

"Egal was passiert, es ist jetzt schon eine tolle Saison gewesen", sagt Kapitän Julian Schuster. Zweimal binnen vier Tagen treten Freiburg und Stuttgart nun zum Baden-Württemberg-Duell in der Mercedes-Benz-Arena an. Nach dem Pokal folgt am Sonntag die Bundesliga-Partie. Und in den ersten Vergleich geht der SCF mit einer Menge Selbstvertrauen. "Die letzten Ergebnisse schaden nicht für das Spiel in Stuttgart", betont Schuster.

Drei Siege in Serie, allesamt gegen direkte Konkurrenten, dazu das fünfte Bundesliga-Jahr in Folge perfekt gemacht und damit einen Vereinsrekord aufgestellt: Freiburg kommt genau zum richtigen Zeitpunkt ins Rollen. Und das völlig ungerührt vom drohenden Ausverkauf der Offensivabteilung. Den im Erfolg des SC liegt auch die Krux.

Max Kruse wechselt nach Gladbach, Daniel Caligiuri wohl nach Wolfsburg und der zuletzt angeschlagene Jan Rosenthal kickt bald für Eintracht Frankfurt. Dort ist auch Johannes Flum ein Thema. Die Offensive bricht fast komplett weg, Ersatz ist bislang nur in Form von Gerüchten über Mike Hanke in Sicht. Es ist völlig offen, wie viel Spaß der SC in der kommenden Spielzeit mit den Folgen dieser starken Saison haben wird.

Streich verweigert sich allen Rollenspielen

"So ist es halt. Wir schauen dann nach jungen Spielern, die talentiert sind, und sich für uns entscheiden", sagt Christian Streich. Das ist typisch für den Trainer, der gemeinsam mit Sportdirektor Dirk Dufner Baumeister dieser wunderbaren Mannschaft ist. Streit jammert nie, er nimmt die Situation einfach an.

Der Journalist Hendrik Buchheister hat mal folgendes über den eigenwilligen Fußballlehrer mit dem ausgeprägten alemannischen Dialekt geschrieben: "Er drischt keine Phrasen wie viele seiner Trainerkollegen, er lässt sich nicht groß feiern für seine Erfolge und hält bei Misserfolgen auch keine Blut-Schweiß-und-Tränen-Ansprachen. Christian Streich ist ein leiser Mensch. Er verweigert sich allen Rollenspielen und ist dennoch erfolgreich in der Selbstdarsteller-Branche Fußball." Treffender geht es nicht. Auch und vor allem wegen Streich steht der SC Freiburg so gut da.

"Wir haben so viele Argumente für uns. Es wird so oft von Ausbildungsvereinen geredet, und an diesem Ort, da ist wahrlich ein Ausbildungsverein", sagte Streich nach dem letzten Sieg in der Bundesliga gegen Hannover 96 am vergangenen Wochenende. Er klang dabei keineswegs resignierend, sondern eher kämpferisch. Streich freut sich auf die nächsten Unterrichtseinheiten mit seiner Mannschaft - gut möglich, dass auch welche in Europa mit dabei sind.

mit DPA

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