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US-Fußball: Beckham ist so "charming"

Das Rezept ist altbekannt: Die amerikanische Major Soccer League versucht mit europäischen Spielern Attraktivität und Know-How einzukaufen. Noch nie ist die Wahl so treffend gewesen wie bei Pop-Fußballer David Beckham. Sportlich macht die US-Liga aber keine Fortschritte.

Von Roger Stilz, Los Angeles

Wenn allabendlich auf dem amerikanischen Fernsehkanal E! die "Daily Ten", die zehn Promi-Höhepunkte des Tages, ausgestrahlt werden, dann sind die Kameras in Los Angeles neuerdings nicht auf die Sterne der Film-, Musik- und Modebranche ausgerichtet. Kalifornien hat seit anderthalb Jahren ein neues importiertes Sportidol - David Beckham. Der englische Fußballnationalspieler steht seit seinem Weggang bei Real Madrid im Sommer 2007 bei L.A. Galaxy unter Vertrag und ist dabei nicht nur der beste Spieler der Mannschaft, sondern vor allem auch Trendsetter und Stilikone. Nicht zuletzt trägt seine spindeldürre Ehefrau, das ehemalige "Spice Girl" Victoria, zur Hochglanztauglichkeit bei.

Die Beckhams sind präsent. Zum einen aufgrund der fußballerischen Klasse des Mannes aus Manchester, zum anderen wegen seiner Strahlkraft über das Spielfeld hinaus. Beckham modelt unter anderem für Armani, macht Werbung für Pepsi, Gillette oder Vodafone. Los Angeles ist ein hartes Pflaster für Ankömmlinge, aber der britische Beau prangt auf hausgroßen Adidas-Bannern an Käufhäusern in West-Hollywood. Wer mit so viel Glamour- und Werbepotenzial wie Beckham gesegnet ist, dem liegt jede Kamera zu Füßen. Und davon gibt es in L.A. beileibe genug.

Sportliche Resultate sind zweitrangig

Die sportlichen Resultate sind dabei zweitrangig. Galaxy kommt derzeit auch mit "Becks" über durchschnittliche Resultate nicht hinaus. Aber Beckham hat den bisherigen Fußballimporten wie Johann Neeskens, Franz Beckenbauer, Pele, Alain Sutter oder Lothar Matthäus, die allesamt in die Liga geholt wurden, um das Spiel im Land von Baseball, American Football und Basketball salonfähig zu machen, vieles voraus. Er ist "charming" und über die Jahre zur Marke geworden. Er wurde zum Klischeebild des metrosexuellen Mannes, ist die personifizierte Verbindung von Mode und Sport. Hollywood hat ihn liebgewonnen und Beckham passt dahin, wo die Zuschauer ohnehin daran gewöhnt sind, dass der Event das Spiel bestimmt und nicht das Spiel den Event kreiert.

Neben Galaxy trainiert auch der andere MSL-Vertreter aus Los Angeles, Club Deportivo Chivas USA, im Home Depot Center. Seit Februar steht hier der Schweizer National- und ehemalige Bundesligaspieler Raphael Wicky unter Vertrag. Der 31-Jährige wohnt zwei Steinwürfe vom weltbekannten Surfer-, und Körperkultstrand Venice Beach entfernt. "Es ist ein anderes Leben und ich bin dankbar dafür", sagt Wicky. Dem Mittelfeldspieler wurde bei Chivas eine ähnliche Rolle zugedacht wie sie Beckham bei Galaxy ausfüllt. Wicky bringt Champions League-, Bundesliga-, WM- und EM-Erfahrung mit nach Amerika. Am Weitergeben dieses Erfahrungsschatzes hindern den Routinier Verletzungssorgen. Er litt lange Monate an Wadenproblemen und musste sich vor dreieinhalb Monaten einer erneuten Operation am rechten Sprunggelenk unterziehen. "Es ist schade, dass ich mich derzeit nicht einbringen kann. Ich glaube, dass mich Chivas sehr wohl brauchen könnte", sagt Wicky. Er hat in den vergangenen Monaten wahrgenommen, dass die Verantwortlichen des Vereins genau hinhören, wenn er aus Europa berichtet.

Stimmung im Stadion ist gewöhnungsbefürftig

Beckham spricht aufgrund seiner Herkunft englisch, Wicky lernte es schnell, da er sprachinteressiert ist und schon deutsch, spanisch und französisch beherrschte, bevor er in die Staaten zog. Dies stellt einen Vorteil gegenüber ihren Vorgängern dar, wenn man an das Antrittsinterview von Matthäus in New York denkt .

Als "gewöhnungsbedürftig" beschreibt der Schweizer die Stimmung im Stadion: "Für uns Europäer ist da wenig Action. Die Zuschauer essen Nachos und erfreuen sich an den Leindwandeinspielungen. Es geht um Amusement und Entertainment und nicht unbedingt um das Spiel." Der Fußball und die Liga wachsen, aber langsam. Das Modell ist eigen und ähnelt dem im American Football: "Die Liga läuft nicht unter den Fifa-Regularien. Der Spieler hat keine Rechte. Die Profis können jederzeit entlassen werden. Es gibt sehr wenig garantierte Verträge. Rund 95 Prozent der Spieler können jederzeit gekündigt werden. Das stellt einen gravierenden Unterschied zu allen anderen Ligen der Welt dar."

Leistungsgefälle innerhalb der US-Teams ist groß

Der zentrale Profi neben David Beckham ist bei Galaxy Landon Donovan, der von 2001-2005 bei Bayer 04 Leverkusen unter Vertrag stand und es auf sieben Bundesligaeinsätze brachte. Richtige Zugpferde vermag die nationale Meisterschaft nicht zu hervorzubringen. Deshalb sind im Fanshop zehn Donovan-Trikots und hundert Beckham-Leibchen in allen erdenklichen Größen zu finden. Berechtigtes Missverhältnis.

"Es gibt in jeder Mannschaft vier Spieler, die in einer mittelmäßigen Bundesligamannschaft spielen würden, aber das Gefälle innerhalb der Teams ist groß. Das Spiel ist sehr physisch ausgerichtet. Technisch und taktisch haben die Teams Defizite, die nur mit dem Blick über den Tellerrand verbessert werden können", sagt Wicky. Im athletischen Bereich befinde man sich auch wissenschaftlich auf dem neuesten Stand. "Bei uns im Trakt trainieren Leichtathleten und Basketballer. Der Austausch ist rege", so Wicky.

Neben dem Kraftraum, wo das Team von Athletikcoach Mark Verstegen arbeitet, der den damaligen Bundestrainer Jürgen Klinsmann rund um die Weltmeisterschaft 2006 unterstützt hatte, sind vier Kabinen für "The David Beckham Academy" reserviert. Ein Brite, Mo Boreham, ist Leiter der Fußballschule, die Beckham schon 2004 in London gründete und 2005 auch in Los Angeles eröffnete. "Wir organisieren Camps für Jungs und Mädchen, die so den Tagesablauf eines Profis kennenlernen, im Team arbeiten und viel über die Einstellung zum Sport erfahren können", sagt Boreham. Nicht zuletzt sind die Coaches in den Grundschulen Los Angeles´ präsent, gestalten Turnstunden, halten Vorträge bezüglich gesunder Ernährung. In der Stadt der Engel, wo der Fitnesswahn keine Grenzen kennt und "organic-food" an jeder Ecke angepriesen wird, passt auch dieser Brückenschlag zwischen Sport und Lifestyle.

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