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Vergabe der Fußball-WM: Katar-Stimmung in England und den USA

Die Vergabe der Fußball-WM nach Russland (2018) und Katar (2022) erzeugt Unbehagen. Wegen der Korruptionsvorwürfe im Vorfeld ist unklar, ob die Entscheidung der Fifa überhaupt Bestand hat. Außer in den Siegerländern sind die Reaktionen verhalten bis offen ablehnend.

Gleich nach dem Zuschlag für die Fußball-WM 2018 eilte Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin an den Ort des Geschehens. Der ehemalige Kremlchef ließ es sich zu später Stunde nicht nehmen, seine Freude über die Entscheidung des Fifa-Exekutivkomitees vor der in Zürich versammelten Weltpresse zur Schau zu stellen. "Es ist uns eine Ehre, in diesem harten und fairen Wettbewerb erfolgreich gewesen zu sein", erklärte Putin am späten Mittwochabend auf einer einstündigen Solo-Pressekonferenz.

Wenige Stunden zuvor hatte der Weltverband bei der Premiere der doppelten WM-Vergabe neben Russland überraschend Katar für 2022 zum Sieger gekürt. Damit setzt die Fifa auf neue Märkte und das große Geld. "Wir betreten Neuland, denn die WM war noch nie in Osteuropa und dem Mittleren Osten. Deswegen bin ich ein glücklicher Präsident", verkündete Fifa-Boss Joseph Blatter nach der von Korruptionsvorwürfen gegen mehrere Exekutivmitglieder überschatteten Wahl.

Putin: "Vorwürfe ohne Grund"

Die Vorwürfe wischte Putin, der zuvor noch der Vergabe demonstrativ fern geblieben war, nach der Entscheidung zugunsten seines Landes vom Tisch. "Leute wurden der Korruption bezichtigt, ohne jeden Grund, ohne Fundament. Das war nur ein Druckmittel gegen die Fifa. Es war inakzeptabel, dass dies in England in die Medien transportiert wurde. Das ist ein Beispiel für unlauteren Wettbewerb", offenbarte er gleich noch seine Auffassung von Pressefreiheit. Stattdessen betonte der Ministerpräsident, dass Russland verstand habe, dass "wir den Exekutiv-Mitgliedern der Fifa die Möglichkeit geben mussten, die Entscheidung ohne Druck von außen und ganz objektiv fällen zu können". Ob die Entscheidung Bestand haben wird, nachdem wegen des Verdachts der Korruption das Exekutivkomitee nicht - wie nötig - vollständig war, wird sich dennoch erst zeigen müssen.

Als Blatter am Donnerstag um 16.37 Uhr das mit Russlands Namen beschriftete Blatt aus einem versiegelten Umschlag zog, hatte es vor allem bei der Delegation von Mitbewerber England lange Gesichter gegeben. Bei dem Versuch, das Milliarden-Event zum zweiten Mal nach 1966 austragen zu dürfen, erhielt das als Favorit gehandelte das Mutterland des Fußballs nur magere zwei Stimmen und scheiterte damit ebenso wie die favorisierte Weltmacht USA (1994) mit der Bewerbung für 2022. US-Präsident Barack Obama sprach in Washington offen von einer "falschen Entscheidung", Katar den Vorzug zu geben.

USA deprimiert, Katar feiert

"Wir sind am Boden zerstört", meinte der ehemalige Bundesliga-Profi Eric Wynalda. "Ich bin enttäuscht. Millionen von US-Fußball-Fans haben hart daran gearbeitet, die WM nach Amerika zu bringen. Knapp geschlagen zu werden, ist schwer zu verdauen", erklärte der US-Verbands-Präsident Sunil Gulati. "Sepp Blatter ist einfach kein Fan der USA", kritisierte der Ex-Nationalspieler und jetzige TV-Experte Alexi Lalas. Der US-Verband hatte sich von der Ausrichtung der WM 2022 eine Sogwirkung für die Entwicklung von Jugend-Fußball-Programmen in zahlreichen Großstädten erhofft. "Die Fifa-Entscheidung wird diese Dinge jetzt definitiv bremsen", sagt Ex-Nationalspieler Coby Jones.

"Die erste WM auf arabischem Boden wird etwas ganz Besonderes. Der Fußball wird die Kulturen weiter verbinden. Dass wir so eine Veranstaltung organisieren können, haben wir bei den Asien-Spielen 2006 bewiesen", gab sich dagegen Scheich Mohammed bin Chalifa al-Thani euphorisch. "Zu Beginn hatten uns schon alle abgeschrieben", ergänzte der Chef des Bewerbungskomitees, Scheich Mohammed bin Hamad al-Thani, "niemand hat uns eine Chance gegeben. Im Namen von Millionen Menschen im Mittleren Osten möchte ich mich bei der Fifa bedanken. Im Sommer 2022 haben wir ein Treffen mit der Geschichte." In Katar versammelten sich spontan Tausende Menschen an der Uferstraße Corniche und den wichtigsten Plätzen in Doha, um die Sensation gebührend zu feiern. Mit den aus Südafrika bekannten Vuvuzelas veranstalteten Jung und Alt einen Höllenlärm. "Das ist eine tolle Party und vor allem eine Ehre für alle Araber", sagte ein in Doha lebender Ägypter, und auch ein libanesischer Einwohner sagte: "Die WM wird allen Menschen auch in wirtschaftlicher Hinsicht etwas bringen."

Verhaltene Reaktionen

Die neutralen Beobachter des Vergabeverfahrens zeigten zumeist verhaltene Reaktionen - die Korruptionsquerelen hatten zuvor einen allzu großen Schatten auf die Fifa-Entscheidung geworfen. DFB-Präsident Theo Zwanziger zeigte sich "überrascht" vom Votum für eine WM am Persischen Golf. Gleichwohl will der Boss des Deutschen Fußball-Bundes in der Entscheidung auch eine Chance sehen. "Ich bin der Meinung, dass ein friedliches Fußballfest einen Beitrag zur politischen Stabilisierung in dieser Region leisten kann", sagte Zwanziger.

DFB-Teammanager Oliver Bierhoff betonte, dass die Stimmung im Land ein wichtiger Faktor für das Gelingen einer WM sei. "Insofern betrachte ich Katar nicht als optimale Lösung." Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes urteilte: "Ich bin sicher, Russland wird eine hervorragende Weltmeisterschaft ausrichten. Daran kann kein Zweifel bestehen. Russland hat viel Tradition im Fußball, knüpft im Vereinsfußball an alte Erfolg an und hat viele Fans. Katar war sicherlich eine Grundsatzentscheidung. Einerseits hat man sich für ein traditionelles Land wie Russland entschieden, und andererseits versucht man, eine neue Region für den Fußball zu erschließen."

Russland setzte sich gegen England, dass mit nur zwei Stimmen schon im ersten Wahlgang kläglich scheiterte, sowie die gemeinsamen Bewerbungen von Spanien/Portugal und der Niederlande und Belgiens durch. Katar schlug neben den USA auch Australien, Japan und Südkorea aus dem Feld.

dho/DPA/SID / DPA

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