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VfB Stuttgart: Die Zeit des Ungewissen

Neuer Trainer, neue Leidenschaft: Mit Markus Babbel wollen die Stuttgarter im DFB-Pokal die Bayern schlagen. Wenn da nicht die Zweifel wären: Wie geht es mit Babbel weiter? Was ist mit Mario Gomez und Jens Lehmann? Unterdessen kämpft VfB-Präsident Erwin Staudt an anderen Fronten.

Von Jens Fischer, Stuttgart

Mit seinem Manager Horst Heldt sitzt er im kleinen Presseraum des VfB Stuttgart und gibt den Journalisten bereitwillig Auskunft. Markus Babbel wirkt in seinem grauen Trainingsdress wie einer, der seinen Weg gefunden hat. Aufgeräumt, locker, dennoch konzentriert beantwortet er die entscheidenden Fragen zum Pokal-Hit gegen den großen FC Bayern München. "Endlich geht es wieder los", man habe am Dienstagabend "Großes vor" und alle seien "topfit und hoch motiviert". Keine Frage: Die Zuversicht ist zurück am Neckar – und daran hat Babbel maßgeblichen Anteil.

Selten hat ein Trainer in der Bundesliga so einen steilen Aufstieg vollzogen wie eben Babbel. Gerade einmal zwei Monate ist er nun als Stuttgarter Trainer im Amt und hat das Wichtigste bereits erreicht: Seine noch im Herbst des vergangenen Jahres so zaudernden Spieler glauben wieder an sich.

Noch keine Niederlage

Babbel hat noch kein Pflichtspiel mit seiner Mannschaft verloren, gebetsmühlenartig betonen Heldt und VfB-Präsident Erwin Staudt, dass der Neue endlich wieder den "guten Geist" ins Team zurückgebracht hat. Man könnte auch sagen, der 51-fache Nationalspieler Babbel hat das viel gerühmte "Bayern-Gen" nach Schwaben importiert. Das behauptet zumindest Bayern-Manager Ui Hoeneß. Und der muss es wissen. Auch die VfB-Spieler glauben an ihren neuen Übungsleiter. "Unser Trainer ist heiß, er lebt das vor und schafft es, die Mannschaft mitzureißen", sagt beispielsweise Stürmerstar Mario Gomez.

Dabei könnte ein Babbel vor dem Bayern-Klassiker auch durchaus von negativen Kräften durchdrungen sein. Zum einen wird er darüber grübeln, wie er einen Franck Ribéry einbremsen kann ("Einer der besten Spieler Europas"), zum anderen – und noch viel bedeutender – muss er sich ernste Gedanken über seine persönlichen Perspektiven machen. Denn beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) gibt es einen, dem man mit positiven Schwingungen und anderem esoterischen Firlefanz erst gar nicht zu kommen braucht: Sportdirektor Matthias Sammer.

Sammer nicht zum Gespräch bereit

Der kehrt weiter mit eisernem Besen und denkt gar nicht daran, Babbel nach Ende der Saison ohne gültige Trainerlizenz weiter trainieren zu lassen. Eine Lösung muss her. Zum Beispiel ein Spezial-Stundenplan für Trainerschüler Babbel, so dass er auch im nächsten Jahr weitermachen darf. Die Dauerfrage nach Bernd Schuster wurde Heldt an diesem Montagmittag nicht gestellt, was dieser nach der Pressekonferenz mit einem dankenden Lächeln quittierte. Auch weil er weiß: Der neue "gute Geist" steht auf dem Spiel.

Eine andere Frage musste Heldt dann aber doch beantworten – und zwar die nach der sportlichen Perspektive seines Torhelden Mario Gomez. Denn auch hier wirken unsichtbare Kräfte im Hintergrund. Da mag Gomez noch so oft betonen, dass "Erfolg und Spaß bei der Arbeit" für ihn entscheidend seien, da kann Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge noch so oft von einer Verpflichtung Gomez’ nichts mehr wissen wollen – die dunklen Kräfte des Geschäftes wirken garantiert. "Wenn nicht die Bayern, dann werden im Sommer andere Vereine kommen", weiß auch Heldt. "Leider", fügt er noch hinzu.

Was passiert mit Lehmann?

Und dann schwebt nach wie vor der Fall "Jens Lehmann" über dem VfB-Vereinsgelände. Noch ist nicht klar, ob der Ex-Nationaltorwart noch ein Jahr dranhängt. Nach dem Bayern-Spiel will Heldt mit Lehmann sprechen – auch aus diesem Grund ist der Ausgang der Partie nicht ganz unerheblich. Mal ganz abgesehen von den Stimmungen der Lehmann-Gattin Conny.

Beim VfB Stuttgart ist dieser Tage einiges im Umbruch. Sportlich wirken gerade in den Schlüsselbereichen Führung und Leitfiguren unberechenbare Kräfte, aber auch in Sachen Prestige und öffentliche Wahrnehmung gilt verstärkte Wachsamkeit. Denn der "Feind aus der Region" hat erst am vergangenen Wochenende bei der Einweihung der neuen "Rhein-Neckar-Arena" bewiesen, wie seine Aura auf den deutschen Südwesten zu strahlen beginnt. Die Emporkömmlinge der TSG 1899 Hoffenheim sind nur wenige Kilometer entfernt – und schweben momentan auf Wolke sieben.

Staudt macht den Optimisten

Da heißt es: Achtung VfB! Nicht umsonst verweist Präsident Staudt nur allzu gerne auf die im Vergleich zu Hoffenheim deutlich höheren Mitgliederzahlen und den Umbau der "Mercedes-Benz-Arena", der im Mai beginnt und Dezember 2011 abgeschlossen sein soll. Im Konzert der Großen wolle man mitspielen, so Staudt. Im Klartext: Hoffenheim darf nicht der Maßstab sein. Wer oben mitspielen will, braucht Erfolge. Das weiß auch Babbel, der an diesem Montagmittag ganz den Schwaben-Klinsmann macht. Sätze wie "Der Gewinner der Vorbereitung ist die Mannschaft", sagt er da mit dem Ziel, seine Spieler stark zu reden. Das muss er auch, denn ein Erfolg gegen die schier übermächtigen Bayern und damit ein Fortbestand der neuen Leidenschaft ist mehr als ungewiss. Wie so vieles in diesen unsicheren Stuttgart Tagen.

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