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VfB Stuttgart: Drei Pralinen und ein wenig Gift

Deutlich hatte der VfB Stuttgart gegen Urziceni gewonnen, das Champions-League-Achtelfinale erreicht, und dennoch kam keine reine Freude auf. Die letzten üblen Wochen in den Klamotten kam Jens Lehmann und sorgte wieder einmal für einen handfesten Eklat.

Von Jens Fischer, Stuttgart

Geburtstage können so schön sein; und runde noch viel mehr. Der Vierzigste von VfB-Sportdirektor Horst Heldt aber wird sicher nicht zu denen gehören, an die er sich ausnahmslos gerne erinnern wird. Dafür hat Heldt in den vergangenen Wochen einfach zu viel mitgemacht: Ständige Niederlagen, eskalierende Fan-Tumulte, Trainer-Entlassung. Heldt hatte selbst nach dem befreienden 3:1-Triumph der Stuttgarter gegen Unirea Urziceni und dem damit erreichten Champions-League-Achtelfinale immer noch die Nase gestrichen voll.

"Nein, feiern werde er auf keinen Fall", sagte er kurz vor Mitternacht in die Mikrofone. Und die von einem Fernsehsender überreichte Sahnetorte betrachtete er beinahe angewidert. Heldt hatte an diesem Abend in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena seine Wünsche schon erfüllt bekommen. Drei köstliche Pralinen in Form von Toren von Ciprian Marica, Christian Träsch und Pavel Pogrebnyak ließen Heldt aufatmen und endlich mal wieder ein wenig ruhiger schlafen.

Christian Gross, der neue Boss

Der VfB kann also doch noch gewinnen. Nicht wenig Anteil daran, dass die beispiellose Negativserie der Schwaben zu Ende ging, hatte der neue Trainer, der Schweizer Christian Gross. Mit seinem blank polierten Schädel stand während des Spiels gegen die biederen Rumänen über 90 Minuten neben dem auf der Bank kauernden Heldt und versuchte, seine neuen Spieler konsequent nach vorne zu pushen. "Swiss Army General" wird Gross genannt – ganz offensichtlich haben die Stuttgarter Spieler den Drill des neuen Chefs mehr als nötig gehabt. "Wir brauchen jetzt einen autoritären Trainer", meinte selbst Torschütze Träsch – eine Aussage, die zu denken geben muss.

Vor allem dem gefeuerten Markus Babbel. Der befand sich zum Zeitpunkt des ersten VfB-Sieges auf der Autobahn auf dem Weg vom Trainerlehrgang in Köln. Er wird in diesem Moment die Mechanismen des rauen Profigeschäfts gespürt haben. Neuer Trainer, neuer Wille, neuer Mut? Ist es so einfach, eine Mannschaft neu zu formen? Sind Fußballer so einfach gestrickt?

Lehmann hätte auch mit Babbel gewonnen

Einer, der sich mit dieser banalen Gleichung in diesen turbulenten Tagen nicht abfinden wollte, war wieder einmal der ewige Unruhestifter Jens Lehmann. Bereits vor dem Spiel gegen Urziceni warf er den VfB-Bossen in Sachen Babbel-Entlassung Führungsschwäche vor. Man habe sich "pubertierenden Jugendlichen" gebeugt. Und nach dem Sieg eskalierte die Situation. Lehmann sprach davon, nicht zu wissen, wofür er sich "jetzt noch motivieren" solle und war sich zudem sicher, dass der VfB den Sieg auch mit seinem alten Trainer und Freund Babbel hätte erringen können.

Ein Affront, den Heldt nicht lange auf sich sitzen ließ. "Das steht Jens nicht zu. Seine Aussagen sind von purem Egoismus geprägt. Das ist das Enttäuschende", erwiderte ein wütender Heldt die Lehmann'schen Giftspritzer. Das riecht nach Konsequenzen, zumal der nicht zum ersten Mal auffällige Lehmann in den Katakomben ganz heiter mit dem Konflikt umzugehen schien.

Oberstes Ziel: Abstieg vermeiden

So wurde aus dem für den VfB eigentlich erfreulichen Abend doch noch eine Nacht mit jeder Menge Zündstoff. Dabei sind es gerade diese Disziplinlosigkeiten, die die Schwaben in die Krise haben schlittern lassen - und die der neue General Gross mehr als alles andere hasst. Da wunderte es nicht, dass der Schweizer seinen Blick beinahe manisch in Richtung Bundesliga lenkte. "Es wäre fatal, wenn wir uns vom heutigen Spiel blenden lassen würden. Das wichtige Spiel steht am Sonntag in Mainz an", sagte er und machte damit deutlich, dass die Stuttgarter ihre Talfahrt noch lange nicht beendet haben.

Erst ein Sieg in Mainz würde den Einstand des neuen Trainers vergolden. Denn die Champions League ist finanziell sicher ein goldenes Zubrot, ein Bundesliga-Abstieg allerdings wäre für den VfB der Supergau. Das wissen die Verantwortlichen nur allzu gut. Lehmann dagegen wird's letztlich wohl egal sein.

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