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Was meinen Strunz?: Aufwachen FC Bayern, Gratulation VfB!

Was für ein Saison-Finale in der Fußball-Bundesliga! Am Ende hat der VfB Stuttgart das Rennen gemacht. Aber es gab auch Verlierer, Schalke zum Beispiel oder der große FC Bayern. In seiner Saison-Analyse legt Thomas Strunz den Finger in so manche Wunde.

Das war sie also, die Bundesliga-Saison 2006 / 2007, an der am Ende mit dem VfB Stuttgart ein überraschender, aber absolut verdienter Deutschen Meister ganz oben steht. Wer über die gesamte Distanz sämtliche Höhen und Tiefen am besten ausgleichen kann und im Saison-Finale unglaubliche acht Siege am Stück einfährt, ist ein würdiger Champion. Deshalb gehen auch meine herzlichsten Glückwünsche ins Schwabenland.

Insbesondere den beiden Bauherren des Erfolges, Trainer Armin Veh und Sportdirektor Horst Heldt, möchte ich gratulieren. Sie haben etwas Unglaubliches vollbracht. Ich weiß aus eigener Erfahrung als ehemaliger Spieler des VfB, wie das Umfeld in diesem Verein tickt und welche Probleme die beiden auch intern zu bearbeiten hatten. Trainer und Sportdirektor haben bewiesen, dass das Festhalten an eigenen Überzeugungen auch gegen Widerstände aus den eigenen Reihen richtig war. Natürlich hat davon auch die Mannschaft profitiert, weil sie so einen konsequent eingeschlagenen Kurs viel leichter folgen kann. Veh und Heldt haben aus einem völlig neu zusammengestellten Team einen verschworen Haufen gemacht - übrigens auch außerhalb des Platzes. Am nächsten Wochenende hat der VfB nun auch noch die Möglichkeit beim Pokal-Finale in Berlin dem Ganzen die Krone aufzusetzen und das Double heim an den Neckar zu holen. Mein Tipp: Stuttgart wird nicht ein drittes Mal in dieser Saison gegen den 1.FC Nürnberg verlieren und sich auch diesen Titel holen.

Wer ist für Sie der Spieler der Saison?

Munteanu und Radu Entdeckungen der Saison

Kommen wir nun zu weiteren, positiven Aspekten der abgelaufenen Saison: Die Spannung um den Titel und im Abstiegskampf war in diesem Jahr bis zum 33. Spieltag fast nicht zu überbieten. Drei Teams kämpften um die Meisterschale und 10 (!!!) gegen den Abstieg. Das war für die Zuschauer sehr aufregend, weil in nahezu jedem direkten Duell unheimlich viel auf dem Spiel stand. Gewinner dieser Saison waren sicherlich die zu Saison-Beginn als Absteiger gehandelten Mannschaften aus Cottbus und Bochum. Was dort mit diesen bescheidenen wirtschaftlichen Möglichkeiten geleistet wurde, ist phänomenal. Bochums Manager Stefan Kuntz hat überragend eingekauft und so ganz klammheimlich mit Theofanis Gekas den neuen Torschützen-König nach Deutschland geholt. Auch beim VfL wurde das Festhalten an Trainer Koller belohnt. Der Mann war ja Mitte der Hinrunde auf der öffentlichen Abschussliste der Medien noch ganz oben zu finden.

In Cottbus hatte man sich vor der Saison mit dem rumänischen Duo Munteanu und Radu verstärkt. Na ja, dachten wohl viele. Jetzt wissen wir mehr: Die beiden spritzigen Offensivkräfte sind an der Lausitz eingeschlagen wie eine Bombe. Trainer Petrik Sander hat Energie zu einer echten Mannschaft geformt, jeder hat in Cottbus für den anderen gekämpft und den Platz umgepflügt - für ein gemeinsames Ziel: den Klassenerhalt. Ich habe höchsten Respekt vor dieser Truppe. Ein weiterer Gewinner ist sicherlich auch der 1. FC Nürnberg. Unter Trainer Hans Meyer gelang zum ersten Mal seit sehr langer Zeit der Einzug ins internationale Geschäft. Und so ganz nebenbei bemerkt: Am kommenden Wochenende kann der "Club" im Pokalfinale den ersten Titel seit 1968 in die Frankenmetropole holen.

Platz 2 für Schalke ein Erfolg

Dann hätten wir da noch den Brasilianer Diego. Was Werders Mittelfeldzauberer in seiner ersten Bundesliga-Saison geleistet hat, ist phänomenal. Diego ist vielleicht der einzige Weltstar der Liga. Seine Dribblings sind atemberaubend, seine Freistoß-Tore ein Genuss, seine Ballbehandlung extraklasse. Hoffentlich bleibt uns der bescheidene kleine Ball-Künstler, der bei Werder Bremen keinen geringeren als den großen Johan Micoud beerben musste, noch lange erhalten. Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass sein 62-Meter-Tor gegen Aachen zum Tor des Jahres gewählt wird.

Wo es Gewinner gibt, gibt es immer auch Verlierer. Hier muss man an erster Stelle den FC Schalke nennen. Wer kurz vor Schluss die Tabelle anführt und die Chance besitzt nach 49 Jahren endlich wieder die Schale heim ins Revier zu holen, der muss am Ende einfach anders auftreten. Der absolute Siegeswille hat bei den Knappen insbesondere in den Auswärtspartien, nicht zuletzt im Derby beim BVB, gefehlt. Dennoch: Eine Meisterschaft ist nicht zu planen und das Erreichen der Champions-League ist schon auch ein Erfolg. Man darf nicht vergessen, dass man mit Werder und Bayern München zwei große Konkurrenten hinter sich lassen konnte.

Wolfsburg braucht neue Strukturen

Womit wir auch schon bei den Bayern wären. Der FCB ist meilenweit an seinen eigenen Ansprüchen und Erwartungen vorbeigerauscht. Zu keiner Zeit hatte ich das Gefühl, dass die Mannschaft doch noch in den Titelkampf eingreifen könnte. Keine Einheit, kein guter Fußball, individuelle Schwächen des Einzelnen und des gesamten Kaders: Da springt am Ende dann eben Platz vier heraus. Auch der Trainerwechsel von Felix Magath zurück zu Ottmar Hitzfeld bewirkte nicht den gewünschten Effekt. Ich bin gespannt, wie die neue Mannschaft des FC Bayern in der nächsten Saison aussehen wird und vor ob sie sich dann endlich auch wieder als Einheit präsentiert wird. Der VfB hat es vorgemacht. Fest steht: Auch die nächste Saison wird eine schwierige für die Münchener

Natürlich ist auch der VfL Wolfsburg ein Verlierer des Jahres. Wer sich am letzten Spieltag der Vorsaison in letzter Minute rettet, einen Etat in der Größenordnung zwischen Platz 6 und 8 besitzt und auch am Ende dieser Runde nur auf Platz 15 landet, muss etwas falsch gemacht haben. Aus meiner eigenen Erfahrung, denn daran bin ich damals letztendlich auch gescheitert, weiß ich, dass dieser Verein eine grundlegende Strukturreform benötigt. Leistungsorientiertes Denken UND Handeln muss endlich in diesen Klub Einzug halten, dann hat er mit der Volkswagen AG im Rücken alle Chancen, die hohen Ziele auch zu erreichen. In der Vergangenheit war das nicht der Fall. Ich bin mir allerdings sicher, dass der neue VW-Chef Martin Winterkorn neue, viel versprechende Strukturen schaffen wird. Nur Geld in die Waagschale zu werfen, bringt in Wolfsburg jedenfalls keinen Erfolg.

Aachen und Mainz sollen schnell zurückkommen

Zu Borussia Mönchengladbach fällt mir gar nicht mehr viel ein. Abgeschlagen Tabellenletzter, keine Tore, aber immer ein volles Stadion. Größer kann der Gegensatz überhaupt nicht sein. Die kapitalen Fehler der Vergangenheit ausgelöst durch desaströse Einkaufs- und Trainerpolitik unter Sport-Direktor Peter Pander führten endgültig zum Abstieg aus der 1. Liga. Für Christian Ziege wird es eine Herkules-Aufgabe, den Spagat aus Realität und Erwartungshaltung hinzubekommen und gemeinsam mit Trainer Luhukay ein Team aufzustellen, welches den direkten Wiederaufstieg anpeilt und auch schafft. Denn eines ist klar: Die Borussia gehört in die Bundesliga.

Bei den beiden Absteigern aus Aachen und Mainz war es ja von Anfang an klar, dass es auch auf Grund wirtschaftlicher Rahmenbedingungen gegen den Abstieg geht. Und beide Vereine haben es leider auch nicht geschafft. Mir wird im kommenden Jahr etwas fehlen, wenn ich die Bundesliga live oder im TV sehe. Wo ist dann die Karnevals-Stimmung im regnerischen November aus Mainz und wo ist die pure Fußballatmosphäre vom Aachener Tivoli? Ich wünsche mir, dass sie bald wieder im Oberhaus dabei sind und ihren Spaß-Fußball dort demonstrieren können.

Es lebe die neue Saison

Insgesamt betrachtet fällt mein Gesamtfazit - vor allem auch was das Niveau der Bundesliga-Saison 2006/2007 betrifft - etwas ernüchternd aus. Warum? Die Spannung in der Liga ist für den neutralen Fan vielleicht ganz nett, aber eine Liga mit zehn Abstiegskandidaten - das spricht nicht gerade für Qualität. Der Abstand zu den Topligen hat sich meiner Einschätzung nach nicht verkleinert, sondern eher vergrößert. Wo sind denn die Superstars? Die spielen in England, Italien und Spanien.

Auch international haben unsere deutschen Vereine mal wieder viel Lehrgeld zahlen müssen. Man denke nur an Bayerns CL-Aus gegen Milan, Schalkes Niederlage gegen Nancy oder den peinlichen Auftritt des HSV in der Champions-League. Wenn wir uns nun mit Ländern wie Rumänien und Portugal um die europäischen Qualifikationsplätze streiten, kann das nur ein Alarmsignal sein. Wir müssen Dinge ändern, jetzt und nicht erst, wenn es zu spät ist. Schließlich wollen wir alle endlich auch mal wieder einen europäischen Titel einer deutschen Mannschaft erleben. Diese Saison ist vorbei, es lebe die neue Saison. Ich freue mich schon heute darauf und bin sicher, dass es Ihnen genauso geht.

Mitarbeit: Klaus Bellstedt

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