"Was machen Strunz?" - Teil 9 Der Weg unserer Elf ist noch nicht zu Ende


Obwohl die Klinsmann-Elf das Halbfinale gegen Italien verloren hat, ist stern.de-Experte Thomas Strunz von der Leistung der Mannschaft begeistert. Auch wenn die Deutschen im Finale nicht mehr dabei sind - er freut sich auf das "Abschiedsspiel".

Wer hätte das vor dieser Weltmeisterschaft gedacht? In den Halbfinals trafen nur noch europäische Teams aufeinander. Wieder einmal zeigte sich, dass es für nichteuropäische Mannschaften nahezu unmöglich ist, in Europa den Titel zu gewinnen. Außer 1958 in Schweden, als Brasilien Weltmeister wurde, gelang es keinem Team mehr auf dem Kontinent des anderen zu siegen. Dennoch - und insbesondere dachte man dies nach dem Confed-Cup 2005 - erwartete die Fußballwelt Brasilien und Argentinien mindestens im Halbfinale.

Doch die großen Favoriten enttäuschten. Brasilien scheiterte bereits im Viertelfinale am immer besser funktionierenden Frankreich. Argentinien zog gegen uns, den Gastgeber, durch ein Elfmeterschiessen den Kürzeren. Als Deutschland dann im Halbfinale auf Italien traf, dachte ich, genau wie so viele andere, an unser Spiel im März 2006, als wir bei der 4:1-Niederlage in Florenz eine Vorführung erhielten. Doch unser Team von heute ist mit dem von vor vier Monaten nicht mehr vergleichbar.

Die Deutschen waren müde

Mit Leidenschaft, Siegeswillen und gutem Offensivspiel hatte sich unsere Mannschaft dieses Halbfinale mehr als verdient. Weil vieles von Taktik geprägt ist, zeigt sich bei vielen Wettbewerben immer wieder, dass Spiele auf absolutem Spitzen-Niveau sehr eng sind und meistens knapp ausgehen. So auch diesmal. Beide Abwehrreihen hatten die Stürmer absolut im Griff. Beide Teams riskierten über die gesamten 90 Minuten nicht viel, sondern warteten auf Fehler des anderen. So entstand bei sommerlichen Temperaturen ein Spiel zwischen den Strafräumen.

Man merkte auch dem ein oder anderen an, dass es das bereits das sechste Spiel bei dieser Weltmeisterschaft war. Darunter litt insbesondere das Offensivspiel Deutschlands. So konnten sich Miroslav Klose, der eine tolle WM spielt, und Lukas Podolski kaum einmal durchsetzen, da die Unterstützung aus dem Mittelfeld und der Außenverteidiger nicht mehr so war wie in den Spielen davor. Das deutsche Spiel war zu statisch und zu wenig in die Tiefe orientiert. Als er eingewechselt wurde, ließ auch Sebastian Schweinsteiger diese Frische, diese Unbekümmertheit, die ihn noch zu Beginn des Turniers ausgezeichnet hatte, vermissen.

Italien gewinnt verdient

In der Mitte der zweiten Hälfte hätte ich mir auch von Michael Ballack mehr Initiative gewünscht, er hätte aus dem Mittelfeld heraus mehr offensive Akzente setzen, mehr in die Spitze gehen müssen. Doch die Wege dorthin wurden zu weit. Er wirkte nicht so laufstark wie er hätte sein müssen. Sicher auch eine Folge der verschiedenen kleinen Verletzungen im Vorfeld dieses Turniers. Ich bin gespannt, wie er in England mit dem hohen Tempo und der Belastung sehr vieler Spiele körperlich zurecht kommt. Das wird eine Riesenherausforderung für ihn werden.

Italien tat insgesamt mehr für den Sieg, hatte in der Verlängerung die besseren Möglichkeiten. Als alle sich schon wieder auf ein Elfmeterschiessen einstellten, erzielten sie durch einen herrlich Linkschuss von Linksverteidiger Grosso das nicht unverdiente 1:0. Del Piero erzielte dann kurze Zeit später das entscheidende 2:0, als unser Team alles nach vorne warf. Wir können Italien bei Weltmeisterschaften einfach nicht schlagen.

Zindanes "Abschiedsspiel"

Damit war der Traum einer ganzen Nation ausgeträumt, die Spieler und auch viele Zuschauer weinten. Doch wir können alle sehr stolz auf das Geleistete sein. Die Atmosphäre in Deutschland während der Weltmeisterschaft war bzw. ist sensationell. Unsere Mannschaft hat Tolles geleistet und wird sich in Zukunft noch weiter verbessern. Jürgen Klinsmann sollte diese Mannschaft weiter formen. Der Weg dieses Teams ist noch lange nicht zu Ende.

Im Finale trifft Italien nun auf Frankreich. Zwei der Größten des europäischen Fußballs führten ihre Mannschaften im zweiten Halbfinale aufs Feld. Luis Figo für Portugal und für Frankreich Zindedine Zidane, der mehrfache Weltfußballer des Jahres, der nach dieser WM seine Karriere beendet. Und als hätte man ein Hollywood-Drehbuch entworfen, entschied ein Elfmeter von Zidane dieses Spiel. Somit erhält der herausragendste Mittelfeldspieler Europas, vielleicht sogar der Welt, der letzten 10 Jahre sein "Abschiedsspiel". Was wäre passender als ein Weltmeisterschaftsendspiel? Was wäre das für ein Abschluss seiner großen Karriere mit dem Pokal in der Hand am Sonntag abzutreten. Solche Geschichten schreibt nur der Fußball.


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