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Tschechien: 30 Jahre nach dem "Wunder von Belgrad"

Noch heute, drei Jahrzehnte nach dem "Wunder der Belgrad", denken die Tschechen mit Freude an das EM-Finale 1976 zurück. Und auch jetzt ist die WM das wichtigste Thema im Land. Die Teilnahme hatte sogar Einfluss auf eine wichtige Wahl.

Unmittelbar vor dem entscheidenden Schuss nahm Ivor Viktor seinen Freund Antonin Panenka zur Seite. "Schieß jetzt bloß vernünftig, Tonda, hörst du? Das hier ist ein EM-Finale und kein Freundschaftsspiel", schärfte der Torwart der CSSR vor dem Elfmeterschießen gegen die deutsche Mannschaft seinem Mitspieler ein. Minuten später hechtete Sepp Maier nach links, Panenka jedoch schaufelte den Strafstoß ganz frech in die Mitte des Tores. "Hätte ich den verschossen, hätte Ivo nie mehr mit mir das Hotelzimmer geteilt", sagt Panenka heute, fast 30 Jahre nach dem Triumph von Belgrad.

Der historische Europameister-Titel für die Tschechoslowakei 1976 überstrahlt auch drei Jahrzehnte später alle sonstigen Erfolge der seit 1993 getrennten Staaten. Zwar wurde die Tschechoslowakei 1934 und 1962 Vize-Weltmeister, und 1996 verlor Tschechien in London knapp 1:2 gegen Deutschland das EM-Endspiel. Dennoch ist der Sieg über den großen Nachbarn tief im kollektiven Gedächtnis verankert - wohl auch wegen des spektakulären Elfmeter-Fehlschusses von Uli Hoeneß hoch über das Tor von Viktor. "Den Ball", scherzte Franz Beckenbauer vor kurzem in Prag, "den suchen sie in Belgrad immer noch."

"Wenn alle Spieler gesund sind, hat sie das Potenzial, bis ins Viertel- oder Halbfinale zu kommen."

Die jüngste Reise des WM-OK-Vorsitzenden an die Moldau verdeutlicht wohl am besten die Vorfreude der Tschechen auf das Turnier in Deutschland. Wie ein Staatsmann wurde Beckenbauer von Präsident Vaclav Klaus und Regierungschef Jiri Paroubek empfangen, und die Prager Zeitungen schmückten am nächsten Tag ihre erste Seite mit Fotos des Besuchs. Der tschechischen Mannschaft prophezeite Beckenbauer eine gute WM: "Wenn alle Spieler gesund sind, hat sie das Potenzial, bis ins Viertel- oder Halbfinale zu kommen. Und vielleicht sogar weiter, wer weiß?"

Dabei war es ausgerechnet Beckenbauer, der die bisher letzte Teilnahme von tschechischen Fußballern bei einer WM beenden half. Der heute 60-Jährige trainierte 1990 in Italien jene deutsche Mannschaft, die die Tschechoslowakei im Viertelfinale durch ein Elfmetertor von Lothar Matthäus nach Hause schickte - nach einem Foul am heutigen Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Nach 16 Jahren wieder bei einem globalen Turnier dabei: auch deswegen ist das Fußballfieber in Böhmen und Mähren so groß. Es beeinflusste gar die Festlegung der Parlamentswahlen auf den 2./3. Juni.

"Kaiser Franz" und "König Fußball"

Er habe den von vielen favorisierten Termin 9./10. Juni auch wegen der am 9. Juni in Deutschland beginnenden WM verworfen, sagte Ministerpräsident Jiri Paroubek vor kurzem, übrigens unmittelbar nach einem Treffen mit Beckenbauer: "Dann fahren vielleicht tausende Tschechen zur Unterstützung ihrer Mannschaft nach Deutschland, zudem werden die Live-Übertragungen viele Fußball-Fans am Fernsehen festhalten." Zwar sei die Monarchie in Prag seit 1918 abgeschafft, aber gegen "Kaiser Franz" und "König Fußball" hätten Tschechiens Demokraten keine Chance, kommentierte dies der Rundfunk launisch.

Obwohl Eishockey und nicht Fußball in Tschechien Nationalsport Nummer eins ist, wollen aus Prag, Pilsen, Ostrau und anderen Städten Tausende zum Turnier reisen. Wie viele genau, weiß niemand. Bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 650 Euro ist Deutschland für Tschechen ein teures Land. Zudem bestreitet die Mannschaft von Nationaltrainer Karel Brückner ihre Erstrundenpartien in den von Tschechien eher entfernten Spielorten Gelsenkirchen, Köln und Hamburg. Nürnberg, Leipzig, ja sogar Berlin liegen viel näher.

"Wo viel Geld ist, ist die Verlockung groß."

Weit reisen müssen tschechische Fußballfans auch sonst, wenn sie ihre Idole sehen wollen. Während 1976 kein Europameister im Ausland spielte, ist heute kaum ein Nationalspieler zu Hause unter Vertrag: sechs spielen in Deutschland, vier in Frankreich, drei in Italien, der Rest zum Beispiel in England oder den Niederlanden. Von den heutigen Gehältern tschechischer Kicker habe er nur träumen können, sagt Panenka: "Am Ende meiner Karriere besaß ich eine schlecht eingerichtete Wohnung und einen Lada. Offiziell war ich ja Dreher in einer Maschinenfirma, Fußballprofis gab es in der CSSR nicht."

Das WM-Fieber überstrahlt gar die größte Korruptionsaffäre in der Geschichte des tschechischen Fußballs: 14 Schiedsrichter, fünf Vereine, sechs Funktionäre und zwei Delegierte sind in den Fall verwickelt. Aufgedeckt worden war das weit verzweigte Netz im Mai 2004 auf Grund abgehörter Telefongespräche der Polizei. Auch wegen dieser Affäre besuchen derzeit nur durchschnittlich 5.000 Zuschauer ein Spiel der ersten tschechischen Liga. Beckenbauer riet, nach vorne zu sehen: "Solche Affären sind oft das Versagen Einzelner, die auch nur Menschen sind. Wo viel Geld ist, ist die Verlockung groß."

Tschechen gelten als eher misstrauische Menschen. Gäbe es einen Nobelpreis für Skepsis, sagte der EU-Politiker Günter Verheugen einmal, würde ihn wohl jährlich ein Tscheche gewinnen. So setzen Wenige auf einen vorderen Platz ihrer Mannschaft bei der WM. Bereits im Achtelfinale könnte Tschechien auf Brasilen stoßen, später auf Deutschland. Und wenn es dann zum Elfmeterschießen gegen den Gastgeber käme, Herr Panenka? Wenn dann jemand den entscheidenden Strafstoß so treten würde wie Sie 1976, und es würde kein Tor? Was würden Sie sagen? "Nichts", grinst der 57-Jährige, dass sein Schnauzbart wackelt, "ich wäre einfach nur sauer."

Wolfgang Jung, DPA / DPA

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