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Deutsche Nationalmannschaft: Dominatoren mit Achillesferse

Beim 3:0 gegen Irland zeigt die Nationalmannschaft einmal mehr, dass sie eine Nummer zu groß für die Kleinen Europas ist. Und dokumentiert, dass ihre Verwundbarkeit noch immer Anlass zu Sorge bietet.

Von Mathias Schneider

Der Mann, der sich zu vorgerückter Stunde im Presseraum des Kölner Rheinenergiestadions einfand, war sichtbar guter Laune, ein gewinnendes Lächeln umspielte seinen Mund. Er erzählte von tapferen Jungs, die alles gegeben hätten, natürlich sei er schon deshalb nicht enttäuscht. Auch dass ihm der Kollege Joachim Löw nicht gleich nach dem Spiel die Hand gereicht hatte, sondern sich zunächst im Kreise seiner Spieler tummeln mochte, focht Noel King offenbar nicht weiter an. Er genoss den Moment, wer weiß schon, wie lange er anhalten wird.

Den großen Trapattoni vertrat King zunächst einmal nur vorübergehend auf einer Dienstreise, die sein Irland in der Gewissheit antrat, sie vor allem in einer Spielhälfte verbringen zu müssen, der eigenen. "Gegen solche Nationen weiß man, dass sie viel Ballbesitz haben werden, man vor allem verteidigen muss", erklärte King, dann lächelte er wieder milde, wie ein Mann, der schon viel, wenn nicht alles im Fußball gesehen hat.

Doch bevor er ging, hinterließ er seinen Gastgebern dann doch noch eine gut gemeinte Mahnung. Seine Iren seien trotz des 0:3 ja nicht gänzlich chancenlos gewesen seien. "Beim Stand von 0:2 hatten wir zwei große Chancen, es noch mal spannend zu machen, schade dass sich meine Elf da nicht belohnt hat."

Das gefährliche Paradoxon

Trotz Chancen chancenlos – die Iren hinterließen ein Paradoxon, sie sind nicht der erste Gegner der Deutschen in dieser WM-Qualifikation, dem dies gelang. Spielerisch heillos unterlegen, liefen sie meist dem Ball hinterher. Deutlich trat der Klassenunterschied zu Tage. Doch zu Einschussgelegenheit kamen sie dennoch.

Die 90 Minuten von Köln spiegelten einmal mehr das Dilemma einer deutschen Elf wieder, die gespickt ist mit Hochbegabungen. Sie dominierte einerseits virtuos mit wunderbaren Ballstafetten, wie man sie bislang nur aus Spanien und neuerdings aus München kennt. Unweit der Mittellinie platzierte Löw seine Viererkette auch diesmal, kaum ein Ire verirrte sich in der ersten Hälfte einmal vor Manuel Neuers Tor. Mit aggressivem Pressing eroberten Löws Männer den Ball noch in des Gegners Hälfte zurück, ging er doch einmal verloren.

Doch die hohe Schule der Torverhinderung birgt Risiken, kaum eine Elf vermag sie lückenlos über lange 90 Minuten zu vollführen. Stimmt einmal die Zuordnung nicht, bringt ein simpler Steilpass den Gegner in beste Schusspositionen. So bot sich Irland direkt nach der Pause die Chance zum Ausgleich, kaum dass sich Löws Mannen einen Moment zurücklehnten. Ein schneidender Pass durchs Mittelfeld hatte das Unheil heraufbeschworen. Und man fragt sich, ob solch hohes Gefahrenpotential nicht ein bisschen viel des Guten ist, wenn in einem knappen Jahr in Brasilien Männer wie Messi oder Neymar die Empfänger solcher Zuspiele bei brütender Hitze sein könnten.

Hohes Risiko gegen offensivstarke Gegner

Noch in Südafrika bei jener Erweckungs-WM verlegten sich Löws Männer ja aufs Kontern und fuhren ausgezeichnet, schon bei der EM im Vorjahr liefen sie dann im Halbfinale gegen Italien in einen hinterhältigen Konter. Löw wird sich gut überlegen müssen, ob er gerade gegen offensiv potente Widersacher ein solch hohes Risiko wird eingehen können, wenn das Turnier in die K.o.-Phase eintritt.

Schon gegen Schweden am Dienstag bietet sich nun die Chance zur weiteren Erprobung einer ausgewogenen Balance. Zur Erinnerung: Schweden, das ist jenes Land, das, ganz irisch unerschrocken, vor einem Jahr in Berlin aus einem 0:4 noch ein 4:4 machte. Mit viel Herz. Und manchem Konter.

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