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Fußball-WM 2010: Der Amazonas-Faktor

Die Fußballer aus den Anden und vom Amazonas sind die Stars der WM. Während sich bei den Europäern Skandal an Skandal reiht und die Afrikaner enttäuschen, ruhen die Hoffnungen des fußballverwöhnten Auges nun auf Südamerika.

Die Europäer straucheln, die Afrikaner enttäuschen, nur die Südamerikaner begeistern: Für die Höhepunkte bei der WM in Südafrika sorgen bislang vor allem die Fußballer aus den Anden und vom Amazonas. Mit neun Spielen ohne Niederlage haben sie bereits einen WM-Rekord aufgestellt, erstmals seit 1990 könnten alle Südamerikaner das Achtelfinale erreichen.

"Diese Erfolge überraschen mich nicht", sagte Paraguays Trainer Gerardo Martino, dessen Mannschaft um die Dortmunder Lucas Barrios und Nelson Valdez mit dem beeindruckenden 2:0 gegen die Slowakei den siebten Sieg des Subkontinents verbucht hatte: "Unsere fünf Teams sind in guter Form zur WM gekommen. Sie haben hohe Erwartungen, aber auch große Perspektiven."

Dass Brasilien und Argentinien vier Erfolge zu dieser außergewöhnlichen Zwischenbilanz beisteuerten, ist keine Überraschung. Aber dass auch Martinos Albirroja, Uruguay und Chile auf Achtelfinalkurs steuern, hatten viele Fachleute nicht erwartet. Die Südamerikaner selbst wundern sich nicht darüber. "Die Stärke des südamerikanischen Fußballs liegt in der technischen Qualität und der Kreativität", erklärte Südafrikas Trainer Carlos Alberto Parreira, der 1994 sein Heimatland Brasilien zum WM-Titel geführt hatte: "Ich bin sehr erfreut darüber, dass die Südamerikaner diese Stärken hier ausspielen."

Die starken Leistungen vor allem der kleineren Fußball-Nationen haben Südamerika bereits den besten WM-Start der Geschichte beschert: Vor dem zweiten Gruppenspiel von Chile am Montagnachmittag gegen die Schweiz hat es mit neun Spielen ohne Niederlage den Rekord von 1986 (sieben Spiele) bereits gebrochen.

"Man sollte nicht voreilig den Schluss ziehen, dass dies eine Tendenz sei, schließlich handelt es sich erst um die erste Phase des WM-Turniers", sagte Uruguays Coach Oscar Tabarez zwar. Doch auch der 63-Jährige hat festgestellt, dass vor allem die zweite Garde aus Südamerika aufgeholt hat: "Es sind alles gute Teams, das haben sie schon in der WM-Qualifikation unter Beweis gestellt."

Die höhere Leistungsdichte zeigte sich in der Tat schon in den Eliminatorias: So besiegte Chile Argentinien 1:0, Paraguay schlug gar Brasilien (2:0) und Argentinien (1:0), beide landeten in der Abschlusstabelle nur einen Punkt hinter dem Rekordweltmeister, aber fünf Zähler vor Diego Maradonas Argentiniern. Nur der zweimalige Weltmeister Uruguay, der sich erst über die Play-offs gegen Costa Rica (1:0, 1:1) qualifizieren musste, fiel etwas ab.

Kein Wunder, dass beispielsweise die Paraguayer diesmal mehr erreichen wollen als nur das Achtelfinale wie 1986, 1998 und 2002. "Wir haben in der Qualifikation Brasilien und Argentinien geschlagen, zwei der besten Mannschaften der Welt", sagte Stürmerstar Roque Santa Cruz: "Das zeigt, dass alles möglich ist."

Auch das Gesetz der Serie spricht für die Südamerikaner: Bei allen Weltmeisterschaften außerhalb Europas triumphierte bisher ein Vertreter ihres Subkontinents, nur auf dem Alten Kontinent dominierten die Europäer. Einzige Ausnahme: Brasilien gewann 1958 in Schweden.

Die Erfolgsserie der Südamerikaner nimmt den anderen Kontinentalverbänden, die mehr WM-Startplätze haben wollen, alle Argumente. Die sechs afrikanischen Teams - inklusive Gastgeber Südafrika - brachten es in zwölf Spielen nur auf einen einzigen Sieg, ihnen droht das kollektive Aus in der Vorrunde. Die drei Teilnehmer aus Nord- und Mittelamerika verzeichneten vor dem Spiel von Honduras am Montagabend gegen Spanien ebenfalls lediglich einen Erfolg.

Für die fünf WM-Starter aus Asien und Ozeanien standen immerhin zwei Siege zu Buche. Die 13 europäischen Teilnehmer brachten es in ihren ersten 24 Spielen auf die durchwachsene Bilanz von neun Siegen, acht Unentschieden und sieben Niederlagen.

Thomas Lipinski, SID / SID

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