WM 2010 Der König der Straße


Der Ball rollt überall in Abidjan: Die Hauptstadt der Elfenbeinküste lebt Fußball. stern.de-Reporter Christian Ewers hat hier den König des Straßenfußballs getroffen. Alexandre Kambou verrät, wie man auf Asphalt grätscht, ohne sich zu verletzen – und warum Gummisandalen die besten Fußballschuhe der Welt sind.

Ein bisschen nach Mädchen sehen sie schon aus, aber leider gibt es sie nur in diesem blassen Lila. Und dass sie vorn spitz zulaufen – naja, auch nicht gerade schön. Doch sie sind billig, drei Dollar für ein Paar Sandalen, das ist in Ordnung. Bei mir halten die Dinger nicht lange, zwei Wochen höchstens, dann sind die Schnallen kaputt. Die kann man zwar kleben, aber wenn hinten die Ferse keinen Halt mehr hat und die Sohle durch ist, dann brauchst du wirklich neue.

Sandalen sind beim Straßenfußball das Wichtigste. Vergiss Fußballschuhe, viel zu dick, in denen spürst du nichts. Du brauchst Kontakt zum Boden, du musst fühlen, ob du auf Asphalt läufst oder auf Sand. Du kannst nicht nach unten schauen, du musst den Ball im Auge behalten und vor allem die Autos. Wir spielen jeden Nachmittag auf der Kreuzung von Rue d’Eglise Béthnique und Rue Grâce, jeden Nachmittag um fünf, und eigentlich weiß das jeder hier in Saint Michel, Abidjan. Trotzdem kommen noch immer Autos vorbei, und nicht alle Fahrer sind nett. Manchmal schubsen sie mit der Stoßstange unsere Tore um, wenn wir nicht sofort Platz machen, oder sie spucken uns vor die Füße.

Aber ich lasse mich nicht provozieren, ich bin der Kapitän von La Dream Team. Du darfst nie die Nerven verlieren als Kapitän, erst recht nicht, wenn du der Chef einer Straßenmannschaft bist. Straßenfußball ist hart, wenn du gefoult wirst, blutest du. Immer. Der Asphalt reißt dir die Hände auf, du versuchst dich abzustützen, wenn du fällst, ein ganz normaler Reflex, aber du musst eine Faust machen – nie mit den Handinnenflächen zuerst auf den Boden, sonst kannst du ein paar Tage lang deine Zahnbürste nicht mehr halten.

Einen Pokal hat Alexandre Kambou schon

Wir haben einen Schiedsrichter, selbst im Training, der passt auf, dass es nicht zu brutal wird. Und wir haben viele Zuschauer, hundert manchmal, und die wollen Tricks sehen und keine Schlägereien. Straßenfußball kann sehr schön sein, schnell, elegant. Du hast ein kleines Feld, du kannst dich nicht verstecken, du musst schon ein verdammt guter Techniker sein, um den Ball zu behaupten. Straßenfußball ist Mann gegen Mann, wie Boxen, und ich glaube, die Leute lieben einfach Duelle.

Im letzten Jahr waren wir die Könige von Saint Michel, wir haben den Gandhi FC mit 1:0 geschlagen im Finale der Bezirksmeisterschaft. Und ich war bester Spieler und bester Torschütze des Turniers, deshalb darf ich auch den Pokal zu Hause aufbewahren. Meine Mutter sagt, dass ich zu viel Zeit verschwende mit meinem Fußball. Sie glaubt nicht, dass ich später einmal davon leben kann. Ich bin sicher: Ich werde mein Geld schon machen. Wer es in Saint Michel packt, der packt es auch woanders.

Große Pläne

In der nächsten Saison werde ich für Sylla & frères spielen, das ist eine kleine Fußballakademie in Abobo, in der Nähe von Abidjan. Ich will es so machen wie mein Freund Ali, der ist direkt von Abobo zu GD Sagrada Esperança gegangen, in die erste angolanische Liga. Ein Probetraining bei Sylla & frères habe ich schon absolviert. Es lief gut, ich habe meine Tore gemacht, aber alles war fremd für mich: das riesige Feld, die riesigen Tore, der ganze Ärger. Jeder im Team hatte eine bestimmte Aufgabe, und wenn sich einer zu weit wegbewegte von seiner Position, hat der Trainer gebrüllt und das Spiel unterbrochen.

Du brauchst eine Taktik im Profifußball, eine Ordnung, klar, aber Fußball heißt auch, den Ball laufen zu lassen, darauf zu vertrauen, dass deine Leute Augen haben und Fantasie. Messi, Ronaldinho, Cristiano Ronaldo – die sind doch Stars geworden, weil sie auf dem Platz das Unmögliche tun. Und nicht, weil sie das Spiel ihres Trainers spielen.

Ich werde mich umstellen müssen in Abobo, und das wird weh tun. Ich liebe das Wilde am Fußball, das Ungezähmte. Ich werde nicht aufhören bei La Dream Team, so lange ich noch in Abidjan lebe. Fünf Uhr nachmittags, Kreuzung Rue d’Eglise Béthnique / Rue Grâce, das ist drin in mir. Das kriegt niemand mehr raus.

P.S.: Wie wichtig ist die Fußball-WM für den afrikanischen Kontinent? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

Von Christian Ewers

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