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Berlin³: Merkel und ihre Pause vom betreuten Regierungsbilden

Während in Berlin zickige Sozis und Sturzgerüchte grassieren, widmet sich Angela Merkel in Afrika der großen Weltpolitik. Denn globale Probleme warten nicht darauf, dass sich in Deutschland endlich mal jemand dazu durchringt, regieren zu wollen.

Angela Merkel im Gespräch mit dem Präsidenten der Elfenbeinküste Alassane Ouattara

Angela Merkel im Gespräch mit dem Präsidenten der Elfenbeinküste Alassane Ouattara

Manchmal kann es ganz erholsam sein, rauszukommen, ganz weit weg, was anderes zu sehen oder wenigstens jemand anderen, Abstand zu gewinnen vom Scherbenhaufen daheim, von geplatzten Sondierungen, zickigen Sozis, Nörgeleien und Sturzgerüchten, Schwächevorwürfen und Sabotageakten wie Ministerfastalleingängen in der vergifteten Glyphosatwelt, den ganzen Risiken und Nebenwirkungen eines zwölfjährigen Kanzlerinnenlebens eben.

Da darf es gerne auch mal ein bisschen anstrengender sein. Angela Merkel auf dem Gipfel von EU und der Afrikanischen Union. Dienstagnachmittags hin, sieben Stunden Flug, kurze Nacht, langer Tag, mitternachts wieder in den Flieger, sieben Stunden zurück, 10984 Kilometer, kaum Schlaf - und weiter, immer weiter, immer weiter im Geschäft. Am Abend wartet der Bundespräsident im Bellevue zur nächsten Gesprächsrunde beim betreuten Regierungsbilden.

Aber jetzt erst einmal: Alassane Ouattara, Nana Addo Dankwa Akufo-Addo, Muhammadu Buhari, Beji Caid El Sebsi… Der Ivorer. Der Ghanaer. Der Nigerianer. Der Tunesier. Mit allen führt sie Gespräche jenseits des Konferenzsaals. Und Macron ist auch da, und Christine Lagarde, und der Weltbankchef. Das ist doch mal was anderes als immer nur Lindner, Seehofer, Schulz. Vielleicht wollte sie auch deshalb den Stammeshäuptling aus Bassam nicht treffen, der am Abend ihrer Ankunft sein Zelt am Flughafen in Abidjan aufgeschlagen hatte, um die Bundeskanzlerin, Pardon, die geschäftsführende Bundeskanzlerin willkommen zu heißen.

Exotische Einzelinteressenvertreter kennt sie von zu Hause zur Genüge, da muss sie nicht eigens nach Afrika fliegen (obwohl ein bisschen Voodoo und eine Martin-Schulz-Puppe schon ganz nützlich hätten sein können; zuweilen muss man auch ungewöhnliche Wege gehen, um eine Koalition zusammenzuzwingen).

In der Merkel-Welt

Angela Merkel in der Zwischenwelt also von Großer Koalition zu Großer Koalition. Und in der Merkel-Welt - inmitten der großen globalen Probleme, die ja nicht darauf warten, dass sich in Deutschland endlich mal jemand dazu durchringt, mit ihr regieren zu wollen. Es geht um die wirtschaftliche Entwicklung in Afrika, um Sicherheit, Frieden, den Kampf gegen Terrorismus, es geht darum, wie vor allem Mädchen besser gebildet werden können, die Bevölkerungsexplosion. Und über allem steht, vor allem im Interesse der Europäer, aber auch der Afrikaner selbst: Wie lässt sich die Fluchtbewegung eindämmen, den Schleppern und modernen Sklavenhändlern das Geschäft kaputt machen? Oder wie es die Kanzlerin zu Beginn des Gipfels in vollendeter Merkel-Prosa formuliert: "Damit haben wir hier auch ein gemeinsames Anliegen, das auf dieser Konferenz sicherlich auch eine Rolle spielen wird."

Das sind die Probleme, um die sich sich sorgt, das ist die Liga, in der Merkel spielt, seit vielen Jahren. Kurz hatten sie trotzdem überlegt im Kanzleramt, ob sie die Reise absagen sollen des komplizierten Partnerfindungsprozesses wegen. Merkel hat sich dann doch entschieden zu fliegen. Ihre Teilnahme am Gipfel in Abidjan ist ja vor allem auch ein demonstrativer Akt - er soll größtmögliche Normalität suggerieren in aufgeregter, unruhiger Zeit: Die Regierung mag vom Bundespräsidenten entlassen sein und nur noch die Geschäfte führen - das aber macht sie ordentlich. Naja, wenigstens die Kanzlerin. 

"You know, we need a government"

Merkel gehört nicht zur Gattung Homo würselensis, der schnell aus der Haut fährt. Sie lässt es sich nicht anmerken, aber glücklich ist sie nicht darüber, wie die Welt sich weiter dreht, wie die chinesische KP auf ihrem Parteitag weitreichende Beschlüsse fasst, wie Macron die EU voran zu treiben versucht - und Deutschland seit der Wahl im September um sich selbst kreist. Dass die geschäftsführende Regierung aller demonstrierten Normalität zum Trotz eben doch nur eingeschränkt handlungsfähig ist und ihr, der Weltkanzlerin im Pausenraum, schon etwas die Hände gebunden sind.

Und irgendwann am späteren Vormittag ist es dann in Abidjan auch noch ein bisschen wie bei den Sondierungen in Berlin. Manches läuft nicht ganz wie geplant. Die Termine im leicht surrealistisch wirkenden Gipfelhotel "Sofitel", in dem es sogar mal eine Eishalle gab, sind eng gestaltet. Um 12 Uhr verlässt der Ghanaer das Gespräch mit Merkel. Gleich danach ist der Nigerianer dran. Aber als Akufo- Addo General Buhari auf dem Gang sieht, schnappt er ihn sich erst einmal. Merkel wartet. Nach zwei Minuten lugt die Kanzlerin irritiert aus dem Raum, in den sie sich mit ihren Gesprächspartnern trifft: Wo bleibt er denn? Lässt sie da schon wieder jemand sitzen, nun auch hier?Als ihr Gesprächspartner dann doch kommt und zur Begrüßung als erstes fragt, wie es denn gehe, antwortet Merkel: "You know, we need a government." Es lässt sie einfach nicht los, auch 5492 Kilometer von Berlin entfernt nicht. Natürlich nicht. 

Alle, mit denen sie gesprochen hat, hätten ihr viel Glück gewünscht bei Regierungsbildung, heißt es später - und dass sie wünschten, Merkel würde Kanzlerin bleiben. Manchmal ist es wirklich ganz schön und erholsam, mal weg zu kommen von zu Hause. Aber der schöne Tag von Abidjan ist schnell vorbei ...