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Lehren aus dem Algerien-Spiel: Lahm muss einfach wieder nach rechts

Mit Ach und Krach hat die DFB-Elf das Achtelfinale gegen Algerien überstanden. Nun wartet Frankreich. Gegen die Franzosen muss sich einiges ändern. Fünf Ratschläge für den Bundestrainer.

Von Volker Königkrämer

Außenseiter Algerien hat der deutschen Mannschaft ihre Grenzen aufgezeigt - zumindest in der ersten Halbzeit. Es schien, als ob das Team von Joachim Löw gerade zu Beginn mit einer anderen Taktik der Algerier gerechnet hatte. "Tief und kompakt" hieß es vor dem Spiel, würden sie stehen. Körperlich zu Werke gehen und auf schnelle Konter lauern.

In Wahrheit jedoch tummelten sich zeitweise vier, fünf gegnerische Spieler in der deutschen Hälfte und attackierten frühzeitig den deutschen Spielaufbau. Özil, Götze und Kroos konnten mitunter gar nicht so schnell gucken, wie ihnen zwei, drei Algerier auf den Füßen standen. Die Folge: Das deutsche Kreativ-Spiel erlahmte, der Spielaufbau lag brach.

Erschreckend deutlich wurde in diesen irritierenden ersten 45 Minuten von Porto Alegre zudem, dass die deutschen Außenverteidiger auf diesem Niveau nicht wettbewerbsfähig sind. Jedenfalls, wenn sie Höwedes und Mustafi heißen. Von Höwedes wusste man früh, dass er als Rechtsfuß auf der linken Seite nur eine Notlösung ist. Bei Mustafi hat man sich unwillkürlich gefragt: Was mag der Bundestrainer bloß in dem Mann von Sampdoria Genua gesehen haben, dass er ihm ein Weltturnier zugetraut hat.

Die Analyse führt zu wichtigen Lehren für das Frankreich-Spiel. Diese fünf Dinge sollte Joachim Löw beherzigen - dann gibt es am Freitag gegen Frankreich kein böses Erwachen.

1. Lahm muss zurück auf die rechte Seite

Durch die Verletzung von Shkodran Mustafi ist Löw gezwungen, in der Abwehr zu reagieren. Erst recht, wenn sich die Grippe von Mats Hummels als langwieriger herausstellen sollte. Im Grunde kommt der Bundestrainer hier kaum noch darum herum, Philipp Lahm auf die angestammte Rechtsverteidiger-Position zu stellen. Als er gegen Algerien zurück in die Abwehr rückte, hörten die Probleme auf der rechten Seite schlagartig auf. Der Spielaufbau war variabler, die Sicherheit kehrte zurück.

2. Schürrle in die Startelf

Keine Frage: Der Profi vom FC Chelsea hat sich mit seinem Auftritt gegen Algerien festgespielt. Tempo, Dynamik, Selbstvertrauen und Zug zum Tor - alles Attribute, die sowohl Mario Götze als auch Mesut Özil weitestgehend vermissen ließen.

3. Das bestmögliche Mittelfeld aufstellen

Joachim Löw sollte seine Angst überwinden - und gegen Frankreich direkt auf seine stärkste Elf setzen. Das heißt: Khedira, Schweinsteiger und Kroos in der Zentrale. Die Franzosen sind äußerst stark im Zentrum, spielen im gleichen 4-3-3-System. Da ist Schweinsteiger als Stabilisator gefragt, Kroos als Ballverteiler und Khedira als Spieler, der sowohl die offensiven, wie auch die defensiven Wege geht und die freien Stellen zwischen den Strafräumen besetzt. Khedira und Schweinsteiger haben beide bewiesen, dass sie fit sind und 90 Minuten überstehen können. Sollte einer der beiden doch mal an seine Grenzen kommen, hat der Gladbacher Christoph Kramer gegen Algerien bewiesen, dass er ein starker Backup ist.

4. Nichts kaputt reden lassen

Bei aller berechtigter Kritik am Algerien-Auftritt: Joachim Löw und Per Mertesacker (#link;Andreas Gebert ;"Wat wolln Se? Ich versteh die ganze Fragerei nicht"#) haben Recht mit ihrer Analyse. Es besteht überhaupt kein Grund, auf diese Mannschaft einzuprügeln. Ja, da waren Unkonzentrierheiten. Ja, da war ein zäher Spielaufbau und viele ungenaue Pässe in die Spitze. Aber da waren auch mindestens acht, neun hochkarätige Chancen, die zumeist Torhüter Rais M'bohli bravourös vereitelt hat. Seien wir doch ehrlich: Mit ein wenig Glück läuft es wie bei Frankreich gegen Nigeria, zwei Bälle fallen ins Tor - und wir hätten heute die ganze Diskussion nicht. Insofern: Mund abputzen, sich in die Eistonne legen und auf die eigenen Stärken vertrauen.

5. Spiel vergessen - und nach vorne schauen

Auch das hat der Bundestrainer gestern Abend richtig eingeschätzt: Solche Spiele wie gegen Algerien gibt es immer wieder im Verlaufe eines Turniers. Entscheidend ist, dass man solche Krisen übersteht, ohne rauszufliegen. Wie Recht er damit hat, zeigt ein Blick in die deutsche WM- und EM-Historie. Fast immer hatte die deutsche Elf ein Gurkenspiel wie gegen Algerien im Repertoire. Beispiele gefällig? Erinnern wir uns doch nur an die WM 1990. Unmittelbar nach dem begeisternden Achtelfinale gegen Holland (Spuck-Attacke, Klinsmann-Gala, 2:1) folgte ein mühsames 1:0 im Viertelfinale gegen die Tschechoslowakei - mit einem schimpfenden und fluchenden Teamchef Franz Beckenbauer an der Seitenlinie. Oder 1986, Achtelfinale gegen Marokko. Ein zähes Spiel, das die Deutschen mit ganz viel Dusel durch einen Freistoß von Lothar Matthäus in der 87. Minute mit 1:0 für sich entschieden. Also: Algerien vergessen - und nach vorne schauen.

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