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TV-Kritik

DFB-Krimi gegen Schweden: "Das hat sich angefühlt wie ein Sieg im Halbfinale!"

Was für ein Herzkasper-Abend. Während die Löw-Elf gegen die Schweden anrannte, hyperventilierte Tom Bartels auf der Pressetribüne. Selten flippte der ARD-Reporter bei einem Spiel dermaßen aus. Gut, dass Thomas Hitzlsperger im Studio cool blieb.

Von Mark Stöhr

DFB-Elf

Die DFB-Elf jubelt nach dem Zittersieg gegen Schweden.

DPA

Wer immer schon mal wissen wollte, wie die Schweden spielen – ARD-Experte Thomas Hitzlsperger weiß es: "Wie die Mittdreißiger in der Disco: Hinten reinstellen und abwarten, was geht." Auch Kommentator Tom Bartels hatte zur Qualität der skandinavischen Kicker eine klare Meinung: "Mittelmäßig begabt". Da stand das deutsche Team bereits mit anderthalb Beinen im Vorrunden-Aus und auf Twitter schrieb einer: "Hochmut kommt vor dem Björnout." Was für ein nervenzerfetzender Herzkasper-Abend.

Man kann Tom Bartels viel vorwerfen – übertrieben rauf- und runterschießende Emotionen sind es nicht. Er ist der Oliver Bierhoff unter den ARD-Reportern: gentlemanlike, geleckt, ohne Ausreißer. Mittelmäßig halt. Ist das Spiel lahm, ist es Bartels auch. Ist das Spiel aufregend, bleibt er trotzdem auf durchschnittlicher Betriebstemperatur. Müsste man aus dem 52-Jährigen ein Gebäude bauen, käme ein Nullenergiehaus heraus. 

Tom Bartels voll on fire

Doch gestern war alles anders. Tom Bartels war voll on fire. Das hatte mit dem deutschen Drama zu tun. "Die Mannschaft", wie sie von Unternehmensberatern und Marketingstrategen getauft wurde, stand nach dem 0:1 mit dem Rücken zur Wand. Bartels dichtete: "Der Weg zum Gipfel ist noch steiler, noch steiniger geworden." Mitgerissen von seinem eigenen Pathos legte er kurz danach gleich noch ein paar Schippen Richard Wagner drauf: "Nichts ist verloren, nichts. Das ist immer noch der Weltmeister. Und Zeit ist reichlich." Auf Twitter schrieb einer parallel: "Im Spiel um Platz 3 haben wir immer gut ausgesehen. Ich rechne mir einiges aus gegen Südkorea."

Als nach dem Ausgleich die Hoffnung wieder aufflammte, der alles entscheidende Siegtreffer aber nicht fallen wollte, suchte Bartels verzweifelt nach Indizien für den baldigen Zusammenbruch der schwedischen Gegenwehr. Gleich zwei Anläufe unternahm er, um der Nation mitzuteilen, dass der Weg zum Tor für die sensiblen deutschen Edeltechniker demnächst frei sein würde. Hinweis eins: "Die Abwehraktionen der Schweden werden maroder." Hinweis zwei: "Guckt mal auf die Schweden: die Arme in den Hüften. Ihnen fällt es schwerer, adäquat zu verteidigen." Ein Tor fiel trotzdem nicht. Auf Twitter schrieb einer: "Ganz klar: Den Deutschen fehlt jemand, der ihre Hymne nicht mitsingt."

Wer braucht eine Nationalhymne?

Die Nationalhymnen-Debatte. Im Zentrum ein ranziges Lied, das niemanden juckt – außer Mesut Özil singt nicht mit. Nach der Suspendierung des Mittelfeldspielers aus der Startelf konnte sich Tom Bartels den schalen Spruch nicht verkneifen: "Haben alle mitgesungen, gab es lange nicht." Als wäre das wichtig. Als würde die Hymne irgendetwas über eine nationale Identität erzählen – und wäre nichts anderes als ein staubiges Relikt, dessen Schwulst nur mühsam über die heutigen Lippen holpert. Wenn denn überhaupt jemand den Text kennt. Wer braucht so was?

Bartels stimmte nach dem unglaublichen Schlenzer von Kroos jedenfalls nicht das Deutschlandlied an, sondern hyperventilierte hysterische Sätze. "Mehr als ein offener Mund fällt mir dazu nicht ein", rief er aus und verkündete martialisch: "Die Spieler haben Heroisches geleistet: in Unterzahl die Schweden zu stürzen." Sein Fazit: "Das hat sich angefühlt wie ein Sieg im Halbfinale!" Ein Sieg wohlgemerkt gegen den 24. der Weltrangliste.

Im ARD-WM-Studio mit Alexander Bommes und Matthias Opdenhövel kühlten sich die Gemüter nach der ersten Euphorie denn auch recht schnell wieder herunter. Vor allem Thomas Hitzlsperger fand zu einem realistischen Bewertungsrahmen zurück. "Zu viele Spieler waren weit weg von ihrer Normalform", analysierte er – "aber vielleicht beißt man sich ja rein ins Turnier."

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