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Kommentar

Zittersieg gegen Schweden: Die Metamorphose des Weltmeisters

Joachim Löws Rochaden bewegten sich bislang immer von einer gewissen Grundordnung weg, doch nun scheint der Zocker in ihm so hoch zu reizen wie nie zuvor.

Joachim Löw

Joachim Löw setzte gegen Schweden nach 26 WM- oder EM-Spielen in der Startelf nicht auf Mesut Özil.

Getty Images

Da stand er nun, die Hände in den Hosentaschen, das Aufwärmen lief noch. Doch nicht für ihn. Er sprintete nicht, er lachte nicht. Ein Mann, der ihn doch eigentlich schätzt wie kaum einen anderen in diesem Kader, hatte seine Welt aus den Angeln gehoben, und die Welt durfte sehen, wie sehr ihn all das traf. 

Mesut Özil litt. Leise. Und doch sehr laut. 

Es gab ja bislang im Kosmos des gestaltenden Bundestrainers Joachim Löw ein paar Gewissheiten, die so unumstößlich schienen wie Gravitation und Jahreszeiten. Eine dieser Gewissheiten lautete: Mesut Özil spielt – immer. Nun spielte dieser Özil gegen Schweden, eine Elf, in der gerade seine Fähigkeiten doch gefragt schienen, nicht. Er saß. Ein Bruch mit der Löwschen Konvention bedeutete dies allemal. 

Es ist etwas aufgebrochen in dieser Elf, und fast könnte man glauben, man wohne einer im Zeitraffer vollzogenen Metamorphose bei. Nun hat der Trainer Löw nie an die Politik der ruhigen Hand geglaubt, schon in Brasilien vor vier Jahren funktionierte er gleich drei Mal die Viererkette um, im Sturm startete Mario Götze ins Turnier. Er würde es auch beenden mit seinem Golden Goal, dazwischen zog allerdings der gute alte Klose vorn seine Kreise. 
Der zentrale Mittelfeldspieler hieß damals Philipp Lahm, er stemmte später den WM-Pokal in den Nachthimmel von Rio de Janeiro – als Rechtsverteidiger. Löw-Mannschaften leben, nicht umsonst propagiert der ewige Bundestrainer seit Jahren, ein jeder solle sich bereit halten, so eine WM brauche mehr als zwölf oder 14 Mann. 

Löw setzt nicht mehr auf Politik der moderaten Veränderung

Und doch tut sich gar Ungeheuerliches dieser Tage, denn bewegten sich Löws Rochaden bislang immer von einer gewissen Grundordnung weg, so scheint der Zocker in ihm so hoch zu reizen wie nie zuvor. Nachdem er mit seiner -  saturierten, wie man heute weiß - Stammformation gegen die Mexikaner taktisch wie energetisch einen System-Breakdown erlebte, hat Löw im Auge eines historischen Ausscheidens offenbar entschieden, dass die Politik der moderaten Veränderung der Vergangenheit angehört. Denn neben dem verletzten Hummels fand sich auch Sami Khedira auf der Bank wieder. Jener Khedira, der doch eigentlich als unersetzlich galt. Ein indisponiertes Spiel hatte Löw gereicht, um ihn aus der Stammformation zu rotieren. Er hat seinen alten Kämpen offenbar lange genug vertraut, ab sofort wird durchregiert – und kräftig aufgemischt. 

Am Ende dieses so verrückten Spiels hatte Löw seinen Mittelstürmer Timo Werner auf den Flügel verschoben, die linke Flanke beackerte Julian Brandt. Nur hauchzart war Brandt bei der Kadernominierung überhaupt vor Leroy Sane ins Ziel gekommen. Im Sturmzentrum übte sich der Stuttgarter Mario Gomez im Nahkampf, ein Mann, der zuvor Ausscheidungen gegen Sandro Wagner und Nils Petersen zu überstehen hatte. In der Abwehr bildete Ersatzmann Antonio Rüdiger eine Ein-Mann-Kette, vor ihm huschte der noch immer arg verzagt wirkende Ilkay Gündogan umher. Es war ein kompliziertes Unterfangen, den Löw’schen Masterplan in all dem zu erkennen. Automatismen wollte Löw doch eigentlich im Trainingslager einstudiert haben, nun suchte und fand sich da eine komplett neue Elf in der Stunde der Not. 

Löw hat immer betont, dass am Ende vor allem seine Intuition ihn leite. Bisweilen konnte man  gegen Schweden in diesem so wilden und doch endlich mit Verve und Leidenschaft geführten Spiel den Eindruck gewinnen, er habe mitten in der Prüfungssituation Weltmeisterschaft noch einmal alles verworfen und von vorn begonnen. 

Löw wird nicht mehr lange auf Müller warten können

Er hat diese Elf aufgeschreckt, und die Baustellen werden ja nicht weniger. Neben Khedira und Özil plagt auch Löws Ersatzkapitän Thomas Müller eine Formkrise, Löw wird nicht mehr lange auf ihn warten können, will er nicht Männern wie Özil gegenüber unglaubwürdig werden. Innenverteidiger Jerome Boateng, nach Gelbrot im nächsten Spiel ohnehin gesperrt, schockierte gegen Schweden die Fachwelt mit einem von wilden Flankenwechseln und eigentümlichen Diagonalläufen geprägten Auftritt. Julian Draxler bleibt auch ein Jahr nach einem ordentlichen Confed-Cup ein Mann der kleinen Spiele. 

Der Dauer-Umbau, er wird weiter gehen. Der von Ballbesitz geprägte Löw-Fußball mag noch immer der gleiche sein, die Elf ist es nicht. Wenn diese Weltmeistermannschaft ein alter lieb gewonnener Teppich gewesen ist, so hat Löw ihn kräftig geschüttelt. Eine Menge Staub dürfte dies aufwirbeln, schon weil ganz nebenbei die Hierarchie in Frage gestellt wird. 
Noch ist Löw nicht durch mit dieser Vorrunde, doch seine Elf lebt wieder, schon deshalb muss er sich bestätigt fühlen. 

Alles auf Anfang. 

Schon bald wird man wissen, ob so viel Veränderung doch der Anfang vom Ende war. 

Oder das Ende vom Anfang. 

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