HOME

WM 2018: Für die Titelverteidigung waren deutsche Teams bisher "einfach zu blöd"

Miese Testspiele, Verstimmung wegen Gündogan und Özil, ein abgeschottetes Quartier: Irgendwie klingt alles wie bei bisherigen Versuchen eines deutschen Teams den WM-Titel verteidigen. Können Löw und Co. in Russland mit dieser Tradition brechen?

Stefan Effenberg versaut mit seinem Stinkefinger 1994 die Titelverteidigung

Heute kaum noch vorstellbar: Die Original-Szene, in der Stefan Effenberg während der WM 1994 bei einer Auswechslung deutschen Fans den Stinkefinger zeigte und abreisen musste, ist nicht im Bild überliefert. Der frühere Bayern- und Gladbach-Star stellte sie später, sichtlich vergnügt, für die Kameras nach. Die Titelverteidigung misslang.

Picture Alliance

Wenn Lothar Matthäus an die WM-Endrunde 1994 in den USA zurückdenkt, bekommt der deutsche Rekordnationalspieler schlechte Laune. "Wir Deutschen waren einfach zu blöd, 1994 den Titel zu verteidigen - denn einfacher war es nie. Wir hatten einzigartige Spieler, aber keine gute Mannschaft. Wir standen uns selbst im Weg", spricht Matthäus im Magazin "Gold" der Deutschen Sporthilfe über das schmachvolle WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft im Viertelfinale gegen Bulgarien. Mit der erfolgreichen Titelverteidigung wurde es nichts, wie schon 1958 und 1978. Erfahrungen, die Joachim Löw als warnendes Beispiel bei seiner WM-Mission in Russland dienen dürften.

1994: Kein Team und Effenbergs Stinkefinger

"Das Wichtigste im Fußball ist die Mannschaft. Die Mannschaft muss funktionieren und die hat 1994 nicht funktioniert. Die einzelnen Spieler waren mit Sicherheit besser als die von 1990, aber wir hatten keine Mannschaft", sagte der frühere Bundestrainer Berti Vogts. Dabei hätten die Voraussetzungen kaum besser sein können. Teamchef Franz Beckenbauer hatte dem Team nach dem Triumph in Italien angesichts der dazukommenden Spieler aus der ehemaligen DDR noch eine goldene Zukunft prophezeit, auf Jahre werde sie nicht zu schlagen sein. 

Geschlagen hat sich das DFB-Team dann aber selbst. Der amerikanische Traum wurde schnell zum Albtraum. Schon in der Gruppenphase wurde Stefan Effenberg nach Hause geschickt, als er deutschen Fans im Spiel gegen Südkorea den Stinkefinger gezeigt hatte. Vom WM-Glanz vier Jahre zuvor war nichts mehr übrig geblieben, innerhalb der Mannschaft herrschte miese Stimmung. Es wurde gestritten um Besuchszeiten der Spielerfrauen. 

Neue Regeln: Videobeweis & Co: Das ist neu bei der Fußball-WM

1978: Ohne "Kaiser" zur "Schmach von Cordoba"

So musste Vogts ein zweites Mal die leidvolle Erfahrung machen, als Titelverteidiger viel zu früh nach Hause geschickt zu werden. 1978 lief es nicht viel besser. Die Schmach von Cordoba beim 2:3 gegen Österreich besiegelte den K.o. "Wir haben gespielt wie Amateure", sagt Vogts, der damals noch selbst auf dem Platz stand. Im Gegensatz zu 1994 war die Qualität bei der Endrunde in Argentinien aber längst nicht mehr so vorhanden wie vier Jahre zuvor. Nur fünf 74er-Weltmeister waren übrig geblieben: Vogts, Sepp Maier, Rainer Bonhof, Bernd Hölzenbein und Georg Schwarzenbeck.

Franz Beckenbauer fehlte indes nach einem monatelangen Gerangel. Der "Kaiser" stand im Ausland bei Cosmos New York unter Vertrag, der DFB hätte für die Zeit das Gehalt übernehmen sollen. DFB-Präsident Hermann Neuberger sah die Mannschaft auch ohne ihren 74er-Kapitän gut genug für die Titelverteidigung - ein Trugschluss. Auch Torjäger Gerd Müller hätte das Team gut gebrauchen können, doch der "Bomber" hatte bereits 1974 nach einem Streit auf dem WM-Bankett seinen Rücktritt erklärt.

1958: Helden von Bern im "Hass-Spiel" gegen Schweden

Am besten verkaufte sich die deutsche Mannschaft noch 1958, als am Ende ein achtbarer vierter Platz heraussprang. Denn von den Helden von Bern waren nur noch Fritz Walter, Helmut Rahn, Hans Schäfer und Horst Eckel übrig geblieben. Dazu kamen junge Spieler wie etwa HSV-Ikone Uwe Seeler. 

Und es wäre sogar noch mehr möglich gewesen, wenn Erich Juskowiak im "Hass-Spiel" gegen Schweden (1:3) im Halbfinale nach einem Revanche-Foul nicht die Rote Karte gesehen hätte. "Hass-Spiel" deshalb, weil schon vor dem Spiel in den Zeitungen Stimmung gegen die Deutschen gemacht wurde - bis hin zu Nazi-Beschimpfungen. Und während der gesamten Spielzeit ging es - zur damaligen Zeit völlig unüblich - mit Einpeitschern, die die Zuschauer mit Megafonen antrieben, weiter. Da auch noch Fritz Walter schwer verletzt wurde, beendete die deutsche Mannschaft das Spiel mit neun Mann. Für die erfolgreiche Titelverteidigung gegen Brasilien mit dem damals auf der internationalen Bühne auftauchenden Superstar Pelé hätte es aber wohl ohnehin nicht gereicht.

Jogi Löw und seine Mannschaft versuchen es jetzt in Russland erneut. Ob ihnen das Kunststück gelingt? Den WM-Titel zu verteidigen, ist die absolute Ausnahme. Gelungen ist das bisher nur Italien in der Frühzeit der Weltturniere (1934 und 1938) sowie Brasilien mit Pelé 1958 und 1962.

WM-Wissen: Wo Thomas Müller spitze ist - spannende Fakten zur Fußball-WM 2018 in Russland
dho/Stefan Tabeling / DPA

Wissenscommunity