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Mund-zu-Aktion War da was? Das (kaum vorhandene) Medienecho in Katar zum DFB-Protest

Die Protestaktion der deutschen Nationalmannschaft vor dem WM-Spiel gegen Japan
Mund auf mit Mund zu: Die Protestaktion der deutschen Nationalmannschaft vor dem WM-Spiel gegen Japan
© Christian Charisius / DPA
Nicht nur in Deutschland wurde umfangreich über den stummen Protest der DFB-Elf berichtet. In katarischen Medien findet die Aktion hingegen kaum Erwähnung.

Nun lässt sich freilich darüber streiten, worauf der vergeigte Turnierstart der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in Katar zurückzuführen ist. Erklärungen gäbe es jedenfalls genug (die Sie hier lesen können). "Das passiert, wenn man sich nicht auf Fußball konzentriert", führt indes ein Katarer ins Feld, eigenen Angaben zufolge ein Sportjournalist, der den vermaledeiten Auftakt der DFB-Elf mit ihrer Protestnote vor der Partie begründet.

Nachdem der Fußball-Weltverband Fifa das Tragen der "One Love"-Kapitänsbinde verboten hatte, hielten sich die deutschen Nationalspieler beim obligatorischen Mannschaftsfoto die Hand vor den Mund (der stern berichtete). "Es soll ein Zeichen gewesen sein von uns als Mannschaft, dass die Fifa uns mundtot macht", erläuterte Bundestrainer Hansi Flick die Aktion.

In Deutschland wurde über den stummen Protest umfangreich berichtet. In katarischen Medien findet die Szene hingegen kaum Erwähnung.

"Zensur" für den DFB, eine Notwendigkeit für "Al Sharq" 

Zwar wird auch hier ausführlich über das "atemberaubende Comeback" ("The Peninsula") der Japaner berichtet, versucht, den "Schock" ("Gulf Times") und "deutlichen Absturz" ("Al Raya") einer "hektischen" DFB-Elf ("Qatar Tribune") zu erklären. Doch weder die Protestaktion der deutschen Mannschaft, noch die von Innenministerin Nancy Faeser, die stellvertretend mit dem symbolträchtigen Stückchen Stoff auflief, werden thematisiert.

Wenn doch, wie bei "Al Sharq", dann liest man unter anderem von einer "Aktion, die als Provokation" verstanden wurde. So sei die "Deutsche Provokation", wie es in einer Zwischenüberschrift des Artikels heißt, von Arabern und Muslimen in sozialen Netzwerken aufgefasst worden.

Zu den Hintergründen der Fifa-Entscheidung, das Tragen der Armbinde zu untersagen, heißt es, dass der Verband eingreifen musste, "um den Sportsgeist zu wahren", sodass sich auf den Fußball konzentriert werden könne. Der DFB hatte das Verbot als "Zensur" und "Machtdemonstration" kritisiert. Schlagzeile des Spielberichts, offensichtlich in Anspielung auf die Aktion: Japan habe die Deutschen geknebelt.

Der Nachrichtensender "Al Jazeera" berichtet zumindest auf seinem englischsprachigen Auftritt, in dem Artikel zur "Armband-Kontroverse" – wie es in der Überschrift heißt – wird auch Innenministerin Faeser zitiert. Die arabische Berichterstattung beschränkte sich offenbar auf einen Liveblog zum Spiel, bei der die Protestaktion keine Erwähnung fand.

"Katarischen Medienschaffenden bleibt angesichts der repressiven juristischen Rahmenbedingungen nur sehr wenig Spielraum", konstatiert Reporter ohne Grenzen. Im Pressefreiheitsindex der Nichtregierungsorganisation rangiert Katar auf Platz 119 von 180 Nationen. Das Pressegesetz von 1979 erlaube die Vorzensur von Medien, Berichte über die Regierungspolitik, die Königsfamilie und den Islam seien nur in engen Grenzen möglich. Darüber hinaus hätten unabhängige Nachrichtenportale einen schweren Stand. 

Im arabischen Raum wurde der DFB-Protest heftig und fast einhellig kritisiert, berichtete die britische BBC mit Blick auf die Kommentarspalten sozialer Netzwerke.  

Demnach sei die Aktion unter anderem als "beleidigend" und "provokativ" kommentiert worden. Einige Nutzer hätten die Fifa dazu aufgefordert, mehr Druck auf die Spieler auszuüben. "Du kommst zu uns, respektierst unsere Religion, unsere Kultur, unsere Normen und unser Gesetz, ansonsten kannst du deine Hände hinlegen, wohin du willst", wurde ein anderer Nutzer zitiert. In einem Facebook-Beitrag hieß es, gerichtet an die arabischen und muslimischen Fans: "Wenn sie (das deutsche Team) zu dieser Sache stehen, sei stolz auf deine Religion und stehe auch zu ihr."

Zuvor hatten bereits iranische Staatsmedien mit ihrer Berichterstattung zur WM irritiert (mehr dazu lesen Sie hier). Mit ihrer Weigerung, die Nationalhymne ihres Landes zu singen, hatten die iranischen Nationalspieler weltweit für Aufsehen gesorgt. Im Staatsfernsehen blieb der stille Protest jedoch ungesehen.

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