VG-Wort Pixel

Fußball-Weltmeisterschaft Kritik an Katar gerne, aber bitte kein politisch korrekter Überbietungswettbewerb

Katar Skyline
Skyline von Katar: Rückständige Moral hinter modernen Fassaden? 
© Federico Gambarini / DPA
Noch nie wurde eine Fußball-WM so abgelehnt wie das Turnier in Katar. Leider klingt die Kritik oft wie Gejammer über Flecken, die eine längst vergossene Milch hinterlassen hat. Besonders miefig: Die Einlassungen europäischer Hüter der Fußball-Kultur.

Beim "Spiegel" schwärmt der Autor von seinem ersten prägenden Fußball-WM-Erlebnis: 1982 in Spanien war das offenbar. In der "Zeit" schreibt Ex-Nationalspieler Philipp Lahm feuchtäugig, wenn auch etwas unkonkret: "Früher war eine WM ein Volksfest". Und in der "11 Freunde", Bibel aller Fußballromantiker (die, wie der stern zu Bertelsmann gehört), war früher grundsätzlich alles besser. Je näher das umstrittene Turnier rückt, desto näher scheint deutschen Fans die Vergangenheit zu sein als die unmittelbare Zukunft.

Politisch korrekter Überbietungswettbewerb

Ähnlich entrückt und gestrig liest sich leider auch der Großteil der Kritik an der Veranstaltung. Nicht, dass sie falsch wäre. Doch in ihrer sehr deutschen, sehr vehementen Art nimmt sie sehr häufig Züge eines politisch korrekten Überbietungswettbewerb an. Nicht selten verrutschen dabei auch die Maßstäbe ins Bizarre, wie etwa bei der Diskussion über Manuel Neuers Kapitänsbinde mit dem "falschen Regenbogen".

Im Sommer hatte sich der Deutsche Fußballbund mit einigen Verbänden, darunter England, Frankreich und der Niederlande darauf verständigt, dass die Mannschaftskapitäne die "One Love"-Armbinde als Zeichen für Diversität tragen zu wollen. Auf dem Symbol ist eine 1 mit sechs schräg schraffierten Farben zu sehen. Das Zeichen ist eindeutig nicht die klassische Regenbogenfarbe der LGBT+-Gemeinde (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans-Menschen, intergeschlechtliche, queere Menschen), aber die Stoßrichtung des Symbols dürfte jedem Zuschauer klar sein.

Falsche Farben für richtige Botschaft

Für einige Fanvertreter, Aktivisten und Politiker aber schien die "One-Love"-Binde eine regelrechte Provokation zu sein: "Schwaches Zeichen", "schlechter Versuch, niemandem auf die Füße zu treten", "falsche Rücksichtnahme" schallte es den "One-Love"-Befürwortern entgegen. Sie argumentierten mit dem Hinweis, dass die Farben sogar über die Solidarität mit Lesben und Schwulen hinausgehe. Doch es half nichts, plötzlich schien die klassische Regenbogenflagge das einzige richtige Symbol für den einzig richtigen Protest gegen die homophobe Gesetzgebung im Gastgeberland zu sein.

Dass es neben der Regenbogenfahne noch mehr als zwei Dutzend weitere Pride-Flaggen in unterschiedlichsten Farbkombinationen gibt, hat die Verfechter der wahren Lehre genauso wenig interessiert, wie der Umstand, dass niederländische Mannschaftsführer die "One-Love"-Binde schon länger beschwerdelos tragen. Oder sie in anderen Teams, wie der dänischen und belgischen, als Alternative zur im erzkonservativen Katar unwillkommenen Regenbogenflagge mehr als herzlich willkommen sind. Weil es um die Botschaft geht, und nicht um die Reihenfolge von Farben.

Ausgerechnet Fußball-WM als Streiter für Homorechte?

Überhaupt ist das Thema Homosexualität und Katar insofern interessant, als dass Schwulen- und Lesbenrechte auch in den progressiven Ecken Europas oft eher nur am Rande stattfinden, vor allem aber so gut wie nie im Fußball. Die Ironie ist, dass ausgerechnet der immer noch eher homophobe Fußball als Wegbereiter für eine tolerante Gesellschaft in einem homophoben Land wie Katar dienen soll. Und dabei nonchalant wie selbstgerecht ignoriert, dass die überwiegende Mehrheit der Kataris ein doch etwas anderes Gesellschaftsbild haben.

Miefig wird es auch dann, wenn die Kritik aus dem Herzland eurozentrischer Fußballpuristen kommt. Wie das Geunke darüber, dass die WM mitten im tiefsten Herbst ausgetragen wird – bei Dunkelheit und Glühwein statt am Grill mit kaltem Bier. Das mag für deutsche Fans ungewöhnlich sein, aber in Südafrika, Argentinien und Neuseeland ist in den üblichen WM-Monaten Juni, Juli immer Winter. (Wenn auch nicht unbedingt mit solch ungemütlichen Wetter). Was nebenbei zu der Überlegung führt: Ist es vielleicht sinnvoll, auch kommende Weltmeisterschaften in anderen Monaten außer den gewohnten auszutragen? Denn in Teilen der USA und in Mexiko dürfte beim nächsten Turnier 2026 für Spitzenfußball ebenfalls (zu) heiß werden.

Tote Arbeiter werden nicht wieder lebendig

Auch die ungerührt vorgetragene Forderung nach einem Boykott der WM kommt etwas spät. Nachdem kaum ein Fußball-Verband oder Sponsor willens war, die größte Sportveranstaltung der Welt links liegen lassen zu wollen, wäre es nun an den Zuschauern, das Turnier zu ignorieren. Umfragen zufolge spielt jeder dritte deutsche Fußballfan mit diesem Gedanken. Miese TV-Quoten wären ein klares Signal an die Fifa und den Gastgeber, dass ihr Produkt Mängel aufweist. Doch so zynisch es klingen mag: Von den zahllosen Menschen, die beim Bau der Stadien gestorben sind, wird keiner durch Nichtschauen wieder lebendig. Und wo waren eigentlich all die Boykotteure 2018, als Russland das Turnier veranstaltet hat, ein Land das zu dem Zeitpunkt bereits vier Jahre Teile der Ukraine besetzt hatte?

All die Einwände gegen die Einwände machen diese merkwürdige WM vermutlich nicht zu einer duften Veranstaltung. Die WM-Vergabe war alles andere als eine Glanztat, Kritik an Gastgeber und Turnier sind richtig und wichtig. Doch so wenig wie der schlichte Moralkompass "Gut" vs. "Schlecht" in der Vergangenheit getaugt hat (WM 1978 in der Militärdiktatur Argentinien), so wenig taugt er heute. 

Viel zu selten verirren sich nach vorne gerichtete Protestideen in die Diskussion: Wie etwa der Vorschlag, dass sich die Spieler beim Torjubel küssen könnten. Das wird vermutlich nicht passieren, aber allein der Gedanke ist immer noch hilfreicher als das Gejammer über Flecken, die eine längst vergossene Milch hinterlassen hat.

Mehr zum Thema

Newsticker