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Wut auf Corona-Maßnahmen Fans ohne Masken im Stadion: China zensiert TV-Bild während der WM

Zensiert China Live-TV wegen fehlender Corona-Masken?
Ein einigen TV-Szenen, in denen Zuschauer in Nahaufnahme ohne Corona-Masken zu sehen sind, blendet das chinesische Staatsfernsehen stattdessen andere Spielaufnahmen ein.
© Screenshot CCTV, Twitter: Mark Dreyer / Collage: Stern
Der Unmut in China wächst. Anlass sind rigorose Beschränkungen gegen die schlimmste Corona-Welle seit Pandemie-Beginn. Seit Jahrzehnten hat das Land nicht mehr solche Demonstrationen erlebt. Zensiert das chinesische Staatsfernsehen nun Live-Bilder der WM, um die Wut nicht noch zu steigern?

Trotz der größten Proteste seit Jahrzehnten in China will die Regierung nichts von einer Unzufriedenheit im Volk über ihre strikte Null-Covid-Strategie wissen. "Was sie ansprechen, spiegelt nicht wider, was in Wirklichkeit passiert ist", sagte Außenamtssprecher Zhao Lijian in Peking auf eine Journalistenfrage nach dem Unmut vieler Bürger und den Demonstrationen mit Tausenden Teilnehmern in mehreren Metropolen. In seiner auffällig kurzen Reaktion äußerte sich der Sprecher zudem überzeugt, dass der Kampf gegen die Corona-Pandemie erfolgreich sein werde – "unter der Führung der Kommunistischen Partei und mit der Unterstützung des Volkes".

Zensiert Chinas Staatsfernsehen Live-Spiele der WM?

Um die Wut in der Bevölkerung nicht noch weiter zu steigern, werden Vorwürfe laut, die chinesische Regierung zensiere Live-Bilder der Weltmeisterschaft in Katar. Im Gegensatz zu China sind die allermeisten WM-Zuschauer in den Stadien ohne Mund- und Nasenbedeckung zu sehen. Laut ADAC müssen Einreisende in Katar derzeit keinen Covid-19-Impfnachweis vorlegen und auch der Nachweis eines negativen Corona-Tests sei aktuell nicht vorgeschrieben. Bill Birtles, seines Zeichens Ostasien-Korrespondent des australischen Senders ABC, hat derweil zwei Live-Bilder der gleichen Fußballübertragung parallel abgespielt und per Handy-Video dokumentiert. Der aus seiner Perspektive linke Bildschirm zeigt den chinesischen Sender "CCTV 5", der rechte Screen den australischen, öffentlich-rechtlichen Kanal "SBS".

So schreibt Birtles in seinem Post, "also dachte ich, es wäre Blödsinn, dass Chinas staatlicher Sender Aufnahmen von Fans bei der Weltmeisterschaft zensiert, wegen der Corona-Proteste im eigenen Land. Aber es ist wahr. Hier sind Live-Feeds von SBS & CCTV (mit einer Verzögerung von 32 Sekunden)." Auch das Verifikationsteam des stern hat verschiedene Livestreams mit den Aufnahmen aus China verglichen und kann die staatlich gesteuert Bildauswahl bestätigen. Wenn beispielsweise australische, britische oder deutsche Sender jubelnde Fans auf den Tribünen einblendeten, waren in den chinesischen Übertragungen auffällig oft Aufnahmen von Spielern, Trainern oder Schiedsrichtern der WM-Partien zu sehen. Zuvor hatte schon der Autor Mark Dreyer auf seinem Twitter-Kanal über das chinesische Zensur-Phänomen berichtet. 

Größte Proteste in China seit 1989

Es sind die größten Demonstrationen seit der Demokratiebewegung 1989 in China, die das Militär damals blutig niedergeschlagen hatte. Protestmärsche gab es am Wochenende in der Hauptstadt Peking und anderen Millionenstädten wie Shanghai, Chengdu, Chongqing, Wuhan, Nanjing, Xi'an und Guangzhou. Sie richteten sich gegen die strikten Maßnahmen der chinesischen Null-Covid-Politik wie wiederholte Lockdowns, Corona-Massentests und Zwangsquarantäne. In China herrschte praktisch eine Nachrichtensperre. Soziale Medien waren voll mit Videoaufnahmen, die von der Zensur aber schnell wieder gelöscht wurden. Als Symbol des Widerstands und des Protests gegen die Zensur hielten viele Demonstranten unbeschriebene weiße Blätter hoch. Es wurde "Hebt den Lockdown auf" und "Wir wollen keine PCR-Tests, wir wollen Freiheit" gerufen.

China: Größte Proteste seit Jahrzehnten

Sehen Sie im Video: Größte Proteste seit Jahrzehnten: Chinas Bürger demonstrieren gegen die Corona-Maßnahmen.

Mit Ironie gegen den Staatsapparat

Manche Demonstranten trauten sich, den Präsidenten direkt zum Rücktritt aufzufordern oder riefen Slogans wie "Nein zu Covid-Tests, Ja zur Freiheit!". Andere griffen zur Ironie, um sich nicht angreifbar zu machen. So skandierte am Sonntagabend in Peking eine Menschenmenge am Fluss Liangma: "Ich will mich auf Covid testen lassen, ich will meinen QR-Code scannen". Ähnliche Sätze waren auch auf Weibo zu finden. Im Internet verbreiteten sich auch Zitate von Xi, die – aus dem Zusammenhang gerissen – so wirkten, als würde der Staatschef die Proteste unterstützen: "Jetzt organisiert sich das chinesische Volk und lässt nicht mit sich spaßen", lautete einer dieser Sätze in einem Videoclip.

Internetnutzer teilten auch Memes von der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar, in denen sie Bilder von Spielern ohne Mund-Nasen-Schutz verwendeten, um sich über die chinesische Pandemiepolitik lustig zu machen. In einem inzwischen zensierten Video sind jubelnde Fußballfans zu sehen, unterlegt mit den Befehlen "Setzt eure Masken auf!" oder "Lasst euch testen!".

Kampf gegen Chinas Firewall

Internationale Social-Media-Plattformen wie Twitter und Instagram werden von der chinesischen Zensur, der "großen elektronischen Mauer", blockiert. Technisch versierte Chinesen können jedoch mit spezieller Software über sogenannte Virtual Private Networks (VPN) die Firewall umgehen und so Informationen über die Proteste posten. Manche Demonstrationen wurden live über die Landesgrenzen übertragen. Chinesische Studierende im Ausland organisierten zudem Proteste auf der ganzen Welt.

mth mit Agenturen DPA AFP

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