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WM-Aus von René Adler: Ein Fall mit Fragezeichen

Fünf Wochen vor Beginn der Fußball-WM steht die deutsche Mannschaft ohne eine Nummer 1 da. Die Absage von René Adler wirft Fragen auf - auch für Bundestrainer Joachim Löw.

Von Klaus Bellstedt

Bundestrainer Joachim Löw ist in diesen Tagen ein Vieltelefonierer: Anfang der Woche griff er selber zum Hörer und klärte Kevin Kuranyi in einem für beide Seiten sicher nicht sehr einfachen Gespräch darüber auf, dass in seinem WM-Spielsystem kein Platz für den Schalker Stürmer sei. Nur einen Tag später wurde Löw dann selber angerufen. Zunächst meldete sich Simon Rolfes am anderen Ende der Leitung. Der defensive Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen teilte dem DFB-Coach mit, dass er es wegen seiner Knieverletzung nicht mehr rechtzeitig bis zur WM schaffen werde. Damit musste Löw rechnen. Nicht rechnen konnte der Bundestrainer dann mit einem weiteren Anruf aus Nordrhein-Westfalen. Deutschlands Stammtorhüter René Adler unterrichtete ihn über einen gemeinsam mit den behandelnden Ärzten gefassten Entschluss, seine Rippenfraktur nun doch operieren zu lassen. Löw war sofort klar, was das bedeuten würde: Seine Nummer 1 im Tor der Nationalmannschaft wird die WM nicht spielen können.

Die Nachricht von Adlers plötzlichem WM-Aus, sie gibt Rätsel auf - vor allem auch medizinische. Zwei Wochen nach seinem erlittenen Rippenbruch aus dem Spiel beim VfB Stuttgart und der anschließenden Diskussion über seinen WM-Einsatz hatte Adler bereits am letzten Wochenende gegen Hertha BSC Berlin sein überraschendes Comeback gefeiert. "Ich habe von den Ärzten grünes Licht und gesagt bekommen, dass da nichts Schlimmeres kaputt gehen kann und es nur eine Schmerzens-Geschichte ist. Dies konnte ich gut in Kauf nehmen", so der Schlussmann im Anschluss an die Partie in der BayArena, die auch deshalb 1:1 endete, weil Adler für seine Mannschaft stark hielt und er damit Zweifel an seiner Tauglichkeit für die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika zerstreute.

Wer soll nach der Absage von René Adler im WM-Tor stehen?

Falscher Ehrgeiz und fragwürdige Diagnosen

In der Woche vor dem Spiel bei Hertha BSC Berlin hatte Adler eine Reise nach München unternommen. Wie so viele deutsche Nationalspieler vertraut auch der Goalie von Bayer Leverkusen Nationalmannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Der Bayern-Doc untersuchte Adler, genauso wie der Münchener Orthopäde und Spezialist Ludwig Seebauer vom Klinikum Bogenhausen. Nach den Worten von René Adler hatten beide Mediziner keine Einwände gegen den Wiedereinstieg des Torwarts ins Mannschaftstraining. Es folgten drei Tage hartes Training sowie das Bundesliga-Spiel gegen Berlin. Zu viel für René Adler, der ja eigentlich von seinen Ärzten gesund geschrieben worden war. Dabei hatte der Torhüter auch zugegeben, dass es nach nur drei Tagen Training nicht ganz einfach war. "Ich wollte der Mannschaft aber helfen, in die Champions League zu kommen", meinte der neunmalige Nationalspieler, der sich bereits 2006 einen Rippenbruch zugezogen hatte.

Falscher Ehrgeiz, dafür kann man keinen Profisportler im Nachhinein verurteilen - zumal das "OK" der Ärzte ja vorlag. So nährt sich also der Verdacht, dass im Fall René Adler eine Fehldiagnose durch die Mediziner Müller-Wohlfahrt, der bei einer neuerlichen Untersuchung diese Woche festgestellt hatte, dass die Blessur wohl doch schwerwiegender als zunächst angenommen ist, sowie Seebauer getroffen wurde. Eine mutmaßliche Fehleinschätzung, die Adler möglicherweise um eine Fußball-Weltmeisterschaft gebracht hat. Ludwig Seebauer war auf Anfrage von stern.de am Dienstag nicht zu erreichen.

Wiese liegt vor Neuer

Fakt ist, dass die jetzt aufkommenden und aus der Ferne betrachtet berechtigten Zweifel an der Richtigkeit des vorläufigen ärztlichen Urteils neue Unruhe in die Nationalmannschaft tragen wird. Unruhe, die Bundestrainer Joachim Löw zum jetzigen Zeitpunkt nicht gebrauchen kann, zumal er nun, zwei Tage vor der Nominierung seines vorläufigen und erweiterten WM-Kaders zu allem Überfluss wieder einmal mit der leidigen "T-Frage" konfrontiert wird.

Wer wird jetzt die neue Nummer 1? Wen nimmt Löw als dritten Torwart mit zur WM nach Südafrika? Die Frage nach dem dritten Torwart lässt sich noch einigermaßen entspannt beantworten. Auch weil Deutschland nach wie vor Torwartland ist. Butt, Rost, Weidenfeller - Löw hat die freie Auswahl. Alle drei Kandidaten sind sturmerprobt und klug genug, eine WM auch als Tourist durchstehen zu können. Wobei diesbezüglich der als extrem loyal geltende Jörg Butt vom deutschen Meister FC Bayern München einen kleinen Vorsprung haben sollte.

Aber wer steht denn jetzt gegen Australien im deutschen Tor? Offiziell hatten sich Löw und Torwarttrainer Köpke auf eine Hierarchie hinter Adler nie festlegen wollen. Inoffiziell aber war allen Experten klar: Neuer würde als Nummer zwei ins Turnier gehen, der kantige und selbstbewusste Wiese würde zweiter Ersatzkeeper werden. Das war die Situation Anfang März. Im letzten Drittel der Bundesliga-Saison hat sich der Bremer Schlussmann aber leistungsmäßig an Schalkes Neuer vorbeigeschoben. Ergo: Wiese müsste eigentlich die neue deutsche Nummer 1 werden. Fragt sich nur, wie wichtig dem Bundestrainer der Leistungsgedanke wirklich ist. Neue Unruhe droht - vielleicht schon am Donnerstag.

P.S. Sind Deutschlands Chancen bei der WM durch den Ausfall von Rene Adler gesunken? Wer soll jetzt als erster Torwart spielen? Neuer? Wiese? Oder braucht Jogi Löw jetzt einen ganz anderen Kandidaten? Diskutieren Sie mit auf Fankurve 2010, der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

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