WM-Qualifikation Ein Adler fliegt gen Süden


Torwart René Adler hat den Deutschen mit einer famosen Leistung gegen Russland das direkte WM-Ticket beschert. Im Hinblick auf die WM in Südafrika stellt sich die "T-Frage" in neuem Licht dar.
Von Klaus Bellstedt, Moskau

Dass der Moskowiter deutsche Autos mag, ist nichts Neues. Das liegt an ihrer Zuverlässigkeit. Aber dass die Liebe so weit gehen würde? In der Halbzeitpause des WM-Qualifikationsspiels zwischen Russland und Deutschland im Eisschrank des Luschniki-Stadions spielten sich bizarre Szenen in der Arena ab. Das eigene Team lag zwar mit 0:1 zurück, aber von Frust auf den ausverkauften Rängen war nichts zu spüren. Der Grund war eine Fahrzeugvorführung von VW, die das Publikum zu Jubelstürmen hinreißen ließ.

Nach 93 Minuten und der durch den Schlusspfiff von Schiedsrichter Busacca endgültig besiegelten Niederlage der "Sbornaja" gegen das DFB-Team applaudierten die russischen Fans immer noch. Dieses Mal aber nicht wegen irgendwelcher Autos des Wolfsburger Autoriesen. Vielmehr war es Torhüter René Adler, dem sie ehrfurchtsvoll Beifall spendeten. Adler hatte gerade der deutschen Nationalmannschaft mit einem halben Dutzend vereitelter russischer Großchancen die direkte Qualifikation zur WM 2010 in Südafrika beschert. So etwas honorieren Russen. Sie schätzen solche Leistungen. Man kann das gut mit ihrem Verhältnis zu deutschen Autos vergleichen.

"Das emotionalste Spiel in meiner Karriere"

Aber zurück zum Beginn dieses denkwürdigen WM-Qualifikationsspiels: Der Kälteeinbruch in Moskau mit einem Temperatursturz von knapp zehn Grad im Vergleich zum Vortag trug seinen Teil zur elektrisierenden Stimmung im Stadion bei. Irgendwie musste man sich ja warm halten. Das geht am Besten mit Singen und Hüpfen. Dazu kommt, dass Russen seit eh und je etwas von Masseninszenierungen verstehen. So herrschte vor der Partie eine fast schon beängstigend aufgeheizte Atmosphäre. Junge Spieler wie der 24-jährige René Adler (bis dahin sechs Länderspiele) oder der 20-jährige Mesut Özil (vier Länderspiele) mussten sich davon einfach beeindrucken lassen. Sie taten es nicht.

"Das war das emotionalste Spiel in meiner Karriere. Wir wollten hier in Moskau das Ticket lösen und wir sind stolz darauf, dass wir es geschafft haben", René Adler wirkte nach dem 1:0-Erfolg der DFB-Auswahl fast schon ein bisschen ergriffen. So richtig begriffen hatte er seine eigene Leistung noch nicht. Der Arbeitstag des Torhüters, der ja erst durch die Krankheit von Robert Enke in die erste Elf gerutscht war, begann im Luschniki-Stadion in der 30. Minute. Beim Stand von 0:0 rettete der Leverkusener Keeper gegen Wladimir Bystrow mit einer Weltklasseparade. Hätte der Russe den Ball im Tor versenkt, es wäre vermutlich ein komplett anderes Spiel entstanden.

Ein großer Schritt in Richtung WM

So aber markierte Bayerns Null-Tore-Stürmer Miroslav Klose quasi im Gegenzug mit einem Abstaubertor das 1:0 für die Nationalmannschaft, die in Moskau mit einer konzentrierten Leistung eines ihrer besten Spiele dieser WM-Qualifikation ablieferte. Vor allem auch Dank René Adler, der nach der Pause, als die Russen ein wahres Offensivfeuerwerk zündeten, zum Helden der Schlacht avancierte. Nacheinander rettete der deutsche Torwart in Weltklasse-Manier gegen Kerschakow, den kreuzgefährlichen Arschawin und später noch gegen Semschow. Die Gelb-Rote Karte von Debütant Boateng hatte die DFB-Defensive zwischenzeitlich in arge Bedrängnis gebracht. Wohl dem, der in diesen Situationen solch einen Torhüter zwischen den Pfosten stehen hat.

"René Adler hat immer wieder die richtige Entscheidung getroffen - für sich, aber auch für uns Verteidiger", lobte im Anschluss an die Partie Innenverteidiger Per Mertesacker. Und dann sprach der baumlange Abwehrrecke einen Satz aus, den so mancher seiner Mitspieler vermutlich auf den Lippen hatte, sich aber nicht traute, ihn auszusprechen: "Er hat heute einen großen Schritt in Richtung WM gemacht."

Professionell und bescheiden

Enke, Adler, Neuer, Wiese. Das war die Rangliste der Torhüter vor den letzten drei WM-Qualifikationsspielen gegen Aserbaidschan, Russland und Finnland. Nach dem famosen Auftritt von René Adler in Moskau muss diese jetzt aber umgeschrieben werden - gerade im Hinblick auf die WM im nächsten Jahr. Wer Bundestrainer Joachim Löw kennt, der weiß, wie sehr ihn solche Leistungen in derartigen Schlüsselspielen, in denen es um mehr als nur drei Punkte geht, beeindrucken. Vielleicht ist es auch deshalb nicht mal mehr eine Überraschung, würde René Adler im deutschen WM-Eröffnungsspiel in Südafrika in der Startelf stehen.

Die Worte des DFB-Coaches am Abend in Moskau konnte man guten Gewissens in diese Richtung deuten: "Ich kann ihm nur ein großes Kompliment machen. Und zwar nicht nur wegen seiner Leistung heute, sondern auch insgesamt. René Adler hat die ganze Woche Ruhe und Souveränität ausgestrahlt. Er macht auch mental einen sehr stabilen Eindruck." Es spricht für den Torwart, dass er an diesem bitterkalten Abend von Moskau selbst auf dem Boden blieb und Fragen nach einer neuen Reihenfolge in der deutschen Torhüter-Rangliste beharrlich abblockte. "Damit beschäftige ich mich gar nicht. Das hat im Vorfeld keine Rolle gespielt und jetzt auch nicht." Professionalität und Bescheidenheit - zwei weitere Tugenden, auf die der Bundestrainer steht.

René Adlers Arbeitstag von Moskau endete um kurz nach halb elf Ortzeit. Der Torwart der Nationalmannschaft bestieg als einer der Letzten den Mannschaftsbus. Er wurde dabei von einer kleinen Gruppe russischer Mädchen mit Pelzmützen auf dem Kopf bejubelt. Die Mädchen breiteten dabei ihre Arme aus und deuteten lachend Flügelschläge an. Keine Frage: Es waren die Schläge eines Adlers.


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