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Zenit St. Petersburg: Das Lieblingskind von Gazprom

Leverkusens Gegner im Uefa-Pokal, Zenit. St. Petersburg, gehört dem russischen Gas-Riesen Gazprom. Mit den Konzern-Millionen führte Trainer Dick Advocaat die Truppe zur russischen Meisterschaft und will jetzt auch in Europa angreifen.

Von Aarni Kuoppamäki, St. Petersburg

Zenit St. Petersburg war kein großer Verein. Traditionsreich ja - der früheste Vorgänger "Stalinets" wurde im Jahr 1925 gegründet. Aber in seiner 80-jährigen Geschichte hatte der einzige Erstligaverein der zweitgrößten Stadt Russlands nur ein Mal die Meisterschaft gewonnen. Doch mit dem 23. Dezember 2005 wurde alles anders. Da gab der weltgrößte Erdgas-Konzern Gazprom bekannt, die Aktienmehrheit am Fußballverein Zenit zu übernehmen. Effektivität und Disziplin wurden zu den neuen Leitlinien erklärt. Zwei Jahre später, im November 2007, war Zenit russischer Meister.

Was war geschehen? Mit den Millionen vom neuen Besitzer wurde die Mannschaft verstärkt. Zunächst holte man Alejandro Dominguez von Rubin Kasan für rund fünf Millionen Euro - die höchste Ablöse, die je innerhalb der russischen Liga gezahlt worden war. Bald darauf legte Gazprom zwei Schippen drauf und verpflichtete für 15 Millionen Euro den ukrainischen Nationalspieler Anatoli Timoschuk. Neuer Trainer wurde der Niederländer Dick Advocaat, der zuvor unter anderem bei Borussia Mönchengladbach und der Nationalmannschaft der Niederlande die Verantwortung getragen hatte.

Zenit soll europäischer Spitzenklub werden

Geht es nach den Mächtigen des Konzerns, beginnt die Erfolgsgeschichte gerade erst. Solange Gas aus der sibirischen Erde strömt, fließt bei Zenit das Geld. Ende Dezember soll die Gazprom-Arena eingeweiht werden, ein hochmodernes Fußballstadion mit Platz für 62.000 Zuschauer. Kostenpunkt: Rund 180 Millionen Euro. Mitte März wurde Alexander Djukov als Vereinspräsident eingesetzt. Mit Fußball hatte der 40-Jährige bisher wenig zu tun, zuvor war er als Generaldirektor des Unternehmens Gazprom-Öl tätig. Die Zielsetzung des Managements ist klar: Zenit soll an die Spitze des europäischen Vereinsfußballs.

Noch ist es nicht soweit. Wer im Spiel gegen Leverkusen auf den russischen Meister setzt, hat Aussicht auf eine Verfünffachung seines Einsatzes, denn die Wettbüros sehen die Deutschen als Favoriten. Doch diese Rolle hatten auch schon FC Villareal und Olympique Marseille inne, die letzten Gegner von Zenit im Uefa-Cup. In der Fremde verloren die Russen zwar, aber mit Heimsiegen und Auswärtstoren kickten sie ihre namhaften Gegner aus dem Wettbewerb. Im 83 Jahre alten Petrowski-Stadion spielt die Mannschaft zwar nur vor rund 20.000 Zuschauern - trotzdem hat es sich überraschender Weise zur Festung entwickelt. Daheim kassierte der Verein weder gegen den spanischen noch gegen den französischen Spitzenverein Gegentore. In der russischen Liga hatte Zenit ein Jahr lang kein Spiel verloren - bis zu 1:3-Niederlage gegen Rubin Kasan am vergangenen Sonntag. Mit zuletzt zwei Niederlagen ist allerdings auch Leverkusen in der Bundesliga etwas aus dem Tritt gekommen.

Ermittlungen wegen rassistischer Fan-Pöbeleien

Rudi Völler beurteilt die Chancen gegen den russischen Meister als ausgeglichen. Der teure Timoschuk hat sich in Zenits Mittelfeld mehr als bewährt. Er ist Antreiber und Ideengeber. Weitere Schlüsselspieler sind Andrey Arschavin, Stürmer und Kapitän der russischen Nationalmannschaft, und Stürmer Pavel Pogrebnjak, der mit sieben Treffern die Torjägerliste des Uefa-Cups anführt - gemeinsam mit Luca Toni. Auf der rechten Seite sorgt der agile Viktor Fayzulin für gefährliche Vorstöße.

Verzichten müssen die Blau-Weißen (ja, auch Schalke 04 verdankt seinen Sponsorenvertrag wohl den Gasprom-gleichen Vereinsfarben) auf den "kleinen General". Trainer Dick Advocaat wird das letzte von drei Spielen Sperre auf der Tribüne absitzen. Er sah beim Rückspiel gegen den FC Villareal die Rote Karte, so wie zwei seiner Spieler. Bei der Begegnung gegen Marseille kam es zum Eklat, nachdem der dunkelhäutige Franzose Ronald Zubar über rassistische Beschimpfungen und einen Bananenwurf von der Zuschauertribüne klagte. Zenit zeigte sich von den Vorwürfen überrascht, die Uefa hat eine Untersuchung angekündigt.

Spitzenfußballer kommen nur ungern nach Russland

Der Trainer mag seine Mannschaft nicht als teuere Truppe sehen, die sich ihre Stars im Ausland kauft. Vergangenen Sonntag begann Advocaat die Partie mit acht Russen auf dem Feld. Auf die Frage eines Journalisten, ob Zenit seinen Erfolg den Finanzspritzen von Gasprom und dem Genie Dick Advocaats verdanke, begegnete der Niederländer trocken: "Letzteres ist absolut richtig". Während seiner zwei Jahre in St. Petersburg habe Gasprom 30 Millionen Euro in Verstärkungen gesteckt - für einen europäischen Topklub seien das doch nur Peanuts. Und auch mit Geld sei es nicht einfach, Spitzenkräfte nach Russland zu locken.

Unabhängig vom Ausgang des Vergleichs mit Bayer Leverkusen sieht Zenit St. Petersburg guten Zeiten entgegen. Vor zwei Wochen hat in Russland die neue Saison begonnen. Für Sommer-Transfers dürfte mit Gazprom im Rücken und einem Etat von umgerechnet 64 Millionen Euro der ein oder andere Rubel übrig sein. Während Präsident Putin sich beim Fußball eher zurückhaltend gab, ist Nachfolger Medwedew Vorsitzender eines Promi-Fanclubs. Und während Bayer sich in der Bundesliga noch gegen Hamburg, Schalke und Bremen durchsetzen muss, steht für den russischen Meister bereits fest: In der Saison 2008/2009 spielt Zenit St. Petersburg in der Champions League.

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